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Was war zuerst da - Liebe oder Leinwand?

Meine Liebe ein Film

26.10.2012

Warum wir knutschen und Liebe machen wie Hollywood-Stars.

„I love you.“ Ein tiefer Blick in das gegenüberliegende Augenpaar. Lächelnd. Leicht fragend. Quälende Sekunden verstreichen. Endlich die Antwort: „I love you too“. Die Gesichter kommen sich näher. Einen Millimeter voneinander entfernt stoppen die Nasenspitzen noch einmal. Ein kurzes Zögern, noch ein intensiver Blick in die Augen. Ein scheues Lächeln. Die Köpfe neigen sich zur Seite. Die Augen schließen sich. Eine Hand greift um den Nacken und wühlt sich in das Haar. Lippen berühren sich. Erst sanft, dann immer heftiger, bis zwei Körper aneinanderbeben und die Köpfe wild knutschend hin und her über die Münder rutschen.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Dieser Art von romantischem Knutschen sind wir wohl alle schon mal begegnet. Vielleicht, als wir das letzte mal im Kino saßen und uns die neueste romantische Komödie aus der Traumfabrik angeschaut haben, vielleicht aber auch ganz privat mit dem eigenen Partner. Tausendmal studiert, tausendmal schon selbst probiert.
Das Verhältnis von Kino zu echtem Leben scheint in dieser Hinsicht ein bisschen wie das von Huhn zu Ei zu sein – was war zuerst da? Die Idee, während des Sexs in der Nähe einer beschlagenen Scheibe seine Hand an eben dieser runterrutschen zu lassen oder die dazu passende Auto-Szene in Titanic?

Monopol auf Bilder der Leidenschaft

Dass wir Menschen durch Nachahmung lernen, wusste ja schon der gute Aristoteles. Nun ist es aber so, dass gerade Intimsituationen wie Küssen und Sex meistens nicht an jeder Ecke unseres Alltags zu beobachten sind. Im Kino jedoch kann man sich bequem in den Plüsch-Sessel kuscheln und ganz in Ruhe das Auge von nackter Haut, Griffen an fremde Brüste und schmatzenden Lippen penetrieren lassen.

Dadurch bekommt der Film das Monopol, Bilder für den korrekten, erotischen oder romantischen Ablauf von Intimsituationen zu liefern. Oder wieso scheint jeder zu wissen, dass man sich vor dem Kuss auf diese und jene Art in die Augen sieht, den Kopf auf diese und jene Weise neigt, bevor man mit der Hand im Nacken leidenschaftlich losknutscht? Wie lang die angebrachte Sekundenspanne ist, um nach einem „Ich liebe dich“ ein „Ich liebe dich auch“ zu erwidern? Wie oft hat man das Gefühl, eigentlich gerade nachzuspielen, wie zwei junge schöne Menschen miteinander filmreifen Sex haben, anstatt wirklich mit einem jungen schönen Menschen filmreifen Sex zu haben.

Der ewige Kreislauf des Lebens und der Leinwand


Filme arbeiten sich in unser kulturelles Gedächtnis ein, schaffen Bilder, die wir immer und immer wieder reproduzieren werden. Wie viele Fotos gibt es wohl auf der ganzen Welt von Pärchen, die wehenden im Wind oder an exponierten Stellen mit ausgebreiteten Armen hintereinander stehen?

Dieser Mechanismus wird noch dadurch verstärkt, dass Sex in erfolgreichen Filmen immer ziemlich ähnlich abläuft. Sex hat man entweder im Bett, in der Dusche, der Flughafentoilette oder im Zusammenhang mit sexy Essen. Frauen biegen dabei immer auf die gleiche Art ihren Rücken durch, damit die Brüste auch ja schön exponiert sind. Vaginale Orgasmen, wohin das Auge reicht. Alle stöhnen, keiner schwitzt. Überhaupt herrscht insgesamt viel zu viel Perfektion.

Lest auf Seite 2 warum Hollywood-Sex zwar schön aussieht aber nicht schön ist – und eine kleine Videogalerie ... 
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