Politik

19.05.2010
Benjamin Krischke Autor: Benjamin Krischke
benjamin.krischke(at)mhmk.de
Interview

"Ich bin Radikaldemokrat"

Dominik Lehmann, Linksjugend
Solid, im Interview

Dominik Lehmann Ă¼ber den Begriff "Links", den Kapitalismus und warum die FDP eine Gefahr darstellt.

Das vegane Restaurant "Kopfeck" in München wurde als Treffpunkt bestimmt. An einem Freitag Abend, kurz nach sieben Uhr, kommt ein großer, dunkelhaariger Mann Mitte Zwanzig auf einen der Tische vor dem Restaurant zu. Pornobrille, lange Haare, Bandshirt, Lederjacke, Dominik Lehmann von der Linksjugend Solid sieht aus, wie sich der Durchschnittsbürger wohl einen Linken vorstellen würde und sein Charisma und die freundliche Art sind wohl die Gründe, warum er als "inoffizieller Pressesprecher", wie er sagt, auftritt. Bei einem Glas Bier spricht er über DIE LINKE, warum die "Linksjugend Solid" basisdemokratisch und parteinah, nicht aber parteizugehörig arbeitet, warum der Kapitalismus die falsche Wirtschaftsform ist und warum man eigentlich Angst vor der FDP haben sollte.

 

 

"Das Geschlecht ist ein Gesellschaftskonstrukt"

 

 

ZEITjUNG: Dominik Lehmann, wir sind in einem veganen Restaurant, in der Nähe des Gärtnerplatzes und in Münchens vermeintlich schwulem Stadtteil. Willst du damit gleich zum Anfang ein Statement setzen?


Dominik Lehmann: Eigentlich nicht. Das Restaurant gehört einem Freund von mir, aber trotzdem haben wir natürlich auch die Nähe zu Vegetariern, Veganern und eben auch zu Homosexuellen. Letztendlich sind wir einfach ein emanzipatorischer Jugendverband, der sich der Queer-Theorie nahe fühlt. Es geht darum, dass es nicht einfach nur Mann und Frau gibt, sondern dass das Geschlecht eine gesellschaftlich konstruierte Sache ist. Dadurch werden Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, ein Oben und Unten. Im Endeffekt sind wir aber alle Menschen, unabhängig von der einzelnen Biologie oder der sexuellen Orientierung.


Ist es in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch nötig für Dinge wie Feminismus oder Gleichberechtigung einzutreten?
 

Selbstverständlich. Die Problematik zu leugnen wäre ja lächerlich. Es ist immer noch so in der Gesellschaft, dass Frauen bei der selben Qualifikation einfach weniger verdienen und über eine Diskriminierung von Homosexuellen oder Trans-Gender Persönlichkeiten braucht man ja gar nicht erst zu diskutieren. Unsere vermeintlich schöne, gut bürgerliche, liberale Gesellschaft gaukelt uns vor, dass eben alles schön ist und alle gleich sind.


Du studierst soziale Arbeit. Hast du nicht Angst, dass durch aufgezwungene Quoten auch die Qualität an Universitäten nachlassen könnte? Schließlich wollt ihr als Linksjugend zwar keine Trennung von Geschlechtern, aber durch Quoten werden Geschlechter getrennt und die Diskriminierung könnte sich nur verschieben.


Es geht ja nicht darum, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, sondern nur darum die Macht der Männer zu begrenzen. Denn in einer partriarchalen Gesellschaft setzen sich immer die Männer durch. Und in den Universitäten zeigt sich das gleiche Bild, wie in der Wirtschaft oder in den Parteien, da möchte ich unsere Partei (Anm: Die LINKE) auch gar nicht ausnehmen. Die Quote soll einfach zeigen, dass es nicht nur qualifizierte Männer gibt und leider muss man dieses Umdenken in unserer Gesellschaft nunmal erzwingen.


Sind dann ein schwuler Außenminister und eine Bundeskanzlerin nur schöne Ausnahmefälle?


Schau dir die Welt doch nur mal an. Wieviele weibliche Staatschefs gab es denn bisher? Interessanterweise wurde die erste weibliche Staatschefin im 20.Jahrhundert in Indonesien eingesetzt und nicht im sogenannten viel besseren und fortschrittlicheren Europa. Eine Angela Merkel ist deshalb Bundeskanzlerin, weil sie nichts mit der Spendenaffäre der CDU zu tun hatte. Sonst wäre mit Sicherheit ein Schäuble oder jemand anderes Bundeskanzler geworden. Natürlich ist ein schwuler Außenminister und eine Bundeskanzlerin ein nettes Zeichen. Aber ich würde den beiden Menschen grundsätzlich ein emanzipatorisches Denken absprechen.


