Kultur

28.10.2009
Tobias Tzschaschel Autor: Tobias Tzschaschel
tt(at)zeitjung.de
Eine Mona Lisa hat keine Botschaft

Die Mona Lisa hat keine
Botschaft

Was ist eigentlich Urban Art?
Und gehört Sreetart in Galerien?

Marco Schwalbe, der Veranstalter der Urban Art-Messe Stroke01 im ZEITjUNG-Interview

Von 29. Bis 31.10. findet in München die Stroke01 statt: die weltweit erste Messe für Urban Contemporary Art. Marco Schwalbe ist einer der Veranstalter. Er führt seit etwa 3 Jahren die Urban Art-Galerie „Intoxicated Demons“ in Berlin. Mit ZEITjUNG sprach er über Kunst und Kommerz.

ZEITjUNG: Was verstehst du unter dem Begriff Urban Art?

Marco Schwalbe: Was man als Urban Art bezeichnet ist eine tricky Geschichte. Für uns ist es ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche subkulturelle Bewegungen, die teilweise parallel laufen und teilweise durch die Künstler verschmelzen. Zum Beispiel alles was aus dem Comicbereich kommt, Illustrationen, alles was sich aus Graffiti entwickelt usw. Da gibt es auch zahlreiche junge Künstler, die diese verschiedenen Techniken kombinieren. Auch die ästhetischen Inhalte und Techniken der Streetart spielen eine große Rolle. All das sammeln wir unter dem Begriff Urban Art. Aber das ist keine wissenschaftliche Definition, sondern nur so ein Überbegriff. Der größte gemeinsame Nenner ist, dass diese ganzen Sachen in der klassischen Kunstwelt nicht so akzeptiert sind.

Warum veranstaltet ihr mit der Stroke01 jetzt eine Messe für Urban Art?

Die meisten Urban Artists arbeiten noch nicht auf einem gewinnbringenden Level. Kunst oder zumindest der Kunstmarkt ist ja auch ein kapitalistisches System. Das heißt man muss bestimmte Dinge tun, damit etwas passiert. Und da gehört auf dem klassischen Kunstmarkt die Messe eigentlich dazu. Es ist ja so ein Stelldichein: Man zeigt sich, Preise werden gemacht usw. Es ist aber für die meisten Galerien oder Projekte mit denen wir hier zusammen arbeiten völlig indiskutabel auf große Messen wie die Art Basel zu gehen. Da kostet ein Stand vielleicht das, womit die etwa zwei Jahre ihre Galerie finanzieren. Die meisten Künstler, mit denen wir arbeiten, möchten aber damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Da haben wir gesagt: „Machen wir einfach mal ne Messe für diese junge Kunstentwicklung, die eben zum Ziel hat, für so viele wie möglich finanzierbar zu sein.“

Was unterscheidet diese Messe denn für den Besucher von einer großen Ausstellung?


Natürlich ist die Messe auch irgendwo eine riesige Ausstellung, weil man auch einfach durchgehen und sich alles angucken kann. Da wollen wir gar nicht so penibel in der Definition sein aber dadurch, dass wir für jede Galerie, für jedes Projekt mehr oder weniger einen eigenen Bereich haben, hat es ja den Charakter einer Messe. Die Galerien wollen nicht nur die Bilder, sondern auch sich selbst vorstellen. Im Gegensatz zu Einzelausstellungen wollen wir dem Zuschauer die Chance geben, sich mit den Galeristen oder den Künstlern zu unterhalten.

Wer stellt denn nun auf der Stroke01 aus?

Ursprünglich sind wir von einer kritischen Masse von 10 Teilnehmern ausgegangen. Wir sind stolz, jetzt über 30 Teilnehmer im Boot zu haben. Wir haben jetzt drei Galerien aus Paris, wir haben eine Galerie aus Spanien und ein Galerie aus Italien. Der Rest ist aus dem deutschen Raum. Wir haben ob der Erfahrungen die wir selber haben geschaut, ob die Sachen der Galerien in diesen Urban Art-Kontext passen. Genauso wenig wie man Urban Art definieren kann wird man dann aber auch am Donnerstagabend sagen können: „Es geht tatsächlich von hier bis hier.“ Wir haben nur geguckt, dass wir Leute die wirklich aus dem ganz klassischen Kontext kommen nicht drin haben.

