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Sabine Weingartner: „Paradiessprache“ – ein Projekt junger Künstler und Literaturwissenschaftler

Welche Sprache spricht man im Paradies?

21.05.2012

Ein Kunstprojekt in München sucht nach Antworten und findet das Verstummen.

Schon der Stauferkaiser Friedrich II. wollte es wissen. Wie haben die Menschen nur gesprochen, vor der allgemeinen Sprachverwirrung, die dem Turmbau zu Babel folgte? Um das herauszufinden, soll er befohlen haben, einige Neugeborene von jeglichem Sprachkontakt zu isolieren. Die Babys wurden zwar königlich gepflegt und versorgt, aber niemand durfte ein Wort an sie richten oder in ihrer Umgebung sprechen.

Das Experiment, das die menschliche „Ursprache“ enthüllen sollte, scheiterte: Nach einiger Zeit starben die Kinder, ohne je auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Ein hoher Preis, für die Erkenntnis, dass Sprache kein Nebenprodukt des Menschen, sondern grundlegender Teil seiner Existenz ist, eine Realität derselben Notwendigkeit wie Nahrung oder Luft. Nichtsdestotrotz merken wir immer wieder, dass Sprechen an sich oft nicht ausreicht, um uns anderen mitzuteilen.

Der Mensch ist ein gewissermaßen ‚gebrochenes’ Wesen. Hin- und hergerissen zwischen einer Vorstellung und ihrem tatsächlichen Ausdruck, muss er jeden Tag aufs Neue versuchen, sich in angemessener Weise verständlich zu machen. Zu groß ist die Vielzahl an Bedeutungen, die eine einzige Benennung eines Dings mit sich bringt. Zu oft fehlen uns die rechten Worte. Zu sehr abgegriffen erscheinen meistens die Begriffe.

Sprechen wie im Paradies

„Paradiessprache“ heißt das Projekt von Sabine Weingartner, die es sowohl konzipiert und initiiert als auch geleitet hat. Hinter dem Titel steckt die paradiesische Vorstellung der Rückkehr zu einer Sprache, die es wieder ermöglichen soll, das wahre Wesen der Dinge zu erfahren. Es ist ein utopischer Entwurf, jedoch mit hohem Inspirationspotential. Wie sich der grundsätzliche Zweifel am sprachlichen Ausdrucksvermögen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer schier unerschöpflichen Quelle von Kreativität gemausert hatte, wurde auch hier die Sprache zum Antrieb für künstlerisches Schaffen.

Wo Sprache ihr Ende findet, fängt Bildlichkeit an, doch auch diese garantiert kein echtes Verstehen. Zusammen mit jungen Künstlern und Literaturwissenschaftlern begab sich die 28-jährige Münchnerin auf die Suche: „Der sprachphilosophische Begriff der „Paradiessprache“ sollte im Zentrum der Beschäftigung stehen, dem man sich als eine Art Forschergruppe durch Lektüre literarischer und wissenschaftlicher Texte und Diskussionen annäherte. Auch die Handlungstheorie der beteiligten Künstler sollte vor diesem Hintergrund beleuchtet werden.“

Weingartner selbst hat Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert und bereits interdisziplinär und zum Begriff „Paradiessprache“ gearbeitet. Sie betont: „Bildende Kunst und Literatur sind ja beides freie Künste – so interessiert es mich, Gemeinsamkeiten in der Problemstellung und Methodik sowohl auf Rezipienten- als auch auf Produzentenseite herauszustellen.“ Außerdem konnte die Zusammenarbeit in der Gruppe von der Textsicherheit und –Kenntnis der Germanisten bzw. Komparatisten profitieren.

Grenzaufweichungen

Das Projekt ermöglichte den Studenten, als Forschergruppe und Produzentengemeinschaft gleichermaßen zu arbeiten: „Die Grenzen zwischen bildenden Künstlern und Wissenschaftlern sollten aufgeweicht und nach Gemeinsamkeiten in der Methodik gesucht werden.“ Weingartner beobachtete dabei, dass dieser Ansatz für die Studenten eine völlig neue Erfahrung war: "Die ‚Fronten’ zwischen Kunst und Wissenschaft waren anfangs doch offensichtlich – man hat sich schon gegenseitig beäugt, das hat mich überrascht." Die meisten Literaturwissenschaftler hätten noch nie einen Fuß in die Kunstakademie gesetzt oder andersherum. So sei die Konstellation als solche immer wieder intensiv diskutiert worden. "Die Situation", so Weingartner, "war demnach für beide Seiten ungewöhnlicher als ich von meiner Perspektive aus vermutet hatte.“

Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Aus dem Projekt entstand ein Buch. Ein Ziel wurde somit schon mal erreicht, sagt Sabine Weingartner: „In dem Buch sind sehr unterschiedliche Beiträge vereint, die jedoch gemeinsam haben, dass sie sehr frei und assoziativ mit dem Thema umgehen. Es sind beinahe ausschließlich künstlerische Beiträge entstanden: Gedichte, Erzählungen, eine Tragikomödie...“

Lest auf Seite 2, warum das tatsächliche Verstehen der Dinge unmöglich ist …
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