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Faszination Tape-Art. Der Künstler Felix Rodewaldt im Interview

60 Meter Kunst

20.11.2012

Kleben, kleben, kleben! Faszination Tape-Art.

Er klebt einfach alles. Frei Hand, nur mit Tape-Rollen und Skalpell, lässt Felix Rodewaldt aus Klebeband Bilder, Wände, neue Räume entstehen. Der 23-jährige Student der Münchener Kunstakademie baut Straßenfluchten, Portraits und geometrische Figuren, die einem das Schwindelgefühl auf ganz neue Weise nahebringen. Unermüdlich und stundenlang, zu den Beats von San Quentin und Kareem El Morr. Von Anfang an ist die Tape-Kunst Rodewaldts an eine breite Öffentlichkeit gerichtet: er gestaltet die Wände diverser Clubs, wie der Bank, dem Art Babel und dem Bullitt Club, aber auch in Friseursalons und Modeläden. Felix Rodewaldt will die Leute auf neue Gedanken bringen. So, dass Kunst zu dem wird, was dem Betrachter auch wenn er direkt davor steht, noch einen Klaps auf den Hinterkopf verpasst. Heute, am 20. Juli, startet eine Ausstellung ungeahnter Raumdimensionen in München, Lilienstraße 9, die sich über drei Stockwerke eines ganzen Hauses erstreckt.

ZEITjUNG.de: Felix, wie hat die Geschichte deiner spektakulären Tape-Art angefangen?

Felix Rodewaldt
: Ich war gerade neu auf der Akademie der Bildenden Künste in München und habe mein altes Zimmer angemalt. Dabei wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte – bis ich dann letztendlich einfach mein Zimmer mit Klebeband abgeklebt und die Flächen dazwischen ausgemalt habe, mit Acryl. Dadurch habe ich dann geschafft, aus meinem sechzehn Quadratmeter Zimmer von der Wirkung her ein vier Quadratmeter großes Zimmer zu machen, weil die Farben und die bunten Flächen so gedrückt haben. Gleichzeitig ist mir dieses weiße Gitter, das ich vorher abgeklebt hatte, extrem aufgefallen. Dieses wollte ich dann, nachdem ich in ein neues Zimmer umgezogen war, sozusagen im Negativ nachbauen: also, dass das Gitter bunt ist, nicht die Fläche dazwischen. Das schien mir logischsterweise am einfachsten mit Tape zu erreichen. Ich habe dann eine Firma angeschrieben, die mir tatsächlich zwei Kisten voll Klebeband in den unterschiedlichsten Farben zugeschickt hat. Mit diesen Taperollen hatte ich meinen Raum schnell gestaltet, bei sehr geringem Materialaufwand: nur ein paar Meter pro Farbe. Der Rest der Rollen lag ziemlich lange bei mir herum, bis ich schließlich angefangen habe, auch für meine Freunde konkretere Sachen zu gestalten.

Wie ging dein Weg zum "Tape-Artist" weiter?

Letztes Jahr im Oktober hatte ich in Fürstenfeldbruck eine Ausstellung, für die ich mich in einer neuen Mischung aus Stencil-Art und Tape ausprobiert habe. Damals sind die ersten richtigen Bilder entstanden. Da bin ich dann drangeblieben: wenn ich unterwegs war und bei Freunden geschlafen habe, habe ich auch ihre Zimmer gestaltet – sie konnten das Klebeband ja wieder abziehen, wenn ihnen das alles zu bunt wurde. Aber bei den meisten hängt das Tape immer noch an der Wand. Mich reizte die neue Oberfläche! Nicht mehr der Hochglanzlack aus der Sprühdose, sondern das Tape direkt. Und jetzt spiele ich damit herum und mache einfach so viel, wie geht.

Mit welchen Themen beschäftigst du dich?

Ich verwende gerne Zitate aus Filmen. Zum Beispiel Marvin aus Per Anhalter durch die Galaxis, dieser depressive Roboter, der sich beschwert, keine Gefühle zu haben. In diesem Sinne Filme, die mir gefallen. Letztens, in der ersten offiziellen Ausstellung in meiner Wohnung, hatte ich diese blutigen Hände ausgeschnitten, die Hände aus dem Film Enter the Void, wo der Held als Drogendealer auf der Toilette erschossen wird.

Was fasziniert dich an diesen Figuren?


Dass sie in ihrer Einfachheit aussagekräftig und sehr prägnant sind. In ihrer Erscheinung und in ihrer Wirkung.

Deine Rauminstallationen sind auch sehr schlicht und trotzdem in ihrer Wirkung beeindruckend.


Mit meinen Rauminstallationen versuche ich mich zuallererst an die Architektur des vorhandenen Gebäudes anzupassen, zu zitieren in einer Art und Weise, zu verändern in einer anderen. Da hat man zum Beispiel plötzlich eine Wand vor sich, aus Tape, die man nicht durchdringen kann, die aber eigentlich nur aus Folie besteht und jederzeit wieder zerstört werden kann. Das entspricht meiner Vorstellung, dass man eine Idee schafft, die für kurze Zeit da ist und dann aber auch wieder verschwindet. Sich weiterentwickelt in meinem Fall, und in dem Betrachter vielleicht eine neue Idee erzeugt. Für jeden in seinem Umfeld, wie er es für sich selber wahrnimmt. Dieses kann ich ja nicht voraussehen. Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. In Freiburg, wo ich neulich einen Container bespielt habe, hat mich ein älterer Herr angesprochen und gemeint, dass ihn mein Werk voll an seinen Schlaganfall erinnert habe. Und dass er es deswegen gar nicht darin aushalten, geschweige denn hineingehen konnte. Es hatte eine ganz persönliche Wirkung auf ihn. Andere dagegen haben sich riesig über das Ungewohnte gefreut, mit den Smartphones Fotos gemacht und sich ausprobiert.

Deine Tapes haben ganz unterschiedliche Farben. Bevorzugst du denn eine davon im Besonderen?


Eigentlich nicht. Ich bin froh, dass ich die Basisfarben habe, hätte aber auch gerne, dass es mehr Farben gäbe. Das sind jetzt vielleicht meine nächsten Projekte, dass ich, wenn ich demnächst in anderen Ländern herumreise, auch auf neue Farbnuancen stoße. Als nächstes will ich auch mit Lastenkraftbändern arbeiten. Das sind breite, starke Webbänder. Mit denen will ich Skulpturen bauen. Damit komme ich zwar komplett weg vom Klebeband, arbeite aber nach wie vor mit den zwei Parallelen und der farbigen Fläche.

Was liebst du denn an der Arbeitsweise mit dem Tape?


Es hat ein bisschen was von Mikado spielen. Man muss sehr ruhig werden, damit man nicht anfängt zu zittern, man muss gleichzeitig sehr genau sein, um den richtigen Moment und die richtige Position zu finden, um das Tape anzulegen. Diese meditative Arbeit als solche ist bei mir so stark, dass ich komplett vergesse, wo ich bin, wer ich bin. Letzte Nacht habe ich wieder die ganze Zeit bis sechs Uhr morgens durchgearbeitet. Und bis jetzt nur vier Stunden Schlaf gehabt. Aber mir geht es gut dabei: Ich bin nicht müde, nicht erschöpft. Das wundert mich immer wieder, aber es funktioniert.

downstairs. Felix.Rodewaldt // Rauminstallationen from Felix Rodewaldt on Vimeo. Fotos: Felix Rodewaldt, Isabella Vermehren.