Wie stehst du denn zur FDP?


Die FDP ist eine Partei, die sich ganz offen dem Marktradikalismus verschreibt. Sie will eine Entstaatlichung des Marktes und weg vom Sozialstaat, das halte ich für sehr problematisch. Ich halte die FDP für gefährlich. Die berufen sich auf Friedrich August von Hayeck, einen Theoretiker des Neoliberalismus, der gesagt hat, er wisse gar nicht was sozial eigentlich sei. Könnte die FDP tun und lassen was sie will, dann würden sie den Sozialstaat abschaffen.

 

 

"Wir brauchen einen Primaten der Gesellschaft, nicht der Wirtschaft"

 


Was bedeutet für dich eigentlich Links?


Also Links ist natürlich eine Begriffsfrage. Wenn du die grüne Jugend fragst, dann werden die Mitglieder auch sagen, dass sie links sind...


...Sind sie das denn nicht?


Meine Definition von Links ist einfach anders. Ich will definitiv den demokratischen Sozialismus, eine Gesellschaft jenseits von Kapitalismus. Ich bin gleichzeitig auch radikaldemokratisch und der Meinung, dass ein Parlament, so wie wir es momentan haben nicht ausreicht. Außerdem finde ich ein Mitbestimmungsrecht auf allen Ebenen wichtig. Es muss ein Primat der Politik wiederhergestellt werden, kein Primat der Wirtschaft. Das und was ich bereits gesagt habe, verbinde ich mit dem Begriff Links.


Du bezeichnest dich als radikaldemokratisch. In der Linken gibt aber vor allem die  fundamentale Kommunistin Sahra Wagenknecht stark den Takt vor. Wie kann denn Demokratie und Kommunismus zusammenpassen?


Der Kommunismus war in seiner Ursprungskonzeption radikaldemokratisch. Der Realsozialismus, wie er in der DDR existierte, war kein Sozialismus, sondern eine autoritärer Staatskapitalismus. Die Leute durften nicht demokratisch mitbestimmen, weder im Staat noch in den Betrieben. Karl Marx hat den Sozalismus ursprünglich anders definiert und er hat auch nicht von einem starken Staat der alles lenkt und einer Partei die immer recht hat gesprochen, sondern vom frei handelnden, selbstbestimmten, assoziierten Produzenten. Für mich war der Realsozialismus eine Perversion des eigentlichen Grundgedanken.


Aber ist ein netter, freundlicher und wärmender Sozialismus überhaupt möglich, ohne die Realität aus den Augen zu verlieren?


Wenn man den Sozialismus als Übergangsphase zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft, dem Kommunismus, grundsätzlich mit einer Dikatur verbindet, dann könnte man auch behaupten, dass der Kapitalismus grundsätzlich mit einer Diktatur zu verbinden ist, was natürlich Quatsch wäre. Aber es gibt immer Ausnahmen. So herrschte im dritten Reich auch der Kapitalismus und was entstand war eine Dikatur. Das eine hat mit dem anderen also gar nichts zu tun.


Wo liegt denn dann das Problem?


Nicht in der Idee des Sozialismus. Wir sagen, dass der Kapitalismus das Problem ist. Er schafft Strukturen, in denen es Unterdrückung geben muss. Eine Milliarde Menschen hungern, eine weitere Milliarde lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Wir leben so gut, weil es anderen Menschen so schlecht geht. Die erste Welt beutet die dritte Welt aus.


Auf dem Prinzip der Ausbeutung beruht aber auch die Lebensqualität in unserer Gesellschaft. Geht es wirklich ohne Ausbeutung?  


Natürlich. Wir haben so viel Kapital, das wiederum nur wenige Menschen besitzen. Man müsste einfach nur umverteilen. Außerdem gibt es im Kapitalismus eine extreme Überproduktion, weshalb viele Waren auch einfach weggeworfen werden. Wenn man einfach klüger kalkulieren würde, die Produzenten sich untereinander absprechen würden und man nur soviel produziert, wie jedes Land auch wirklich braucht.

 

Wärst du denn bereit auf deinen Luxus, deinen Laptop, deinen Fernseher zu verzichten?

 Das müsste ich ja gar nicht...

 ...Ach Nein?


