Flecken der Vergangenheit
Zeitungsprojekt Weisse Flecken
in Berlin vorgestellt
"Weisse Flecken" kämpft gegen das Vergessen der Vergangenheit. Eine Zeitung von Jugendlichen aus vier Ländern.
Im Frühjahr 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, versuchten die Nationalsozialisten, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. 30.000 Gefangene des Konzentrationslagers Sachsenhausen schickten sie auf einen Todesmarsch in Richtung Ostsee. Halbnackt, halb verhungert schleppten sich die Häftlinge Richtung Norden. Der Schwächsten entledigten sich die Wachen durch einen Schuss in den Kopf. Aus Angst vor den Siegermächten verließen sie schließlich die Gefangenen, die erst nach Tagen einsamen Marsches auf amerikanische und sowjetische Rettung stießen.
So berichtet es die Zeitung
[Weisse Flecken], die am Mittwoch in ihrer dritten Ausgabe erscheint. Weiße Flecken: ein Symbol für übergangene oder vergessene Schreckensmomente des Nationalsozialismus – oder Momente des Mutes und des Widerstandes. In dem Projekt, angestoßen von der Initiative für Toleranz und Verantwortung
Step 21, recherchierten 70 Jugendliche aus Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik und Österreich, was in ihrer Heimatregion geschah. Von Berlin bis Brno, von Klagenfurt bis Poznan durchforsteten die 15 Teams die Archive und spürten die letzen noch lebenden Zeitzeugen auf. Das Ziel: die Lücken der Vergangenheit schließen.
Das wollen auch Elisabeth, Saskia, Tina und Anika vom Team „ESTA“ aus Pritzwalk. Denn immer noch weiß keiner, wie viele Gefangene während der Vertreibung aus dem KZ Sachsenhausen ihr Leben verloren. Nicht einmal, was das genaue Vorhaben der Nationalsozialisten war. 1947 sagte der letzte Lagerkommandant vor einem alliierten Gericht aus, „die Häftlinge sollten ins Meer“ gefahren und dort „versenkt“ werden. Doch dies ist umstritten. Auch die Zeitungen von damals berichten nicht über das Geschehnis, da sich viele zum Kriegsende hin auflösten. Neun Monate machten sich die 15-jährigen Mädchen auf die Suche – unterstützt von Historikern und Journalisten.
Die Ergebnisse im Kampf gegen das Vergessen präsentierten die Teams nun im Jüdischen Museum in Berlin vor zahlreichen Gästen. Politiker, Botschafter und Journalisten waren dabei, darutner niemand geringeres als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie erhielt das erste Exemplar der Zeitung und sprach gemeinsam mit den Jugendlichen über die Erfahrungen während des Projekts.
Eine wichtige liegt sicherlich in der Mahnung, die die Jugendlichen in ihrem Leitartikel aussprechen: „Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, dass die Menschenrechte auf dem Papier existieren, wir müssen für sie eintreten!“
Die Zeitung wird an Schulen, Jugendeinrichtungen und Gedenkstätten in den vier teilnehmenden Ländern in einer Auflage von 30.000 Exemplaren verbreitet. Sie kann auch kostenlos
bestellt werden, nur 1,50 Euro Portogebühren muss man berappen. Alternativ gibt es die Ausgabe online als
PDF.
Bild: Screenshot Weisse Flecken