Platte der Woche
Im freien Fall
Untied States - Instant
Everything, Constant Nothing
Eine Achterbahnfahrt die ins Nichts und Überall hinführt. Die Platte der Woche.
Das erste Mal Sonic Youth war für mich wie der erste David Lynch. Ich war es gewohnt rational zu sein, wollte verstehen und fand doch keinen Anhaltspunkt. Natürlich, es gab dieses bisschen Pop, aber im nächsten Augenblick war es verschwunden, zurückgekehrt in die kostbare Schatulle. Und es blieb dort, versteckte sich genau diesen Augenblick zu lang, dass ich mich verloren fühlte. Es war der Moment in dem Art-Rock seine majestätische Ausstrahlung einbüßte, in sich zusammenbrach und für mich zu strukturlosem Krach wurde. Aber ich kannte ja auch kaum mehr als Nirvana.
Eine Band aus Atlanta ließ mich daran zurückdenken: wie sehr sich Erwartungen und Gewohnheiten an Musik hängen, sie für sich vereinnahmen. Und dieser Krampf mit ihnen. Schon allein die Überwindung, die es kostet, sie jedes Mal alle einzeln abzuschütteln, um sich wirklich von ihnen frei zu machen. Um in den Bereich zu kommen, indem alle Kunst und natürlich auch Sonic Youth funktionieren – nämlich rein intuitiv. Die verantwortliche Band von der ich bislang nie Notiz genommen hatte hieß Untied States, und bereits der Titel ihres neuen Albums machte klar, dass es mit ihnen nicht leicht werden würde.
Eine amerikanische Zeitung verglich Instant Everything, Constant Nothing mit einer Achterbahnfahrt die gleichzeitig ins Nichts und Überall hinführt. Dabei fängt alles ganz harmlos an, selbst der Gedanke an einen Sicherheitsbügel scheint überflüssig. Doch nach der ersten, spätestens nach der zweiten Abzweigung wird unübersehbar wie nervös das Gebilde ist, was man lax als amerikanischen Indie-Rock brandmarken wollte. Und es schreit voller Verweigerung, beißt, wimmert und fleht dagegen an, und wenn das nicht ausreicht, dekonstruiert es einfach den Streckenabschnitt und man befindet sich im freien Fall.
Dass man sich trotz allem nicht vollkotzt und weiterhin an eine Vergnügungsfahrt glaubt liegt daran, dass Untied States ihre besagte Schatulle immer einen Spalt geöffnet haben. Gerade soweit, dass man nicht im Chaos versinkt. Aber nicht soweit, dass man auf die Idee käme noch einmal zufahren. Jedenfalls nicht sofort. Aber das hat ja Tradition im Art-Rock. (8/10)
Untied States - Instant Everything, Constant Nothing
VÖ: 30. April 2010
Distile Records
Bildquelle: Untied States