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Immer wieder viel zu peinlich: Junggesellenabschiede.

Hassobjekt: Junggesellenabschied

23.07.2012

Geht gar nicht: Kreischende, betrunkene Feen, Kondome und Schnaps verkaufend.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann - da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe "Hassobjekt" einfach freien Lauf und geraten immer Montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Junggesellenabschiede.

Wildes Gelächter dringt in mein Ohr. Weibliche Sopranstimmen überschlagen sich und verstopfen meinen Gehörgang mit einem rauschenden Nonsens-Gedicht: „Ninaaaa! Hahahaha! Los jetzt, Brüste raus und ab die Maus!“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich umdrehen soll, oder nicht. Nein, lieber nicht. Lieber weitergehen, denke ich. Eine gute Entscheidung, denn das sich nähernde Geräusch hemmungslos auf Asphalt knallender Pfennigabsätze, lässt nichts Gutes erahnen. Als ich es plötzlich direkt hinter mir höre, springe ich reflexartig in den nächsten Bus. Leider.

Denn kaum bin ich drinnen, quetscht sich auch schon eine Herde betrunkener, schrill leuchtender Frauen durch die Tür und nimmt mich in ihrer Mitte gefangen. Verschiedenste Sinneseindrücke fegen wie ein Tornado durch meinen Kopf und hinterlassen nichts als Verstörung. Ich schließe die Augen, klammere mich an die Haltestange und versuche alles auszublenden. Aber eine Kakofonie in fortissimo possibile lässt sich nicht ausblenden. Also öffne ich die Augen wieder – nur um in rosa Glitzerschrift „Ninas Junggesellenabschied 2012!!!“ auf einem drei Zentimeter von meinem Gesicht entfernten Rücken zu lesen.

Kondome oder Kleiner Feigling?

Während der Bus an einer roten Ampel hält, stellt die Frau, die als einzige eine Art Feen-Kostüm trägt, ihren Korb (in dem mehrere Packungen Kondome und ein Haufen Kleiner Feigling-Fläschchen liegen) ab und ich kann sehen, was auf dem Schild um ihren Hals steht: „Zu schön um noch frei zu sein“. Nicht wirklich, denke ich. Aber dann wiederum bin ich vielleicht auch einfach einer dieser hässlichen, übrig gebliebenen Singles, die das alles gar nicht beurteilen können … Was bringt Menschen bloß immer wieder dazu, sich öffentlich derart zu blamieren? Ich meine: Wenn sie so große Angst davor haben, mit ihrer Hochzeit ihre Freiheit zu verlieren, dass sie kurz vorher noch alle Peinlichkeiten der Welt auf einmal nachholen wollen, sollten sie vielleicht einfach nicht heiraten.

Die Fee hat sich inzwischen zwei erschrockene Männer geschnappt und will ihnen ihre Kondome verkaufen. Weil das keine der glitzernden Beteiligten ansatzweise demütigend zu finden scheint, schäme ich mich spontan für alle zusammen. Nachdem die Männer sehr deutlich gemacht haben, dass sie keine Kondome von der Fee kaufen wollen, bietet diese ihnen Kleine Feiglinge an. Einer der Männer gibt ihr schließlich etwas widerwillig sein Geld. Als die anderen Frauen daraufhin jubeln und wie Sportlehrer auf Speed in ihre Trillerpfeifen blasen, muss ich plötzlich an dressierte Seehunde denken. Die, die grunzen und klatschen und mit dem Kopf wackeln, wenn man ihnen einen Fisch vor die Nase hält.

Die Bustüren öffnen sich und jemand neben mir brüllt „Ladiiiies“, woraufhin die Karawane aus der Hölle sich hektisch in Bewegung setzt. Endlich. Erschöpft von dieser schrecklichen Vorstellung, lehne ich mich ans Fenster und beschließe, noch heute meine besten Freunde anzurufen, um ihnen wiederholt und mit frischer Überzeugung zu erklären, dass ich für niemanden jemals einen Junggesellenabschied organisieren, geschweige denn daran teilnehmen werde. Den Spruch „Brüste raus und ab die Maus!“ habe ich mir natürlich trotzdem aufgeschrieben.

Bildquelle: didbygraham (flickr.com) unter: CC BY-SA 2.0