Im Louffre, do bewirbsd
di, ge!
Studium: Geisteswissenschaften
Klischee und Realität
Poncho oder Polohemd: Hier eine kleine Entscheidungshilfe angehende Studenten.
Ein geisteswissenschaftliches Studium führt nicht zwangsläufig in den Louvre. Zum wem es passt, worauf man sich beim Studium einstellen muss und welche anderen Jobchancen sich ergeben, könnt ihr hier nachlesen.
Die Voraussetzungen: Muss ich mögen, was ich studiere?
Verabschiedet man sich von der Einstellung, vorgekautes Wissen zu fressen und auf Kommando auszukotzen, ist man schon auf dem richtigen Weg. Das Schönste an den Geisteswissenschaften ist es nämlich, dass sie fordern zu denken. Das klingt banal, verlangt aber in Wirklichkeit Neugierde, Begeisterungsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Und das geht nur mit einer wahren Begeisterung fürs eigene Fach. Wer Lösungen finden will, ist hier falsch – aus einer Problemstellung ergeben sich oft drei neue. Und genau das ist das Spannende.
Die Kommilitonen: Studium in der Schmuddelecke?
Okay, es stimmt, die Hemdendichte unter Philosophen, Anglisten und Co. ist sicher geringer als bei den Juristen. Trotzdem ist der langhaarige, mit Backsteinen um sich schmeißende Kifferstudent heute doch eher die Ausnahme. Die Karriereleiter möglichst hoch zu klettern ist trotzdem der Anspruch der wenigsten hier. Deshalb bleibt man als Geisteswissenschaftler von der Unischickeria weitgehend verschont. Geisteswissenschaftler sind Labersäcke. Auf den Mund gefallen sind die wenigsten, diskutieren ist eine der Lieblingsbeschäftigungen dieser Spezies – und das auch gerne mal in der Kneipe oder am Küchentisch. Vorsicht: Im ersten Semester sich bitte nicht von den pseudointellektuellen Fremdwortprolls einschüchtern lassen – die wissen meist nicht, was sie sagen, es hört sich einfach nur gut an.
Das Studium:
Vor Büchern sollte man keine Angst haben, ein großer Anteil des Studiums besteht aus Lesen und Interpretieren. Das Gelesene darf man dann auch in regelmäßigen Abständen hübsch in Referate verpacken und im Anschluss mit seinen eigenen Erkenntnissen zum Thema in Hausarbeiten überdenken. Wer also nicht gerne vor fremden Leuten spricht und sich schon mit seiner Facharbeit schwer getan hat, könnte hier am falschen Platz sein. Einen großen Teil des Studiums verbringt man mit Recherchieren. Das kann die neueste Sekundärliteratur für den aktuellen Forschungsstand zum eigenen Thema sein, die verzweifelte Suche nach einer möglichst neuen Fragestellung für ein tausendfach durchgekautes Thema oder einfach der Semesterapparat deines Profs. Theorien stellen übrigens einen wichtigen Teil dieser Richtung dar. Wer glaubt, nach Lust und Laune Bilder, Romane und historische Ereignisse interpretieren zu können, ist schief gewickelt – meist arbeitet man ein bestimmtes Thema anhand einer Theorie ab. Und in die Gedankenwelt von Foucault und Freud muss man sich erstmal einfinden. Hat man das geschafft, kann man darüber natürlich prima diskutieren.
Der Arbeitsaufwand: Mit der Bibliothek verheiratet?
Von einem Schmalspurstudium mit Frühstück um vier und der ewigen Frage, welcher Wochentag eigentlich gerade ist, muss man sich nicht erst im schönen Uni-Bologna verabschieden. Zu den Wochenstunden, die man sowieso an der Uni in Vorlesungen und Seminaren verbringt, kommt der eigene Arbeitsaufwand. Wie gesagt, Lesen kostet dafür viel Zeit. Um die richtigen Bücher überhaupt zu finden, muss man auch immer eine Weile in der Bibliothek verbringen. Stures Auswendiglernen muss man zwar in den meisten Fällen erst gegen Mitte und Ende der Studentenkarriere unter Beweis stellen, was aber nicht heißt, dass man nichts zu tun hat. Pro Semester fallen im Schnitt vier Seminararbeiten und mindestens genausoviele Referate an – und die kosten Zeit. Um eine Ahnung zu haben, was Professor und Kommilitonen da eigentlich gerade besprechen, sollte man die Readertexte, die oft als Basis für die Veranstaltungen empfohlen oder befohlen werden, am besten auch lesen und nicht druckfrisch in der Schublade verstauen.
Die Jobaussichten: Schnellster Weg zum Hartz IV?
„Im Louffre, do bewirbsd di!“ Dass ein Kunsthistoriker nicht zwangsläufig im Museum landet, ist vielen ein Rätsel. Im Gegensatz zu Jura, Medizin und BWL verknüpft sich bei den Geisteswissenschaften kein festes Berufsbild mit dem Studium. Ist man schließlich durch mit seinem Studium, fragt man sich am Ende, was man gelernt hat, das arbeitsmarkttechnisch verwertbar ist. Oft macht sich dann Frust breit, liest man die Stellenanzeigen die allesamt nur BWL er oder hier und da auch mal einen Soziologen ins Boot holen wollen. Falsch gedacht. Die vernetzte Art zu denken und die Fähigkeit, aus verschiedenen Perspektiven ein Thema zu betrachten, ist die Nasenlänge Vorsprung, die der Geisteswissenschaftler hat. Das klingt nach Trostpflaster und irgendwie auch schon abgedroschen, aber die Praxis hat das Gegenteil bewiesen. Die wenigsten landen deshalb am Ende in einem Job, der direkt mit dem Studium verwandt ist. Trotzdem muss man sich darauf einstellen, mit seinem Uniabschluss erst einmal als Praktikant zu arbeiten, ein glatter Übergang in den Beruf ist eher selten – außer man hat die richtigen Weichen schon während des Studiums gestellt.
Die Schmankerl
Heute fast schon ausgestorben, findet man ihn hier noch am ehesten: Den Sitzschein. Professorenherzen flattern bei diesem Wort, Studenten freut's: Für bloße Anwesenheit, die gerne auch ein Kommilitone per Unterschrift bescheinigen kann, gibt es Creditpoints für lau.
Lesen und ins Museum gehen: Das hauptberuflich tun, wofür andere sich Freizeit vom Mund absparen müssen. Wer will das nicht...
Laue Smalltalkdiskussionen über Kunst und Literatur mit fundiertem Wissen und echtem Interesse aufpeppen.
Taxifahren mit Master of Arts