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"Chronicle": Fast wie Spiderman

Teenager mit Nasenbluten

19.04.2012

Jetzt im Kino: Die abgefahrene Sci-Fi-Komödie "Chronicle".

Spiderman mal anders: Man stelle sich vor, Peter Parker würde seine Superkräfte nicht dazu einsetzen, Gutes zu tun und Verbrecher zu jagen, sondern stattdessen seine Feinde zu vermöbeln und seine Freunde mit seinen Flugkünsten zu beeindrucken. Kurz: Das zu tun, wovon jeder Jugendliche so träumt.

Genau diese Option spielt „Chronicle“ konsequent durch. Per Zufall kommen drei Durchschnitts-Teenager zu Superkräften. Gnadenlos nutzen sie ihre Fähigkeiten aus – und scheitern am Ende gewaltig.

Oversexed und Underfucked

Andrew (Dane DeHaan) ist ein typischer Teenager. Fettige Haut, fettige Haare, oversexed und underfucked. Seine Mutter liegt zuhause im Sterben, während sein tyrannischer Vater ihm das Leben schwer macht. Einziger Freund, den Andrew hat, ist sein Cousin Matt (Alex Russell). Um Andrew aus dieser Tristesse zu reißen, nimmt Matt seinen Cousin mit auf eine Party. Dort angekommen, macht sich Andrew gleich unbeliebt, denn er filmt alles und jeden mit seiner heißgeliebten Videokamera.

Mitten in der Nacht, die Party ist auf ihrem Höhepunkt angekommen, machen Matt und sein Kumpel Steve (Michael B. Jordan), Typ gutaussehender Footballspieler, eine Entdeckung, die Andrew filmen soll. In einer unterirdischen Höhle haben sie ein scheinbar außerirdisches Artefakt entdeckt. Die Höhle stürzt ein, die drei entkommen knapp.

Extraterrestrisches Nasenbluten

Am nächsten Tag dann die Überraschung: das außerirdische Ding hat den drei Jungs übernatürliche Kräfte verliehen. Sie können Gegenstände telepathisch bewegen. Schnell trainieren sie ihre Fähigkeiten, können sogar Autos bewegen – und schließlich sich selbst. Einzige Nebenwirkung des Ganzen: nerviges Nasenbluten.

Bald jedoch zeigt sich die negative Seite der neugewonnenen Zauberkünste: als sie durch die Lüfte fliegen, wird Steve von einem Flugzeug erfasst und überlebt nur knapp. Und dann verursachen sie auch noch einen Autounfall, bei dem ein Mann schwer verletzt wird. Steve und Matt ziehen aus den Unglücken die Lehre, ihre Kräfte sparsam und nicht gegen andere Menschen einzusetzen.

Andrew jedoch, der ewige Verlierer, nutzt seine Fähigkeiten, um Mädchen zu beeindrucken und sich an seinem brutalen Vater zu rächen. Doch Andrews Überheblichkeit endet in einer Katastrophe, als er beginnt, im Zentrum von Seattle seinen persönlichen Rachefeldzug zu führen.

Sinn und Unsinn der Handkamera

"Chronicle" wurde größtenteils mit verwackelter Handkamera gedreht. Anders als etwa beim "Blair Witch Project" oder beim spanischen Gruselschocker "[REC]" fragt man sich jedoch, warum. Denn der Film wird dadurch weder spannender, noch eröffnet er Einblicke, die eine normale Kameraführung nicht zeigen könnten. Zumal immer wieder die Kameraperspektive der Akteure verlassen wird und wir das Geschehen aus dem Blickwinkel eines Kameramanns sehen. Hinzu kommt, dass die Anwesenheit einer Kamera in der Hand der Akteure immer wieder durch enervierende Dialoge erklärt werden muss.

Die Welt als Wille

Dennoch ist „Chronicle“ ein guter Film geworden, der nicht umsonst in den USA zum Überraschungserfolg wurde. „Chronicle“ ist ein Film wie ein Teenager-Traum, in dem alles möglich ist. Die Welt wird zum bloßen Willen – nicht umsonst zitiert Matt gleich zu Beginn des Films seinen Lieblingsphilosophen Schopenhauer. Doch ein Wille, so die etwas moralinsaure Botschaft von „Chronicle“, kann auch böse geartet sein. Wer Macht hat, muss wissen, sie verantwortungsvoll zu nutzen.

Doch natürlich ist „Chronicle“ kein philosophisches Traktat über die Macht. „Chronicle“ ist ein unterhaltsamer Science-Fiction mit einigen Schwachstellen, der jedoch großen Spaß macht. Das ist auch das Verdienst der jungen, frischen Darsteller, allen voran der charismatische Michael B. Jordan als Steve, der schon in der TV-Serie „The Wire“ sein Können gezeigt hat. Zusammen mit schönen, nie überladenen Spezialeffekten ist „Chronicle“ bestes Popcorn-Kino und eine neue, unverkrampfte Version der Superhelden-Thematik, die viel Spaß macht.

„Chronicle – Wozu bist du fähig?“ USA 2012, 84 Minuten
Jetzt im Kino


Foto: 20th Century Fox