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Skin Picking: Der ewige Kampf um die perfekte Haut

Knibbeln, drücken, ziehen, stechen

31.05.2012

Skin Picking: Eine psychische Erkrankung, die nach der perfekten Haut strebt und sie doch zerstört.

„Ich stelle mir morgens extra zwei Stunden früher den Wecker. Dann habe ich genug Zeit, alles einmal durchzuchecken“, sagt Maria, 18 Jahre alt. Durchchecken, damit meint sie, sich vor ihren Vergrößerungsspiegel zu setzen, um ihre Gesichtshaut abzusuchen. Nach Pickeln, Mitessern, Rötungen und Haaren. Maria ist, laut "Psychologie Heute", wie mehr als 60 Prozent aller Frauen, Skin Picker.

Der Drang nach Perfektion

Skin Picking, oder auch Dermatillomanie, ist eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene den unwiderstehlichen Drang verspüren, die Haut zu bearbeiten - mit einer Nadel, Pinzette, Schere oder den Fingern. Pickel werden mit einer Nadel aufgestochen, dann ausgedrückt. Krusten im Gesicht werden abgepult, wissend, dass es zu einer erneuten Blutung kommen wird. Augenbrauen werden so lange gezupft, bis die Haut zwar glatt, aber kaum noch Haare übrig sind, die Nagelhaut wird mit den Zähnen und Fingernägeln abgerissen. Der permanente Drang nach Perfektion und der Wunsch nach einer ebenen Haut ist es, unter dem die Erkrankten leiden und der sie zu ihren Handlungen zwingt. Nervosität, Anspannung, Ängste, Langeweile, die Motive sind vielseitig, aber sie stehen alle in Verbindung mit dem Bedürfnis, gefallen zu wollen.

Auch Uwe, 60 Jahre alt, ist Skin Picker. „Schauen Sie meine Finger an. Ich schäme mich, jemandem die Hand zu reichen.“ Uwes Fingernägel sind stumpf, die Nagelhaut übersät von blutigen Krusten und Rötungen. „Wenn ich über meinen Finger fahre, dann spüre ich, dass die Haut nicht glatt ist, da ist ein Hautfetzen der absteht. Das macht mich wahnsinnig, das kann ich so nicht lassen.“ Doch ist der eine Hautfetzen beseitigt, entsteht meistens ein neuer, ein nie endendes Prozedere.

Der Körper als Übersetzer der Seele

Skin Picking ist vom einfachen Rumpulen zu unterscheiden, denn es nimmt viel mehr Zeit in Anspruch und hat schwerwiegendere Gründe. „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“, sagte der Dichter Christian Morgenstern einst. Und hier schlummert das wirkliche Leiden der Betroffenen. Selbstzweifel, ein geringes Selbstwertgefühl und Unsicherheit sind die Auslöser für Skin Picking, aber auch starke Akne in der Pubertät und damit zusammenhängende Hänseleien.

Von sichtbaren und unsichtbaren Narben

Beim Skin Picking sind rationale Gedanken vollkommen ausgeblendet, wie bei den meisten Süchten. Was zählt ist das angenehme Gefühl des Augenblickes, Reue und Schuldgefühle setzen erst danach ein. Um das schlechte Gewissen zu beruhigen, kreiert der Betroffene regelrecht Rituale für sein Handeln. Wunden werden verarztet, heilende Cremes aufgetragen, quasi ein seelischer Verband um die Wunde gelegt, bis es erneut losgeht. Doch schlimmer als die Risse in der Haut, sind die Narben in der Seele. Mit jedem neuen Skin Picking muss sich der Betroffene eingestehen, wieder versagt zu haben, da er es nicht geschafft hat, seine Sucht zu überwinden.

„Hör doch einfach auf!“

„Nimm die Hände aus dem Gesicht!“ und „kein Wunder, dass deine Haut so unrein ist, wenn du da dauernd mit deinen schmutzigen Händen dran gehst“ sind wohl die Standardsprüche, mit denen Skin Picker unablässig konfrontiert werden. Aus allen Richtungen schlägt ihnen Unverständnis entgegen, als wäre mit einem „höre doch einfach auf“ alles geregelt. "Aber genau so gut könnte man mir sagen: Habe doch einfach mehr Selbstvertrauen in dich, finde dich doch einfach schön. Aber das hilft mir ja nicht, ich kann das schließlich nicht einfach so beschliessen und dann auch umsetzen“, findet Maria.

In der Therapie setzen Psychologen auf den Aufbau von mehr Selbstwertgefühl, denn die grundlegende Unzufriedenheit mit sich selbst und die permanente Erwartung perfekt sein zu müssen sind die Ursachen für das Skin Picking. Knibbeln, drücken, ziehen und stechen für den Wunsch nach mehr Selbstliebe. Ein Kampf gegen den eigenen Körper, der nicht gewonnen werden kann.

Foto: dommy.de (aboutpixel.de)