Kultur

08.07.2009
Markus Michalek Autor: Markus Michalek
markus.michalek(at)gmx.net
Auf der Suche nach dem  verlorenen Film

Auf der Suche nach dem
verlorenen Film

L“Enfer d“Henri-Georges Clouzot

Ein filmisches Meisterwerk ist nach 45 Jahren endlich auf der Leinwand zu sehen.
Es gibt Legenden im Filmgeschäft, die sich über Jahrzehnte fortsetzen. Oft erzählen sie von schönen Frauen, abgestürzten Schauspielern, launischen Regisseuren und dem Ruhm der frühen Jahre. Dass es sich gleich um einen ganzen, verschwundenen Film handelt, ist einzigartig.
 
L´Enfer d´Henri-Georges Clouzot ist die Legende vom verschwundenen Film. Der berühmte, französische Regisseur Henri-George Clouzot (Bild) begann 1964 nach vier Jahren Drehpause ein neues Projekt. Den Tod seiner Frau hatte er verkraftet und auch die Depression, selbst der ständige Wachzustand, der ihm den Schlaf versagte, schien er im Griff zu haben. Die Nachricht, er würde einen neuen Film drehen, sorgte für Aufsehen in der damaligen Kinowelt.
 
Als Meister seines Faches, der akribisch und für damalige Verhältnisse mit einem ungemeinen Aufwand drehte, fiel es ihm nicht schwer, einen der großen Namen des Filmgeschäfts für die weibliche Hauptrolle zu bekommen: Romy Schneider, erst 26 Jahre und über Nacht mit ihrer Darstellung der österreichischen Kaiserin „Sissi“ weltweit ein Publikumsliebling.
 
„Die Hölle“ (L´Enfer) hätte ein grandioser Film werden sollen, mit einer perfekt gewählten Kulisse, schönen und berühmten Hauptdarstellern, mit subtiler Erotik und beklemmender Atmosphäre, einem ausgefeilten Drehbuch mit tief reichenden Dialogen, Spezialeffekten, die von Farbumkehrung hin bis zum kinetischen Kino gereicht hätten.
 
Nur, die Geschichte um die immer paranoide und kranker werdende Eifersucht eines Ehemannes (Serge Reggiani), der, zu Recht, in jedem Mann einen potentiellen Liebhaber seiner jungen und hübschen Frau (Romy Schneider) vermutet, wurde nie fertig gestellt.
 
Der männliche Hauptdarsteller Serge Reggiani verließ entnervt das Set, nachdem Clouzot ihn zu unzähligen Wiederholungsdrehs relativ belangloser Szenen nötigte. Aus Drehs wurden nur noch Kino-Experimente und der Regisseur verlor sich in der Unzahl der Möglichkeiten. Schließlich erlitt Clouzot einen Herzinfarkt während eines Drehs. Die Filmrollen verschwanden im Nirgendwo, gerieten in Vergessenheit und die Legende begann.
 
Der französische Dokumentarfilmer Serge Bromberg hat es geschafft, die Witwe von Henri-George Clouzot zur Herausgabe der Filmrollen zu bewegen. Bromberg, der neben seiner Regietätigkeit auch Stummfilmpianist ist, ließ die Originalszenen musikalisch vertonen, denn zu einer Synchronisation kam es unter Clouzots Regie nicht mehr.
 
Entstanden ist ein grandioser Dokumentarfilm, der tief in die Innenansichten eines Ausnahmeregisseurs blicken lässt, Aufschluss über seine Arbeitsweise gibt und eine elegante, faszinierende Brücke in die französische Filmkunst der 60er Jahre schlägt. Zwischen den Interviews mit Zeitzeugen liefern die bisher unveröffentlichten Originalaufnahmen ein beeindruckendes, aber auch bedrückendes Bild von einem Film, der ein Meisterwerk hätte werden können.
 
Dass er es auf eine gewisse Art noch geworden ist, beginnt mit einer Geschichte, die das Potential zu einer weiteren Legende besitzt.
 
L´Enfer d´Henri-Georges Clouzot wurde auf dem Filmfest München gezeigt. Der Kinostart ist  Ende des Jahres.
 
 
 
 
Bildquelle: flickr.com, sokaris73
 

 

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