Politik

28.08.2010
Linda Heinrichkeit Autor: Linda Heinrichkeit
linda.heinrichkeit(at)web.de
Mit Haken und Messer in die Walfangbucht
Mit Haken und Messer in die Walfangbucht Mit Haken und Messer in die Walfangbucht
Thema der Woche

"Mit Haken und Messer in
die Walfangbucht"

Aktivisten setzen sich für
den Walschutz ein

Meeresumweltschützer Jürgen Ortmüller über das Schlachten, Essen und Retten von Walen.

Jürgen Ortmüller ist Geschäftsführer des Wal- und Deflinschutzforum. Er setzt sich für den Erhalt der Meeressäuger ein und kämpft gegen Walfang. Gerade ist er von einer Mission auf den Färöer-Inseln zurückgekehrt.

 

ZEITjUNG: Herr Ortmüller, vor kurzem haben Sie mit einer Aktion auf den Färöer-Inseln auf sich aufmerksam gemacht. Was haben Sie dort genau unternommen?

 

Ortmüller: Wir kündigten der Färöer-Regierung und dem Premierminister unseren Besuch für Ende Juli 2010 an – auch um fast 60.000 Unterschriften einer Petition gegen das Walmorden zu übergeben. Gleichzeitig tarnten wir uns als Angler, um Informationen aus der Bevölkerung über ihre Waljagd zu erhalten. Unsere erste Station Ende Juli war der Walfangort Klaksvik im Nordosten der Inselgruppe. Dort hatte am 19. Juli eine Waljagd mit 228 erlegten Tieren stattgefunden. Wir deckten dabei den ersten Skandal auf. Freimütig erzählte uns der Inhaber eines Möbelgeschäfts, dass diese Jagd eigentlich nicht hätte stattfinden dürfen. Der sonst vorgesehene Strandabschnitt für das Zusammentreiben der Wale war wegen Bauarbeiten gesperrt. Stattdessen pferchte man die gesamte Walschule in eine kleine Hafenbucht mit gerade mal zehn mal 15 Metern. Dort wurden die Grindwale bestialisch abgeschlachtet. Das Gemetzel dauerte bis in die Nacht hinein, weil die Schlachtung der Vielzahl der Wale von den wenigen Bewohnern kaum bewältigt werden konnte. Die Meeressäuger litten also stundenlang.
 
Als wir dann noch von dem Geschäftsmann erfuhren, dass in dem Hafenbereich vor kurzem ein Ölunfall stattgefunden hatte und wir dort auf keinen Fall nach Fischen angeln sollten, war uns klar, dass auch der Walfang in dem verseuchten Wasser selbst nach den selbst auferlegten Regeln des Walfangs unzulässig gewesen ist. Unabhängig davon verzehren Erwachsene, Kinder und Frauen die schwanger werden wollen, das mit Quecksilber und PCB hochgradig kontaminierte Walfleisch mehrmals monatlich. Und das obwohl sogar die Regierung von dem häufigen Verzehr abrät. Ein etwa elfjähriges Mädchen berichtete uns Pseudo-Anglern in Klaksvik, dass sie das Walfleisch und den Walspeck wöchentlich auf den Teller bekommt.

 

Was haben Sie mit Ihrer Aktion erreicht?

 

Wir dokumentierten alle internen Verstöße teilweise mit Fotos und verdeckten Filmaufnahmen. Diese werden wir im Rahmen der Aufarbeitung sämtlicher Details unseres Besuchs der Regierung der Färöer-Inseln und Dänemarks zur Ahndung zukommen lassen. Das WDSF hat inzwischen auch Strafanzeige bei der Polizei der Färöer-Inseln gestellt.

Um die Grindwale zu schützen, charterten wir uns ein Schnellboot und versenkten im offenen Meer sogenannte Pinger mit Orcawalgeräuschen. Grindwale haben eine panische Angst vor Orcas, weil diese in ihren Walschulen wildern und vornehmlich Walbabys jagen. Seit unserer Aktion Anfang August wurde an der gesamten Ostküste keine einzige Walschule mehr gesichtet.  Inzwischen fragte das Färöer-Fernsehen mehrfach bei uns an, wie diese Pinger denn funktionieren würden und wie lange sie wirken würden. Wir werden darüber natürlich keine Auskunft erteilen, zumal wir inzwischen wissen, dass auch die dänische Marine nach unseren Pingern sucht.
 
Wir konnten auf jeden Fall erreichen, dass die Medien auf den Färöer-Inseln über unseren Appell bezüglich der Vergiftung durch den Verzehr des Walfleischs berichteten. Und wenn in diesem Jahr aufgrund unserer Pingeraktion sich keine Walschule mehr in Richtung der Färöer-Inseln verirrt, ist das ein großer Erfolg für die Wale.

 

Auf welche Resonanz stoßen Sie bei Bürgern in den Gebieten, in denen Sie aktiv sind, zum Beispiel auf den Färöer-Inseln?

 

Die Leute auf der Inselgruppe waren immer freundlich zu uns – selbst als sich nach einigen Tagen herumgesprochen hatte, dass wir offenbar doch keine Angler waren, sondern Meeresumweltschützer. Der Empfang im Parlament war ebenfalls sehr freundlich. Inzwischen berichten auch Zeitung in den USA, in Afrika, Spanien und Frankreich über unsere Aktion. Das wiederum spricht auch bei den Färöer-Bewohnern herum. Natürlich tun sich die Färinger sehr schwer damit, von ihrem traditionellen Walfang abzulassen, zumal uns bestätigt wurde, dass Volkfeststimmung aufkomme, wenn eine Walschule gesichtet wird. Jeder lässt alles stehen und liegen und stürzt mit Haken und Messer bewaffnet zur der betreffenden Walfangbucht. Früher wurden sogar die Gottesdienste unterbrochen, um die Gelegenheit der Waljagd nicht zu verpassen. Inzwischen besteht zumindest für Sonntags ein Walfangverbot.

