Nachtkonsum-Mastermind Florian Liss im Gespräch
Im Zeichen der Individualisierung
24.02.2012
Florian Liss, Macher der "Nachtkosum"-Flohmärkte im ZEITjUNG-Interview.
Vintage, Vintage, Vintage – Retro, Retro, Retro. Der Hype um Omas Kleiderschrank, Opas Sonnenbrillenkollektion, und Onkels Plattensammlung nimmt kein Ende. Der Style des modebewussten, urbanen Trendsetters ist auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden zu Hause. Zeit also sich mit einer Kapazität der Gebrauchtwaren zu unterhalten. Florian Liss hat den „Nachtkonsum“ aus der Taufe gehoben. Abendliche Flohmärkte mit Event-Charakter, die mittlerweile in mehreren deutschen Städten stattfinden und Tausende Schnäppchen-Desperados anziehen. Ein Interview über Flohmarkt-Philosophie und Unternehmertum.
ZEITjUNG: Jede bezaubernde Großstadt-Amazone, jeder coole Straßen-Cowboy, der heute was auf sich hält, trägt mindestens ein Teil vom Flohmarkt mit sich rum. Wie erklärst du dir diesen Hype?
Florian Liss: Flohmärkte erleben gerade eine Renaissance. Ich erkläre mir das so: Durch die Individualisierung versuchen die Leute, sich immer stärker abzugrenzen. Das machen sie auch durch Klamotten, Modelabels und Accessoires. Um da noch krasser aus der Masse herauszustechen suchen sie extravagante Teile, die erschwinglich sind und die sonst niemand hat. Teile, die sonst niemand hat findet man auch in sündhaft teuren Boutiquen. Aber preiswerte, exklusive Teile, die findet man nur auf dem Flohmarkt.
War euch dieser Trend bewusst als ihr angefangen habt?
Ich habe Soziologie studiert und mich da intensiv mit Individualisierungsthesen auseinandergesetzt. Ich kam zur Erkenntnis: Mit seinem Äußeren generiert man in seiner Umgebung einen Zahlencode, der aus fünf bis zehn Zeilen besteht: Schuhe, Hose, Kette, Uhr, Rucksack, Brille, Tasche, Mantel und so weiter. Da gibt es unendliche Möglichkeiten der Kombination, durch die Individualisierung erfolgt. Auf diesem Prinzip beruht der Erfolg von Flohmärkten. Diese Analyse kam aber eher im Nachhinein. Als wir mit den Nachtflohmärkten angefangen haben war uns dieser Trend noch nicht so bewusst.
Trotzdem seid ihr da auf einen gut rollenden Zug aufgesprungen. Wie ging es denn bei euch los?
Wir haben den ersten Münchener Nachtflohmarkt im Rahmen einer Existenzgründer-Initiative der LMU veranstaltet. Dabei zählte im Endeffekt: Wie viel Kohle wurde verdient? Und das war bei uns erstmal super gering. Ich habe dann mein Studium fertig gemacht, meinen jetzigen Partner Stefan ins Boot geholt und gesagt: Das muss man professionalisieren, also besser, effizienter, häufiger und auch in anderen Städten veranstalten.
Das Konzept war dabei aber von vornherein aber mehr als „nur“ ein einfacher Flohmarkt am Abend?
Ja. wir wollten was machen, womit wir uns selber identifizieren können, obwohl wir selber nicht so krasse Trödelfreaks oder wöchentliche Flohmarktgänger sind. Darum wollten wir Musik bieten und was zu trinken. Bei uns sollen sich die Leute um 23:00 Uhr ein Bier oder einen Prosecco aufmachen und die Stereo-Anlage aufdrehen. Wir wollen auch das „stylische“, junge, urbane Publikum ansprechen. Darum haben wir auch immer so drei bis fünf lokale Newcomer-Bands die für das Publikum spielen.

Das Konzept scheint aufzugehen, in München und Köln rennen euch die Besucher die Bude ein. Was ist das spezielle Shopping-Erlebnis beim „Nachtkonsum“?
Auf unseren Flohmärkten finden sich kaum professionelle Händler. Wir haben 80 Prozent Verkäufer, die ihren Kleiderschrank ausräumen und alles loswerden wollen. Darum kann man bei uns wirklich die erhofften Schnäppchen machen, weil die Leute das Zeug hinbringen, das für sie persönlich keinen Wert mehr hat.
Ihr musstet aber auch Rückschläge einstecken. In Berlin zum Beispiel ist euer Konzept gescheitert. Warum?
Berlin hatte ein super schwieriges Publikum. Wir waren der 49. Trödelmarkt in der Stadt, der einzige mit Eintritt und die Berliner haben uns den Hals umgedreht. Jeder Zweite hat mit uns diskutiert, warum es Eintritt kostet, warum überhaupt Musik gespielt wird, wofür es das alles bei einem Trödelmarkt braucht. Da ist uns wirklich aufgefallen, dass wir nicht nur ein Flohmarkt sind, sondern ein Erlebnis, Atmosphäre und Stimmung verkaufen.
Und was kaufst du selbst auf einem Flohmarkt? Was waren die drei coolsten Teile die du „ertrödelt“ hast?
