Thomas Naumann über Banksy, Blu, Zevz und Urban Art
"Berlin war ein Abenteuerspielplatz"
22.05.2012
Street Art: Thomas Naumann über das 90er-Berlin, Graffiti und Banksy.
In vielen Bildern ist auch ein Mann abgebildet, der mit Farbeimer und Pinselrolle in den öffentlichen Raum eingreift, etwa indem er Graffiti beseitigt. Ist das ein Spiegelbild des Künstlers oder eher der Mr. Hyde zum Dr. Jekyll?
Um beseitigen geht es nicht. Schon eher um das Hinzufügen. Wenn man lange genug im öffentlichen Raum arbeitet, verwischen irgendwann die Grenzen zwischen bürgerlicher Identität und dem Synonym. Das Eins-Werden des Ichs mit dem Werk und der Stadt ist dann unausweichlich.
Das heißt, es gibt keine Trennung mehr zwischen dir, deiner Künstler-Persona beziehungsweise dem Synonym und deinem Werk? Was an der Arbeit im öffentlichen Raum lässt diese Unterschiede schneller verwischen als zum Beispiel bei klassischer bildender Kunst?
Die Direktheit im Inhalt und im Auftreten, die einhergeht mit den körperlichen Herausforderungen beim Arbeiten in der Stadt. Jeder Mensch hat den Drang seine Individualität zum Ausdruck zu bringen, sich einen "Namen" zu machen, sich zu definieren, beachtet und geachtet zu werden. Writing vereint diesen Drang mit dem künstlerischen Streben und erhebt den Namen zum alleinigen Inhalt, was kunst- und gesellschaftshistorisch außerordentlich interessant ist. Nicht das Motiv ist Träger des Inhaltes, sondern die bloße Existenz und die Art des Auftretens ist von Bedeutung. Damit bist du als Individuum sofort Teil des Inhalts. Als Writer arbeitest du nicht im Atelier und übersetzt ein Thema in ein Motiv auf einer Leinwand, die du dann signierst und dann damit in die Öffentlichkeit trittst und dann im schlimmsten Fall erklären musst, was du dir als Künstler dabei gedacht hast.
Du sprichst in diesem Zusammenhang auch davon, dass das Werk im öffentlichen Raum zu einer Suche nach sich selbst wird. Heißt das, die Auseinandersetzung mit der Stadt ist in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung mit dir selbst? Meinst du, du wirst dich irgendwann einmal "gefunden" haben, oder ist diese Suche eine unendliche?
Jeder Künstler setzt sich in erster Linie mit sich selbst auseinander und ist auf der Suche, egal welche Sprache er benutzt. Das Arbeiten im öffentlichen Raum unterliegt den Gesetzmäßigkeiten der Stadt, den Komponenten des Nächtlichen und Illegalen mit all ihren Konsequenzen. Durch diesen dauerhaften Extremzustand wird das Auseinandersetzten mit dir selbst und deinem Werk um ein Vielfaches potenziert. Man reift schneller. Trotzdem ist die Suche endlos.
Eine andere Serie deines malerischen Schaffens heißt "After Writing" – eine Weiterentwicklung der Formsprache von Graffiti? Deine Wurzeln liegen beim Sprayen – hast du mit Tags angefangen? Inwiefern ist dein Formverständnis immer noch von Graffiti geprägt?
Ich denke jeder Writer hat mit einem Tag angefangen, so auch ich. Der zentrale Ansatz der Serie "After Writing" ist die Abstraktion und Auflösung der klassischen Elemente des Styles. Der Name weicht dem Wort. Auch wenn die Buchstaben der grundlegenden Einteilung der Flächen dienen, ist die daraus resultierende Farb- und Formkomposition einzig auf Bedeutung des verwendeten Wortes ausgerichtet. Dabei geht es nicht um die Harmonie zwischen Inhalt und Sprache. Ganz im Gegenteil.
Du machst nach wie vor auch Arbeiten, bei denen du in den öffentlichen Raum eingreifst. Hat sich die Wahrnehmung deiner Kunst verändert, seit du legal Kunst im öffentlichen Raum machst? Ich könnte mir vorstellen, dass frühere illegale Sachen als Schmiererei abgetan wurden und heute zu einer Sache wie der "Paint my House"-Lichtinstallation dieselben Menschen extra hinfahren um es sich anzusehen?
Inwiefern welche Arbeiten von wem wie beurteilt werden, kann ich nicht sagen. Es ist mir auch ziemlich egal. Ob Silberbombing in Marzahn oder Lichtinstallation in Trondheim, alles kommt aus der gleichen Quelle und hat seine Daseinsberechtigung. Als Künstler bin ich ewig Strebender und ewig Getriebener und immer nur am Beginn eines Prozesses. Wenn ich anfange mich nach Trends und Feedbacks zu richten, habe ich schon verloren. Ich allein bin die einzige Instanz, vor der ich mein Werk zu rechtfertigen habe.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bilder: Thomas Naumann, mehr Bilder auf der Homepage von Thomas Naumann.
