Arbeiten bis zum Umfallen
Aus dem Leben eines Workaholics
Eine neue Sucht beherrscht die Jugend
Mein Name ist E* und ich bin süchtig. Mit 26 Jahren bin ich nicht mehr im Stande, Fünfe grade sein zu lassen oder mich aufrichtig für einen anderen Menschen zu interessieren. Der Verfall kam schleichend, doch jetzt komme ich nicht mehr dagegen an.
Ich habe einen hoch angesehenen, sehr gut bezahlten 45-Stunden Job sowie einen nicht so schönen, aber dafür noch besser bezahlten 20-Stunden Nebenjob. Man kann sagen, mir geht´s gut; ich bin rundum ausgelastet und finanziell mehr als abgesichert. Trotzdem musste noch ein weiterer Nebenverdienst her. Der dritte Job. Wieder 15 Stunden in der Woche weniger für Privatleben.
Die Reaktion der meisten Leute aus meinem Umfeld: Wieso das denn? Bist du nicht ausgelastet? Wird dir das nicht zu viel? NEIN, was mir allerdings sehr wohl zu viel wird, nennt sich Stillstand. Routine und Trott ekeln mich an. In der unendlichen Geschichte ist die größte Gefahr für das Reich der Phantasie das Nichts. Hard-Fi singen "I´m working for a cash machine", die Situation kennt wohl jeder ab und an mal. Der Unterschied ist, dass ich nicht für die Cash-Machine schufte, ich bin die Cash-Machine!
Manche nennen es Größenwahn, doch ohne mich läuft einfach nichts. Naja, doch - es läuft den Bach runter! Und dann darf ich wieder den Messias geben und alle retten. Dann kann ich auch gleich dableiben und meinen Urlaub auf 2050 verschieben. Das macht mir nichts.
So verlief letztens ein Gespräch mit einem Freund. Und er ist nicht allein mit seinen Ansichten. Denn Stellen, die dir nicht nur Überstunden ohne Ende sondern auch noch ein Burn-Out bescheren, sind begehrt. Lange überleben kann man darin nicht - aber der Kick ist es anscheinend wert, Privates aufzugeben und sich der Arbeit mit Leib und Seele zu verschreiben.
Neulich habe ich beim Kellnern eine Küchenaushilfe kennen gelernt. In seinem normalen Leben zieht er als Selbstständiger Aufträge für 20.000 Euro an Land, in seiner Freizeit schält er Kartoffeln. Ein sehr erfolgreicher Banker aus meinem Bekanntenkreis opfert seine Freizeit hingegen gerne dem Zeitungaustragen. Wächst hier eine neue, noch nicht erforschte Spezies heran? Keine Workaholics, sondern viel eher Workaddicts?
Schließlich handelt es sich nicht um ehrenamtliche Tätigkeiten - bezahlt werden sollte das Ganze schon. Leute, die sich vollkommen wohl und ausgelastet fühlen und trotzdem immer weiter an ihre Grenzen gehen? Arbeiten als neue Sucht? Workaholics isolieren sich ebenso wie Junkies immer mehr von Freunden und Familie. Ihr Körper wird ausgemergelt, ihr Geist an Grenzen gebracht und irgendwann lebt der Süchtige nur noch in seiner eigenen Welt.
Was meint ihr? Wann ist die Grenze zur Sucht überschritten? Oder seid ihr etwa auch schon abhängig?
Bildquelle: flickr.com, obo-bobolina