Wir haben eine so forgeschrittene Technik, da wäre es doch idiotisch zu sagen, man sollte rückwärts gehen. Ich finde es auch sehr seltsam, dass viele Menschen denken, Linke wollen irgendwie zurück. Ganz im Gegenteil, denn wir wollen nach vorne. Ich finde die modernen Formen der Massenproduktion auch großartig, weil es durch die Art der Produktion möglich wäre, dass die einzelnen Menschen viel weniger arbeiten müssten. Nur geht das im Kapitalismus einfach nicht.

 

 

"Koalitionen sind Wahlbetrug"

 


Die Vorsitzende der „grünen Jugend München“, Katharina Schulze, hat sich in einem Interview mit ZEITjUNG ganz klar gegen eine Koalition mit der LINKEN ausgesprochen. Das liege vor allem an der SED Vergangenheit und an der geforderten Einschränkung des freien Marktes. Kannst du dir eine Koalition mit den Grünen vorstellen?


Also ich bin grundsätzlich gegen Koalitionen. Denn da kann man im Endeffekt nur Wahlbetrug begehen. Wenn im Programmheft steht, dass man für einen demokratischen Sozialismus ist und dann mit den Grünen oder der SPD regiert, ist das ein Widerspruch in sich. Ich glaube, dass die Menschen Hoffnungen in die LINKE setzen. Wir sind die einzige Partei, die nicht dem Mainstream angehört, die einzige Partei die nicht dem Neoliberalismus als Wirtschaftsideologie folgt und wir werden von immer mehr Leuten gewählt und sind die einzige Partei, bei der die Mitgliederzahlen steigen. Und deshalb würden wir mit einer Koalition nur unsere Wähler betrügen.


Wechseln jetzt überzeugte Linke zu euch oder nur frustierte Mitte-Wähler?


Eigentlich legen wir aus allen Lagern zu. Mit Sicherheit sind darunter auch frustrierte Sozialdemokraten, aber auch Menschen, die von der FDP, den Grünen oder sogar von der CSU enttäuscht sind. Wir sind die einzige Partei die ein anderes Programm vertritt, ein Programm, das den Menschen zuerst sieht und nicht die Wirtschaft.

 

 

"Der Faschismus kommt in neuem Gewand"

 

 


Bei Aufmärschen gegen Rechts seid ihr auch immer mit dabei. Es entsteht aber oft das Bild von linken Provokateuren, die den Rechten ihr Recht auf frei Meinungsäußerung streitig machen wollen und das auch mit Gewalt.


Ja, das ist schon lustig, stimmt aber nicht so ganz. Ich würde aufpassen, wer eigentlich so etwas sagt. Es gibt auch in Bayern einige seltsam anmutende Situationen. Dazu gehört der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, ein ehemaliger Burschenschaftler, der die Überwachung von Burschenschaften durch den Verfassungsschutz abgebrochen hat...


… im Fall der "Danubia" und anderen Burschenschaften, die zwar als rechtsextrem bekannt sind, aber seit 2008 nicht mehr im Bericht des Verfassungsschutzes stehen...


...Gleichzeitig wird die Überwachung von Linken ausgeweitet. Ich möchte natürlich Nichts unterstellen, aber wir haben in der Geschichte dieses Landes schon öfter gesehen, dass Rechts vor Links bevorzugt wird.


Der Faschismus ist aber schon fast 70 Jahre her. Selbst die Großeltern unserer Generation waren zum Großteil kein Teil des NS-Regimes mehr. Inwiefern betrifft Faschismus aber trotzdem noch die heutige Zeit?


Es gibt neue Formen des Faschismus. Werfen wir doch mal einen Blick auf die sehr populär gewordenen Verschwörungstheorien, die sich auch in Filmen wie „Zeitgeist“ oder auf tausenden Internetseiten wieder finden. Eine Gruppe von bösen Menschen, die alles steuern und komischerweise immer Juden sind. Das ist eine neue Form des Faschismus. Auch im freien Markt findet sich diese Form wieder, man muss sich nur mal die FPÖ in Österreich anschauen. Diese Partei ist auf den freien Markt orientiert und gleichzeitig für die Ausgrenzung von Minderheiten und für ein Frauenbild aus dem vorletzten Jahrhundert. Der Faschismus kommt in neuem Gewand. Viele Neonazis übernehmen plötzlich linke Kleidungsstile und linke Codes und versuchen Jugendliche anzusprechen. Die alte Form des SA-Faschismus ist tot und es kommt eine neue Form, eine umso gefährlichere Form, weil man das Gedankengut hinter der Fassade nur noch schwer identifizieren kann.


Dominik, ich Danke dir für das Gespräch.  

 

 

Bildquelle: flickr.com, Fabian Bromann









 

 

 

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