 

Welche Steine werden Ihnen in den Weg gelegt?

 

Bei unserem offiziellen Aufenthalt wurden uns kaum Steine in den Weg gelegt. Allerdings wären die Leute sicherlich nicht so auskunftsfreudig gewesen, wenn wir uns nicht als Angler getarnt hätten. Kurz vor unsere Abreise wurden wir in einem Laden, der Walfangmesser verkauft, angesprochen, ob wir denn von Greenpeace seien. Auch an einer Tankstelle wurde am Tag unserer Abreise in unserer Anwesenheit laut über uns Walschützer diskutiert – wohlgemerkt auf Englisch und nicht auf Färöer. Eine direkte Diskussion mit uns strebte jedoch keiner der Walfänger an.

 

Durch den oscarprämierten Dokumentarfilm "The Cove" von Ric O'Barry hat das Delfinschlachten in Japan viel Aufmerksamkeit bekommen. Spüren Sie eine positive Entwicklung bei Ihrer Arbeit, bekommt auch Ihre Organisation mehr Aufmerksamkeit?

 

Unsere Zusammenarbeit mit Ric O’Barry in den vergangen Jahren und sein oscarprämierter Film „Die Bucht“ hat uns vom WDSF/ProWal zusätzlich ermutigt, in die Höhle des Löwen zu gehen. Bisher hatte es keine Organisation offiziell gewagt, auf die Färöer-Inseln zu reisen. Ric ist weiterhin intensiv mit dem Verhindern des Delfinfangs in Taiji/Japan befasst, wir werden uns weiterhin intensiv um ein Stopp des Walfangs auf den Färöer kümmern. Dabei werden wir alle legalen Register ziehen und auch weitere Vor-Ort-Aktionen nicht scheuen.

 

Wie dramatisch ist die Lage der Wale und Delfine auf der Welt tatsächlich und wie wird Sie sich entwickeln?

 

Die Entwicklung der Population der Grindwale (auch Pilotwale genannt) ist sehr dramatisch. Auf den Färöer-Inseln wurde im Jahr 2008 kein einziger Grindwal gesichtet, obwohl seit Jahrhunderten jedes Jahr bis zu 4.000 Grindwale getötet werden. Der alljährliche Durchschnitt der erlegten Wale liegt dort bei 900 Tieren. Eine Zählung im Jahr 2007 soll eine Populationsgröße von 778.000 Grindwale im Nordatlantik zwischen Kanada und Norwegen ermittelt haben.

Wir konnten jedoch im persönlichen Gespräch mit einem Färöer-Teilnehmer dieser Zählung erfahren, dass bei dieser Ermittlung der angeblich noch vorhandenen Grindwale rund fünf Boote mit jeweils vier bis fünf Personen Besatzung im Einsatz sind. Jeweils ein Boot sei aus Norwegen, Island, Grönland, den Färöer-Inseln und Kanada dabei – alles Walfangländer. Dabei hätte jedes Boot einen vorgegeben Abschnitt mit Ferngläsern zu kontrollieren und aufgrund der Sichtung der Walschule würde eine Hochrechnung erstellt. Das ist natürlich völlig lächerlich und hält keiner wissenschaftlichen Betrachtung stand.

Die Walfangländer rechnen sich ihre Grindwal-Zahlen schön, um weiterhin jagen zu können. Die Dezimierung bis hin zur Ausrottung interessiert sie gar nicht. Jedes dieser Länder verfügt ebenso wie jedes westliche Land über einen Reichtum an anderen Lebensmitteln, sodass selbst eine Ausrottung der Wale kein Versorgungsproblem darstellt. Wir vom WDSF und ProWal gehen insbesondere nach Kenntnis der Ermittlung der veröffentlichten Populationszahlen und der verminderten Sichtung von Walschulen davon aus, dass die Grindwale extrem vom Aussterben bedroht sind. Nur weil sie zutraulich sind und der Mensch sie dadurch überhaupt sichtet, kann man nicht auf eine Vielzahl der verbleibenden Tiere schließen.

 

Was muss konkret in Zukunft geschehen, um Wale und Delfine zu schützen? Wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?

 

Jeder kann etwas tun, um die Riesen der Meere zu schützen, natürlich auch die Kleinwale wie die Delfine. Setzen Sie sich bei ihrem zuständigen Politiker in ihrem Wohnort dafür ein, dass die Delfinarien in Deutschland (Münster, Duisburg und Nürnberg) geschlossen werden und der Walfang weltweit durch die Bundesrepublik Deutschland weiterhin verboten bleibt.
 
Als gemeinnützige Organisationen sind wir dringend auch auf finanzielle Hilfe angewiesen, um solche Vor-Ort-Aktionen überhaupt durchführen zu können. Jeder denkt meist, der andere macht es, aber so ist es nicht. WDSF und ProWal haben im letzten Jahr ein Spendenaufkommen von jeweils unter 2.000 Euro gehabt. Die meisten Aktionen haben wir also aus eigener Tasche finanziert, aber dem sind Grenzen gesetzt. Wir bitten also dringend um Unterstützung. Die Spendenkonten sind jeweils auf unseren Internetseiten ersichtlich.
 

 

Bilderquelle: WDSF

 

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