Einen "Sparverein", eine echte Glashütte-Uhr und einen goldenen Füller von Dupont, 1921.
Vielen Dank für das Gespräch.
Der nächste „Nachtkonsum“ findet diesen Samstag, 25.2.2012 in der Tonhalle am Ostbahnhof in München statt. Los geht`s um 17:00, Eintritt 3 Euro...
Bild:Benjamin Ganzenmüller
ZEITjUNG: Jede bezaubernde Großstadt-Amazone, jeder coole Straßen-Cowboy, der heute was auf sich hält, trägt mindestens ein Teil vom Flohmarkt mit sich rum. Wie erklärst du dir diesen Hype?
Florian Liss: Flohmärkte erleben gerade eine Renaissance. Ich erkläre mir das so: Durch die Individualisierung versuchen die Leute, sich immer stärker abzugrenzen. Das machen sie auch durch Klamotten, Modelabels und Accessoires. Um da noch krasser aus der Masse herauszustechen suchen sie extravagante Teile, die erschwinglich sind und die sonst niemand hat. Teile, die sonst niemand hat findet man auch in sündhaft teuren Boutiquen. Aber preiswerte, exklusive Teile, die findet man nur auf dem Flohmarkt.
War euch dieser Trend bewusst als ihr angefangen habt?
Ich habe Soziologie studiert und mich da intensiv mit Individualisierungsthesen auseinandergesetzt. Ich kam zur Erkenntnis: Mit seinem Äußeren generiert man in seiner Umgebung einen Zahlencode, der aus fünf bis zehn Zeilen besteht: Schuhe, Hose, Kette, Uhr, Rucksack, Brille, Tasche, Mantel und so weiter. Da gibt es unendliche Möglichkeiten der Kombination, durch die Individualisierung erfolgt. Auf diesem Prinzip beruht der Erfolg von Flohmärkten. Diese Analyse kam aber eher im Nachhinein. Als wir mit den Nachtflohmärkten angefangen haben war uns dieser Trend noch nicht so bewusst.
Trotzdem seid ihr da auf einen gut rollenden Zug aufgesprungen. Wie ging es denn bei euch los?
Wir haben den ersten Münchener Nachtflohmarkt im Rahmen einer Existenzgründer-Initiative der LMU veranstaltet. Dabei zählte im Endeffekt: Wie viel Kohle wurde verdient? Und das war bei uns erstmal super gering. Ich habe dann mein Studium fertig gemacht, meinen jetzigen Partner Stefan ins Boot geholt und gesagt: Das muss man professionalisieren, also besser, effizienter, häufiger und auch in anderen Städten veranstalten.
Das Konzept war dabei aber von vornherein aber mehr als „nur“ ein einfacher Flohmarkt am Abend?
Ja. wir wollten was machen, womit wir uns selber identifizieren können, obwohl wir selber nicht so krasse Trödelfreaks oder wöchentliche Flohmarktgänger sind. Darum wollten wir Musik bieten und was zu trinken. Bei uns sollen sich die Leute um 23:00 Uhr ein Bier oder einen Prosecco aufmachen und die Stereo-Anlage aufdrehen. Wir wollen auch das „stylische“, junge, urbane Publikum ansprechen. Darum haben wir auch immer so drei bis fünf lokale Newcomer-Bands die für das Publikum spielen.

Das Konzept scheint aufzugehen, in München und Köln rennen euch die Besucher die Bude ein. Was ist das spezielle Shopping-Erlebnis beim „Nachtkonsum“?
Auf unseren Flohmärkten finden sich kaum professionelle Händler. Wir haben 80 Prozent Verkäufer, die ihren Kleiderschrank ausräumen und alles loswerden wollen. Darum kann man bei uns wirklich die erhofften Schnäppchen machen, weil die Leute das Zeug hinbringen, das für sie persönlich keinen Wert mehr hat.
Ihr musstet aber auch Rückschläge einstecken. In Berlin zum Beispiel ist euer Konzept gescheitert. Warum?
Berlin hatte ein super schwieriges Publikum. Wir waren der 49. Trödelmarkt in der Stadt, der einzige mit Eintritt und die Berliner haben uns den Hals umgedreht. Jeder Zweite hat mit uns diskutiert, warum es Eintritt kostet, warum überhaupt Musik gespielt wird, wofür es das alles bei einem Trödelmarkt braucht. Da ist uns wirklich aufgefallen, dass wir nicht nur ein Flohmarkt sind, sondern ein Erlebnis, Atmosphäre und Stimmung verkaufen.
Und was kaufst du selbst auf einem Flohmarkt? Was waren die drei coolsten Teile die du „ertrödelt“ hast?
Einen "Sparverein", eine echte Glashütte-Uhr und einen goldenen Füller von Dupont, 1921.
Vielen Dank für das Gespräch.
Der nächste „Nachtkonsum“ findet diesen Samstag, 25.2.2012 in der Tonhalle am Ostbahnhof in München statt. Los geht`s um 17:00, Eintritt 3 Euro...
Bild:Benjamin Ganzenmüller






