Menschen

26.02.2010
Simon Emmerlich Autor: Simon Emmerlich
semmerlich(at)yahoo.de
Glockenbachviertel interv unfertig
Interview

"Es gibt Hoffnung, dass
die Karawane weiterzieht"

Thomas Niederbühl von der Rosa
Liste zum Glockenbachviertel

Die Szene hat Angst um ihr Glockenbachviertel. Thomas Niederbühl von der Rosa Liste im Interview.

Seit wann ist denn das Münchner Glockenbachviertel Zentrum des schwulen und lesbischen Lebens in München?


Nach dem Krieg war das Glockenbachviertel ein Arbeiterviertel, ziemlich runtergekommen,  mit Rotlichtmilieu, dem Straßenstrich in der Müllerstraße - es war also kein besonders attraktives Viertel. Das Gärtnerplatztheater, wo natürlich auch eine schwule Anbindung über Kunst und Kultur war, spielt natürlich auch eine Rolle. Dann gibts ja unterschiedliche Theorien, aber ich glaube für München hat sich das Viertel einfach geeignet durch dieses Runtergekommene, da hat man sich nicht so darum gekümmert, als dann die ersten schwulen Kneipen nach dem Krieg aufgemacht haben.


Welche Rolle spielt es denn für die schwulen und lesbischen Bewohner selbst, im Glockenbach ein "eigenes" Viertel zu haben
?


Für uns ist es natürlich prima, so ein Viertel zu haben, wenn man sich da irgendwie zu Hause fühlt. Es gibt ja Studien, dass es auch für Schwule und Lesben außerhalb Münchens unwahrscheinlich wichtig ist, auch für die eigene Entwicklung und die Psyche, dass so eine Anlaufstelle existiert, wo man Gleichgesinnte treffen kann. Wir haben uns ja auch gefreut, dass das Miteinander dort so gut funktionierte. In den Altbauwohnungen wohnten Schwule, Lesben, aber auch alte Leute und Migranten. Das ist natürlich jetzt alles ziemlich im Umbruch.


Seit wann spüren sie denn diesen Umbruch im Viertel?


Ich würde sagen, dass die Entwicklung schleichend schon seit den letzten 20 Jahre zu beobachten ist. Aber die letzten drei bis vier Jahre hat es doch verstärkt auf verschiedenen Ebenen zugenommen. Einmal die Entwicklung zur Partymeile, also wir haben ja wirklich eine Partymeile vom Lenbachplatz über die Sonnenstraße zur Müllerstraße und ins Glockenbach hinein, da zieht sich ja ein Club nach dem anderen. Das bringt natürlich andere Leute ins Stadtbild.


Es ist aber auch die Veränderung der Immobiliensituation, die Altbauten wurden renoviert - die teuersten Wohnungen werden inzwischen da gebaut. Klar, dass sich die angestammten Mieter das dann auf Dauer nicht leisten können.


Das Dritte, was ich persönlich sehr schwierig finde, ist dieses Miteinander, das ist also doch zunehmend gestört. Das, was einen eigentlich mal gefreut hat, sprich junge Leute und Familien ziehen da hin usw., und jetzt hat man das Gefühl, es geht einem nicht anders als in anderen Stadtvierteln, wo man eben auch mal blöd angeredet wird. Mein Mann und ich lassen dann schon Mal die Hände los, wenn uns eine Gruppe angetrunkener junger Männer entgegenkommt. Das ist natürlich schon schade.


Wird die Kluft zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen größer? Wie ist die Stimmung in der Szene?


Es ist, denke ich, eine gewisse Enttäuschung und auch Frust da. Da sagen sich viele: "Wir haben hier ein so tolles und attraktives Viertel mitgeschaffen, und es ist ja auch schön, wenn andere kommen, aber wenn man sich dann selber nicht mehr wohlfühlt und blöd anreden lassen muss, dann kann ja irgendwas nicht stimmen". Es gibt aber auch Initiativen jetzt ganz neu, die sich damit beschäftigen, zum Beispiel von der Koordinierungsstelle, die eben solche Sachen zum Thema machen. Also wissen die Leute, die hier weggehen überhaupt, was das für ein Viertel ist? Dass man hier doch solidarisch miteinander umgehen sollte? Insgesamt müsste man das ganze vielleicht noch aktiver angehen.


Gibt es denn als Reaktion darauf Abwanderungsbewegungen in andere Viertel?


Also eine Verlagerung haben wir überhaupt nicht. Das ist über Generationen gewachsen und wäre ja auch schade, wenn man es so einfach wieder aufgibt. Ich glaube es gibt in der Schwulenszene auch eine Veränderung, dass man glaubt, gar nicht mehr so auf die Bars und Kneipen angewiesen zu sein durch die Ganze Entwicklung im Internet. Aber ich glaube , dass manche Leute dann doch wieder merken, dass der schnelle Sexkontakt im Internet nicht alle ihre sozialen Bedürfnisse befriedigt und ersetzt natürlich auch nicht den lockeren und direkten Kontakt in der Kneipe.


Das sind die Veränderungen in der Szene selbst, das Immobilienproblem wird denke ich bleiben, da kann man ganz schwer gegensteuern. Was die veränderung des "Partyviertels" angeht, glaube ich, dass das auch nicht auf Dauer bleiben wird. Als ich in den 80ern nach München kam, da war Schwabing gerade out, alles ging nach Haidhausen, dann der Kunstpark-Ost, jetzt ist die Partymeile wieder in der Stadt, aber man hört ja auch, dass es sich in die Maxvorstadt oder nach Schwabing zurückverlagert. Es gibt also eine gewisse Hoffnung, dass die Karawane weiterzieht und wir Schwulen und Lesben bleiben. Ich fände es schön, wenn das Miteinander dann wieder möglich wäre.

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