Bildung

14.03.2010
Simon Emmerlich Autor: Simon Emmerlich
semmerlich(at)yahoo.de

"Das Wichtigste ist das
Interesse am Menschen"

Das Lehramtsstudium erfreut
sich großer Beliebtheit.

Markus Reiserer über den Lehrerberuf, Theorie, Praxis und Bologna.

Markus Reiserer ist Geschäftsstellenleiter des Lehrerbildungszentrums der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Institution ist innerhalb der Universität Anlaufstelle für Studierende, Dozenten und Lehrer.

ZEITjUNG: Warum entscheiden sich junge Leute für ein Lehramtsstudium?

Da gibt es sicherlich viele Gründe. Erstens war natürlich jeder Student auch einmal Schüler, der Lehrerberuf ist das Berufsbild, das jeder glaubt, sehr gut zu kennen. Insofern ist für viele diese Wahl naheliegend.
Natürlich kommt bei den meisten hinzu, dass sie ein pädagogisches Interesse haben und diesen Beruf deshalb erlernen wollen.
Gerade bei den Studierenden fürs Gymnasium muss zwangsläufig auch ein Interesse für das Fach vorhanden sein, da man ja sehr tief in die Materie einsteigen muss.
Natürlich spielt aber bei dem einen oder anderen auch die spätere Verbeamtung und das für einen sozialen Beruf relativ hohe Gehalt eine Rolle.
Für Frauen wahrscheinlich auch, dass man Beruf und Familie – vermeintlich zumindest – gut miteinander in Einklang bringen kann.

ZEITjUNG: Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Die LMU ist die größte bayerische Lehrerbildungsinstitution. Wir haben ca. 8000 Lehramtsstudierende an der LMU – Tendenz steigend. Das sind etwa 20% aller an der LMU immatrikulierten Studierenden. Innerhalb des Lehramts studiert in etwa die Hälfte für das Gymnasium, die andere Hälfte teilt sich auf die übrigen Schularten auf.

ZEITjUNG: Welche Eigenschaften sollte man denn mitbringen, wenn man sich für ein Lehramtsstudium entscheidet?

In der Beratung sagen wir immer, zuerst kommt das „Interesse am Menschen“. Das ist das Allerwichtigste. Ich muss Interesse haben an der Entwicklung eines Jugendlichen oder Kindes. Da ist mein eigenes Interesse am Fach zunächst eher sekundär. Wie kann ich die Entwicklung eines jungen Menschen positiv begleiten? Das ist das A und O für jeden Lehrer.
Als zweiten Punkt würde ich sagen, braucht man Flexibilität. Ich kann als Lehrer nicht voraussehen, was mich am nächsten Tag erwartet, anders als vielleicht bei einer Tätigkeit im Büro.

ZEITjUNG: Was raten Sie Studenten, die vielleicht während oder nach dem Studium merken, dass der Lehrerberuf doch nicht der richtige ist?

Da liegt es natürlich nahe, dass man sich so schnell wie möglich nach Alternativen umsieht, also – wie andere Studierende auch – in seinem Fachbereich Praktika absolviert. Das raten wir den Studierenden aber auch generell, denn wie die aktuelle Situation zeigt, gibt es nie eine Garantie, dass man später auch einen Job als Lehrer bekommt.

ZEITjUNG : Welche Aufgaben erfüllt denn das Lehrerbildungszentrum neben der bereits angesprochenen Beratungsfunktion noch?

Ein ganz wichtiger Bereich ist eine verbesserte Verknüpfung von Theorie und Praxis. Wir organisieren für unsere Studierenden die Schulpraktika und stehen in engem Kontakt zu den Lehrern an den Schulen, die die Praktikanten betreuen. Wir wollen, dass auch sie sich als Teil der unversitären Bildung begreifen.
Es gibt da verschiedenste Projekte an den Fakultäten, um den Praxisbezug zu verbessern. Ganz aktuell richtet die LMU gerade ein sogenanntes Uni-Klassenzimmer an einer Münchner Grundschule ein. Über eine Liveschaltung können dann Studierende den Unterricht verfolgen und zusammen mit ihrem Dozenten analysieren.
Wir bieten aber auch Seminare und Workshops an, die zum Beispiel ganz konkret auf die persönliche Eignung für den Lehrerberuf eingehen. Das wird am Anfang, in der Mitte und noch einmal zum Ende des Studiums gemacht und bietet die Gelegenheit, sich und seine persönlichen Stärken und Schwächen besser kennenzulernen.

ZEITjUNG: Wie gehen sie mit den Prognosen für den Lehrerbedarf an den Schulen um, vor allem wenn diese zum Beispiel für Sprachen mittelfristig eher schlecht aussehen?


Wir sagen den Leuten: Studiert bitte nach euren Interessen und nicht nach irgendwelchen Berufssaussichten. So eine Prognose kann noch so gut gemacht sein, sie wird nie zu 100% zutreffen, das hat die Vergangenheit gezeigt. Ich will auch niemandem raten: Studier jetzt Hauptschullehramt, weil da die Prognose gut ist, wenn ich nicht weiß, ob er es auch aus Überzeugung studiert. Das Wichtigste ist, wenn man das studiert – ob Lehramt oder nicht – was seinen persönlichen Interessen und Neigungen entspricht, dann wird man später im Beruf auch Erfolg haben, davon bin ich fest überzeugt.

ZEITjUNG: Wo sehen Sie insbesondere in Bayern Schwächen in der Lehrerbildung?


Die Lehrerbildung orientiert sich in Bayern sehr stark am Schulsystem, das heißt die Lehrer werden entsprechend ihrer späteren Schulart ausgebildet. Da fehlt dann die Flexibilität, wenn für manche Schularten Lehrer gebraucht würden und an anderen Überschüsse existieren. Bei uns ist das System sehr undurchlässig. Warum sollte ein Realschullehrer nicht auch – wenigstens zeitweise – an einer Hauptschule unterrichten können? Andere Bundesländer lösen das Problem, indem sie einfach Lehrer für die Sekundarstufe I und II ausbilden und sind damit wesentlich flexibler.

ZEITjUNG: Wie wird sich denn das Lehramtsstudium im Zuge der Bologna-Reform verändern?

Der große Unterschied zu früher ist, dass auch im Lehramtsstudium ein Teil der während des Studiums erbrachten Leistungen in die spätere Staatsexamensnote mit einfließt. Insgesamt werden diese Leistungen 40% der Examensnote ausmachen. Dabei wird auch versucht werden, aufgrund dieser Vorgaben die Studieninhalte neu zu ordnen. Zum kommenden Wintersemester 2010/ 20111 wird die LMU dann alle Studiengänge auf dieses neue System umstellen – und daran arbeiten wir derzeit auf Hochtouren.

 

Bildquelle: Flickr.com/ Rob Shenk


 

Name
Kommentar
Captcha