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Eine Abrechnung mit Menschen ohne Geschmack und Meinung zu Musik

Hassobjekt: Musikblinde

09.07.2012

Schlimme Sache: Menschen ohne Musikgeschmack.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann - da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe "Hassobjekt" einfach freien Lauf und geraten immer Montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Menschen ohne Musikgeschmack.

Musik, was wäre diese Welt ohne Musik. Friedrich Nietzsche sagt, ein einziger Irrtum. Wer schon Stunde um Stunde in seinem Zimmer lag, ein bestimmtes Lied, eine Platte, eine Band in der Dauerschleife, ohne jede andere Ablenkung, der wird Herrn Nietzsche wohl beipflichten. An alle anderen: Lest und lernt!

Musik hören und Musik „hören“

Die Menschheit teilt sich in zwei Lager: Da sind die, die Musik hören und die, die Musik „hören“. Erstere können dir aus dem Stegreif, mit funkelnden Augen, von ihrem letzten Konzert erzählen. Sie reden in einem zehn-minütigen Monolog über ihre Lieblingsband und beschreiben dir haargenau, was Musik mit ihnen macht, was sie empfinden, wenn sie diese hören und welche Momente, Menschen und welche Zeit sie damit verbinden. Musik ist der ewige Begleiter, der Freund, der Helfer.

Und dann gibt es eben noch die anderen, diejenigen, für die Musik ein Zeitvertreib ist, ähnlich Fernsehschauen. Auf die Frage: „Und? Was hörst du so für Musik?“ gucken sie dich erst einmal irritiert an, gerade so, als hättest du gefragt, wie lange sie denn so für die Besteigung des Mount Everest benötigt hättest. Nach einem kurzen Überlegen mit heruntergezogenen Mundwinkeln und einem tiefen Atemzug beantworten sie dir die Frage mit der schlimmsten aller möglichen Antworten: „Ja, alles so, Charts halt.“

Musik ist für diesen Schlag Menschen lediglich etwas, „das eben so dudelt!“ Sie trällern dir das neue „Flo Rida“-Lied vor, gucken, wenn sie denn Musik hören wollen, MTV oder VIVA, inklusive der nervenden animierten Tierklingeltonwerbungen und wenn sie mal auf einem Konzert waren, dann wegen der „geilen Party!“ Merke ich, dass ich es mit so einem Typ Mensch zu tun habe, möchte ich einfach nur sagen: „Schade, du bist uninteressant, lassen wir es an dieser Stelle.“ Denn: Für mich ist ein vorhandener Musikgeschmack Grundvoraussetzung!

Was man gerne hört, ist eigentlich egal

Sag: „Ich höre gerne Death Metal“, oder sag von mir aus auch: „Ich höre leidenschaftlich gerne mittelalterliche Rittermusik!“, es ist mir egal. Nur sag nicht: „Ja alles so! Charts halt“. Ich könnte mich sogar für jemanden begeistern (oder nein, eigentlich nicht), der bekloppte Après-Ski oder Faschingssmusik mag. Geschmäcker sind verschieden, nur ist es wichtig, dass man überhaupt einen hat. Ich würde auch nicht so weit gehen zu sagen, dass Charts per se schlecht sind.

Charts sind nicht ohne Grund Charts und wenn ein toller Musiker für gute Musik belohnt wird, dann ist das keineswegs schlecht. Nur wenn sich der ganze „Musikgeschmack“ aus eben diesen zusammensetzt, man sich immer am „Populärsten“ orientiert, dann sollte man sich ernsthaft fragen, was mit einem nicht stimmt.

Die „Fluch der Karibik“- Fraktion

Mit Spielfilmen verhält es sich ähnlich. Frage ich jemanden, welcher Film ihn besonders bewegt hat und kriege als Antwort eine Liste grottenschlechter Actionfilme heruntergebetet, so hat das auf meine Meinungsbildung denselben Effekt wie: „Ja alles so, Charts halt!“ Diese Menschen schauen sich „Avatar“ an, weil er ja angeblich so toll ist, „wegen den Special Effects, 3D, voll geil!“ Hauptsache man hat etwas zu erzählen.

Schau bloß nichts, was dich zum Nachdenken anregt. Lass dich permanent berieseln von unterhaltsamem Kack, der dich menschlich kein bisschen weiterbringt. Die „Fluch der Karibik“- Fraktion, betitelte ein Bekannter diesen Menschenschlag neulich sehr passend. Sag lieber „21 Grams“, sag „Into the Wild“, sag „American History X“, sag „Der letzte schöne Herbsttag“, sag „American Beauty“, sag einfach etwas, das darauf schließen lässt, dass du kein vollkommen abgestumpfter Idiot bist.  Und fang an, Musik zu hören!

Foto: Marshi (aboutpixel.de)