Kultur

21.03.2010
Robert Iwanetz Autor: Robert Iwanetz
phea(at)gmx.de
Die Geschichte  eines Geistesgestörten
Plattenkritik

Die Geschichte
eines Geistesgestörten

Cult Of Luna - Eviga Riket
Rezension

Sie fanden einst ein Tagebuch in einer Psychiatrie. Jetzt sprengen Cult Of Luna damit Grenzen.

Dass die Schweden Cult Of Luna gern herumexperimentieren, im sumpfigen Morast des Sludge- und Doom-Metals, pendelnd zwischen Urgewalt und Zerbrechlichkeit, dessen Dualität ihre Wurzeln im Post-Hardcore entblößt, das war soweit bekannt. Gerade das letzte Werk Eternal Kingdom vermochte eindrucksvoll zu zeigen, wie kunstvoll Brachialität, eingebettet in einem unerwartet sinnlichen, fast poetischen Klangkosmos wirken kann. Dabei war an Eternal Kingdom nicht nur das Musikalische außergewöhnlich, sondern vor allem die eigentliche Inspirationsquelle des Albums.

Dazu muss man wissen, dass die Band ihren Proberaum viele Jahre in einer ehemaligen Psychiatrie hatte – das Umedalen Hospital in der nordschwedischen Provinzstadt Umeå, dessen Gebäude heutzutage für künstlerische Aktivitäten genutzt werden. Eines Tages fand die Band beim Aufräumen in einigen vergessenen Archiven, neben unzähligen medizinischen Akten und Journalen, auch ein Tagebuch eines Patienten namens Holger Nilsson. Es war gefüllt mit Bildern, Gedichten und kryptischen Sätzen aus einer – scheinbar – irren Fantasiewelt mit dem Titel „Tales from the Eternal Kingdom“.

Der Fremde aus dem Wald


Es erzählt die Geschichte des einfachen Mannes, Holger, der um 1920 herum, mit seiner hochschwangeren Frau Elisabet auf einem kleinen Bauernhof lebt. Als Elisabet eines Nachts schweres Fieber bekommt, entscheiden sich die beiden einen Arzt aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin bricht jedoch eine Achse des Pferdewagens und zu allem Überfluss kommt auch noch das Baby. Glücklicherweise taucht aus dem angrenzenden Wald ein Fremder auf, der sich anbietet auf Elisabet aufzupassen. Daraufhin reitet Holger weiter zum Arzt. Doch als sie zurückkommen, finden sie ein grausames Bild vor: Elisabet liegt im Sterben, dass Baby ist bereits tot und vom Fremden fehlt jede Spur.

In der Realität wird Holger für den Mord verantwortlich gemacht und landet schlussendlich in der besagten Psychiatrie. Für ihn scheint der Abend jedoch anders verlaufen zu sein, denn sein Tagebuch erzählt weiter von einem epischen Kampf der Fabelwesen um das Eternal Kingdom, das ewige Königreich – dem Elisabet zum Opfer fiel. Von diesem Kampf erzählte auch das letzte Cult Of Luna-Album, doch die Geschichte in Songtexten zu umreißen, war der Band nicht genug.

Ein Gesamtkunstwerk

Deshalb jetzt also Eviga Riket (schwedisch für ewiges Königreich), als Gesamtkunstwerk aus Buch, Audiobook und Soundtrack. Über fast zwei Stunden schildern Cult Of Luna darauf die Geschehnisse des Abends aus Sicht des Holger Nilsson, aus dessen wirren Aufzeichnungen die Band eine dramatische Geschichte gesponnen hat. Zur Rezension lag lediglich das Hörbuch vor, das wahlweise in Schwedisch oder Englisch genossen werden kann.

Den Erzähler-Part darauf übernimmt die schottische Schauspielerin Anna Guthrie, der man aufgrund ihres sonoren Timbre und ihrer präzisen Artikulation gerne folgt. Für dramaturgische Unterstützung sorgen einige musikalische Untermalungen, die die Band eigens für das Projekt geschrieben hat. Der typische Cult Of Luna-Sound erwartet einen jedoch erst beim Finale, ansonsten bleiben die meist akustischen Stücke angenehm im Hintergrund. Passend zur düsteren Stimmung werden die einzelnen Kapitel außerdem von schemenhaften Schwarz-weiß Illustrationen unterstützt.

Ihre Experimentierfreudigkeit beweisen Cult Of Luna diesmal nicht durch ihre musikalischen Kompositionen, aber die stehen auf Eviga Riket auch nicht im Vordergrund. Viel eher beweist die Art der Veröffentlichung ihre unkonventionelle Haltung. Mit Buch, Audiobook und Soundtrack zeigen Cult Of Luna, dass eine wirklich gute Geschichte mehr braucht, als MP3’s und Streaming. Die Fans sehens genauso: die erste Auflage von 1.000 Exemplaren ist bereits vergriffen und die zweite bereits auf dem Weg. (keine Wertung)

Hier könnt ihr das erste Kapital hören.

Cult Of Luna - Eviga Riket
12.03.2010
G-Records

Bildquelle: Joris Vanpouke
 

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