Um beseitigen geht es nicht. Schon eher um das Hinzufügen. Wenn man lange genug im öffentlichen Raum arbeitet, verwischen irgendwann die Grenzen zwischen bürgerlicher Identität und dem Synonym. Das Eins-Werden des Ichs mit dem Werk und der Stadt ist dann unausweichlich.
Das heißt, es gibt keine Trennung mehr zwischen dir, deiner Künstler-Persona beziehungsweise dem Synonym und deinem Werk? Was an der Arbeit im öffentlichen Raum lässt diese Unterschiede schneller verwischen als zum Beispiel bei klassischer bildender Kunst?
Die Direktheit im Inhalt und im Auftreten, die einhergeht mit den körperlichen Herausforderungen beim Arbeiten in der Stadt. Jeder Mensch hat den Drang seine Individualität zum Ausdruck zu bringen, sich einen "Namen" zu machen, sich zu definieren, beachtet und geachtet zu werden. Writing vereint diesen Drang mit dem künstlerischen Streben und erhebt den Namen zum alleinigen Inhalt, was kunst- und gesellschaftshistorisch außerordentlich interessant ist. Nicht das Motiv ist Träger des Inhaltes, sondern die bloße Existenz und die Art des Auftretens ist von Bedeutung. Damit bist du als Individuum sofort Teil des Inhalts. Als Writer arbeitest du nicht im Atelier und übersetzt ein Thema in ein Motiv auf einer Leinwand, die du dann signierst und dann damit in die Öffentlichkeit trittst und dann im schlimmsten Fall erklären musst, was du dir als Künstler dabei gedacht hast.
Du sprichst in diesem Zusammenhang auch davon, dass das Werk im öffentlichen Raum zu einer Suche nach sich selbst wird. Heißt das, die Auseinandersetzung mit der Stadt ist in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung mit dir selbst? Meinst du, du wirst dich irgendwann einmal "gefunden" haben, oder ist diese Suche eine unendliche?
Jeder Künstler setzt sich in erster Linie mit sich selbst auseinander und ist auf der Suche, egal welche Sprache er benutzt. Das Arbeiten im öffentlichen Raum unterliegt den Gesetzmäßigkeiten der Stadt, den Komponenten des Nächtlichen und Illegalen mit all ihren Konsequenzen. Durch diesen dauerhaften Extremzustand wird das Auseinandersetzten mit dir selbst und deinem Werk um ein Vielfaches potenziert. Man reift schneller. Trotzdem ist die Suche endlos.
Eine andere Serie deines malerischen Schaffens heißt "After Writing" – eine Weiterentwicklung der Formsprache von Graffiti? Deine Wurzeln liegen beim Sprayen – hast du mit Tags angefangen? Inwiefern ist dein Formverständnis immer noch von Graffiti geprägt?
Ich denke jeder Writer hat mit einem Tag angefangen, so auch ich. Der zentrale Ansatz der Serie "After Writing" ist die Abstraktion und Auflösung der klassischen Elemente des Styles. Der Name weicht dem Wort. Auch wenn die Buchstaben der grundlegenden Einteilung der Flächen dienen, ist die daraus resultierende Farb- und Formkomposition einzig auf Bedeutung des verwendeten Wortes ausgerichtet. Dabei geht es nicht um die Harmonie zwischen Inhalt und Sprache. Ganz im Gegenteil.
Du machst nach wie vor auch Arbeiten, bei denen du in den öffentlichen Raum eingreifst. Hat sich die Wahrnehmung deiner Kunst verändert, seit du legal Kunst im öffentlichen Raum machst? Ich könnte mir vorstellen, dass frühere illegale Sachen als Schmiererei abgetan wurden und heute zu einer Sache wie der "Paint my House"-Lichtinstallation dieselben Menschen extra hinfahren um es sich anzusehen?
Inwiefern welche Arbeiten von wem wie beurteilt werden, kann ich nicht sagen. Es ist mir auch ziemlich egal. Ob Silberbombing in Marzahn oder Lichtinstallation in Trondheim, alles kommt aus der gleichen Quelle und hat seine Daseinsberechtigung. Als Künstler bin ich ewig Strebender und ewig Getriebener und immer nur am Beginn eines Prozesses. Wenn ich anfange mich nach Trends und Feedbacks zu richten, habe ich schon verloren. Ich allein bin die einzige Instanz, vor der ich mein Werk zu rechtfertigen habe.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bilder: Thomas Naumann, mehr Bilder auf der Homepage von Thomas Naumann.

