Urban Art gilt ja als subversiv, oft als antikapitalistisch. Wie passt das mit einer auf den Kunstmarkt zielenden Messe zusammen?

Ich würde mal behaupten, dass 95 Prozent der Leute die Streetart machen nicht subversiv sind. Es gibt Leute, die eine Botschaft haben, die ne Intention haben aber der Großteil sind Leute, die es machen, weil sie es cool finden. Ganz viele Grafikdesigner haben vor 5 Jahren angefangen irgendwelche Characters zu malen oder Sachen auszuschneiden. Von daher ist das meines Erachtens auch nicht das Problem. Die Leute, die diesen subversiven Charakter erhalten wollen oder nicht erhalten wollen können sich ja selbst entscheiden, was sie machen wollen. Ich selbst habe in meiner Galerie in Berlin in den letzten 3 Jahren summa summarum 2 Künstler ausgestellt, die aus dem Streetart-Bereich kommen. Die haben aber auch nicht genau das gezeigt, was sie auf der Straße machen. Ich finde es vielleicht sogar spannender, dass es mittlerweile den gleichen Wert für die Künstler hat, ob sie auf der Straße arbeiten oder im Studio. Diesen Subversiven Charakter fand man vielleicht vor 15 Jahren, heute findet man ihn vielleicht ganz vereinzelt aber das Gros der Leute die im Streetart-Bereich Populär sind ist mit Sicherheit nicht subversiv und will auch etwas verkaufen.

Im Mai habt ihr hier in München die Urban Art-Ausstellung „Kunst im Tresor“ organisiert. Die Veranstaltung war ein riesen Publikumserfolg. Warum treffen Urban-Art-Events so stark den Nerv der Zeit?

Von dem Erfolg von Kunst im Tresor waren wir selber überrascht und auch von den Besuchern die wir hatten. Wir hatten nicht die Zielgruppe, die man vielleicht erwarten würde, sondern alles von 16 – 66. Ich denke ein Trend der hier reflektiert wird ist, dass es im Kunstbereich wieder um figuratives Malen geht, dass es wieder um sinnliche Ästhetik geht, dass es wieder darum geht, Kunst einfach nur anschauen zu können ohne den Kontext verstehen zu müssen. Diese ganzen Konzeptionellen Sachen, die in den 80er und 90er Jahren den Kunstmarkt überschwemmt haben, haben wahrscheinlich ganz viele Leute auch genervt. Also ich hab mich vor knapp 10 Jahren nicht für Kunst interessiert, weil es viele Kunstwerke gab bei denen ich einfach nur das Gefühl hatte ich werde irgendwie veräppelt. Wenn man gut schreiben kann, bisschen clever ist und gut vermarkten kann, dann kann man ein Glas Wasser in die Mitte stellen und sagen, was das für ein Thema ist. Und davon geh es jetzt wieder weg. Es geht wieder dahin, dass die Leute in eine Galerie kommen können und einfach eine Entscheidung treffen und sagen können: „Ja! Das finde ich einfach nur schön!“ Da muss nicht immer eine Bedeutung dahinter stecken. Wir haben manchmal Leute, die kaufen ein Bild weil’s zu ihrem Sofa passt. Aber auch das sehe ich nicht als Problem, weil nicht jeder Künstler immer eine Botschaft in seinen Bildern hat. Die Mona Lisa hat keine Botschaft.

Wo siehst du Urban Art in der Zukunft?


Ob man in 5 Jahren noch von Urban Art spricht ist mir wirklich egal. Wir benutzen es bei der Stroke01 nur, um uns abzugrenzen, um den Leuten so einen Anstoß zu geben, dass das hier nicht das klassische System ist, sondern wir versuchen, da etwas Neues zu machen. Alles ein bisschen entspannter, wenn’s geht verbunden mit einer Party, es wird laut sein hier.  Die Entwicklung geht auf jeden Fall nach vorne, das sieht man auch an der Entwicklung der Preise, viele Künstler können mittlerweile davon leben. Ich glaube in 3 Jahren wir d man einfach von neuer zeitgenössischer Kunst sprechen.

 

Bildquelle: Zeitjung.de, Tobias Tzschaschel


 

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