Der Meister des
Verwischens
Gerhard Richters Überblicksau-
stellungen in London und Münche
Gerhard Richter zeigt sich als Könner im Spiel mit Nähe und Distanz.
Folgt man aktuellen Künstler-Rankings, ist er meistens ganz an der Spitze zu finden: Gerhard Richter. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart – das zeigt sich nicht nur an der Wertschätzung des Künstlers, das zeigt sich auch an den Preisen, die Richter-Bilder bei Auktionen erzielen. Inzwischen ist der Maler 77 Jahre alt. Es ist also Zeit für einen Überblick über sein Werk. Daran arbeiten gerade mehrere Museen sozusagen im Teamwork. In der Londoner
National Portrait Gallery werden Portraits gezeigt, in München, im
Haus der Kunst, abstrakte Gemälde, zusätzlich waren im
Museum Morsbroich in Leverkusen bis Januar Fotoübermalungen zu sehen.
"Ein forderndes Fest der Sinne" nannte die Süddeutsche Zeitung die Ausstellung von 50 abstrakten Gemälden Gerhard Richters im Haus der Kunst – mit Recht, denn bunt ist es ja, was dort auf den Leinwänden zu sehen ist. Es ist jedoch etwas anderes, was die drei Ausstellungen verbindet. Richters großes Thema ist, so scheint es, die Frage der Nähe und Distanz. Das zeigt sich natürlich einerseits an den Fotoübermalungen, an denen direkt auf die kleinformatigen Fotos Farbe aufgetragen wird und so Teile des Fotos verdeckt, also vom Betrachter distanziert wird.
Doch auch bei den abstrakten Bildern, die das Sichtbare erweitern – denn was sind abstrakte Bilder außer der Sichtbarmachung dessen, was man nicht sieht, von Gefühlen, Stimmungen, Musik –, ist die Nähe und die Distanz das Thema. Immer gibt es das Moment der Tiefe, der Nähe und Ferne, wenn man die Bilder ansieht. Das spiegelt auch den Arbeitsprozess Richters wieder. Auf verschiedenste Arten wird da Farbe aufgetragen, aufgestrichen und wieder weggekratzt, was eine reizvolle Kombination aus harten, fleckigen Bereichen und verwischteren, irgendwie sanfteren Teilen der Gemälde ergibt. Beispielhaft zeigt sich das an der Serie zur Musik von John "Cage" (2006), die in München erstmals zu sehen ist und von dessen Farbebenen und -spiegelungen in grau, grün und weiß man sich kaum mehr lösen kann.
Der Höhepunkt der Bearbeitung des Themas Nähe und Distanz sind jedoch die Portraits, die in der National Portrait Gallery versammelt sind. Vor allem, wo Richter nach Fotografien gemalt hat, die er selbst von seinen engsten Familienmitgliedern gemacht hat. Dabei setzt er den Effekt der Verwischung sehr gekonnt ein, wie in einem gläsernen Schneewittchensarg liegt seine Tochter "Ella" (2007) hinter einem sanften Gitter aus verwischten Linien. Richter selbst sagt, er setze den Effekt ein, um unwichtige Informationen auszublenden und alle Teile der Bilder näher zusammenzubringen. Das gelingt ihm, denn es gibt kaum andere Gemälde, bei denen das Spiel mit der Nähe und der Distanz eine so intensive Faszination auszuüben vermag.
Bildquelle: flickr.com/rachelkramerbussel.com ("Betty"), Marion Vogel (Porträt Richter), Gerhard Richter ("Cage")