Ach, wie schönisch!
Wenn Sprache nicht mehr nur gegeben ist
Der Erfinder der Kunstsprache Ratiáce, Michael Scholl, im Interview.
Vor zwei Jahren fingen Michael Scholl und sein Schulfreund Lukas an, für ein Studienprojekt in knapp 6 Monaten ihre eigene Sprache zu entwickeln. Herausgekommen ist die Kunstsprache Ratiáce, für die die beiden sich eine eigene Grammatik ausgedacht und über 1500 Wörter erfunden haben. In der Uni gab es dafür eine 1-, und die beiden entschieden sich, weiterzumachen und die neue Sprache auch in ihren Alltag einzubinden. In der Zwischenzeit gibt es etwa 80 Ratiáci, und die Sprache wächst und wandelt sich, denn jeder kann selbst an der weiteren Entwicklung mitwirken.
„Syent, fa rea Michael an rea rilt-Parn 21 (radeyec) an rea e rel-Studenst soik.“
So stellt Michael sich in seiner Sprache Ratiáce vor: Hallo, ich bin Michael und ich bin 21 Jahre alt und fast Student. Fast Student, denn nächstes Jahr möchte Michael, der auch Englisch, Latein und Altgriechisch spricht, anfangen, Musik zu studieren. Vorher widmet sich der Münchner noch intensivst seinem großen Hobby: Sprache.
ZEITjUNG: Viele kennen die Plansprache Esperanto, Ratiáce ist aber anders, nämlich als Kunstsprache, angelegt. Was unterscheidet diese beiden konstruierten Sprachen und was ist das besondere an Eurem Konzept?
Michael Scholl: Eine Kunstsprache soll erstens verdeutlichen, wie Sprache funktioniert und zweitens eine in sich gut funktionierende Gemeinschaft entstehen lassen. Eine Plansprache wie Esperanto dagegen will für sich eine bestimmte Stellung erlangen, z.B. eine Internationale Hilfssprache sein. So würde ich die beiden unterscheiden, ob das der wissenschaftlichen Linie entspricht, kann ich nicht genau sagen. Das Besondere an Ratiáce ist, dass sie so einfach zu lernen ist, dass alles aufeinander aufbaut und sie wirklich verständlich ist. Es ist die coolste kleine Sprache, die auch noch auf Freundschaft, Gemeinschaft und Bildung abzielt.
Die Grammatik habt ihr Euch komplett ausgedacht, und ihr betont, dass sie ganz einfach zu lernen ist, könntest Du uns das kurz an einem Beispiel zeigen?
Viele Sachen kann man nach dem Alphabet ableiten, z.B.: Ich heißt fa; du heißt fe; er, sie, es heißt fi: also a-e-i.
1500 Wörter habt Ihr bisher erfunden, manche sind dabei auch an schon existierende Begriffe anderer Sprachen angelehnt. Wie kann man sich das bei Euch mit dem Wörter-Ausdenken vorstellen?
Hier bin ich immer nach einem Schema vorgegangen. Am folgenden Wort lässt sich das gut erkennen: "naua" heißt "kennen". Wenn man jetzt etwas Englisch kann, erkennt man, dass es von dem Verb "to know" kommen muss, was einfach in lautgleiche Buchstaben übersetzt wurde und mit der ratiácischen Verbendung -a versehen wurde.
Das Besondere an Ratiáce ist, dass es eine offene Sprache ist, sie wird also nicht nur von Dir und Lukas geformt, sondern ihr nehmt auch andere Wortkreationen mit in Euren Wortschatz auf, wie kann man sich bei Euch beteiligen und wie schafft ihr es, nicht den Überblick zu verlieren?
Alle Leute können ganz einfach mitmachen: Zuerst kann man sich über E-Mail an ratiace@web.de oder bei Facebook kostenlos unser kurzes Lehr- und Wörterbuch bestellen. Da die Grammatik wirklich sehr schnell zu lernen ist, hat man schon nach kurzer Zeit das Gefühl, die Sprache zu beherrschen. Dann kann man z.B. wieder bei uns nachfragen, ob es einen "Brieffreundschaftspartner" gibt, denn wir vermitteln oft zwischen den Ratiáci, damit jeder einzelne durch solche Freundschaften sein eigenes Können verbessern kann.
Und wenn man die Vokabeln einigermaßen kann und man dann etwas übersetzen möchte, hier aber die passende Übersetzung fehlt, dann kann man ganz einfach das betreffende deutsche Wort mit der eigenen ratiácischen Übersetzung an unsere E-Mail-Adresse senden. Wir veröffentlichen einmal im Monat alle neuen Wörter im Internet und es gibt auch Newsletter, so dass jeder sie sich ganz einfach im eigenen Wörterverzeichnis nachtragen kann.
Gibt es Wörter, die Du auf Ratiácisch schöner findest, als auf Deutsch, oder die für Dich in Eurer Sprache mehr Sinn ergeben?
Es gibt zahlreiche Wörter, die ich auf Ratiácisch schöner finde, z.B. eine Frau aus Baden-Württemberg hat uns im Juli folgende neue Übersetzung für das Wörtchen "nie" geschickt: "leysypalatenynanley", die Dame hat sich bestimmt gedacht, dass das ein guter Gag wäre, und wir haben es trotzdem aufgenommen, da es für uns schlüssig ist (Wir haben aber hinzugefügt, dass man zusätzlich das Wort "leys" für "nie" benutzen darf). Auch folgende Wörter klingen auf Ratiácisch einfach viel schöner: Proseatioptes (die Abzeichnung), Kátástrefen (die Katastrophe) oder das Wort "ſyq" (ausgesprochen: Ryk), welches "Frieden" heißt und einen eigenen, nur in diesem Wort vorkommenden Buchstaben, das ſ, bekommen hat.
Mindestens genauso essentiell: Ich bin hungrig - Fa rea metye
Eurem Wörterbuch kann man entnehmen, dass ratiác schön heißt, aber was bedeutet Ratiáce?
Die zusätzliche Endung -e gibt es sonst eigentlich nur, wenn man Verben zu Adjektiven, sowie Nomen zu Adjektiven machen will ("appa" heißt "öffnen", "appe" heißt "offen"). Ratiáce heißt also wörtlich übersetzt "Schönisch".
Ratiác! Wir bedanken uns für das Interview!
Reyi rel-Fan ras-ZEITjUNG in rin-Facebook!
Werde Fan von ZEITjUNG bei Facebook!





