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Sprichwörter: zu häufig, zu allgemein, zu unkreativ.

Hassobjekt: Sprichwörter

13.08.2012

Sprichwörter: Wahrer Kern, aber wahnsinnig nervig.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe "Hassobjekt" einfach freien Lauf und geraten immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Sprichwörter.

Manchmal bin ich traurig, oder wütend, oder gestresst und will darüber mit jemandem reden. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und zusammen ist man schließlich weniger allein. Außerdem kann es solange ich unten bin ja nur aufwärts gehen und aus den Steinen, die mir in den Weg gelegt werden, kann ich bestimmt irgendwie etwas Schönes bauen. Im Zweifelsfall sollte ich sowieso lieber alles leicht nehmen, auch wenn's schwer fällt, denn es hat ja ein Ende. Bis auf die Wurst natürlich, die hat zwei.

Sie sind so sinnlos, wie sie sinnvoll sein sollen, diese Sprüche. Was schlecht ist, wird durch sie nicht besser, im Gegenteil: „Zeit heilt alle Wunden“ ist der Killer, wenn du gestern deine fünfjährige Beziehung beendet hast. „Lieber arm dran, als Arm ab“ ist nicht so cool, wenn du seit einer Woche Nudeln mit Ketchup isst, um deine Miete zusammen zu kriegen. „Versprich nichts, was du nicht halten kannst“ gibt dir den Rest, wenn du gerade eben mal wieder versprochen hast, deine Hausarbeit in spätestens drei Tagen abzugeben.

Manchmal wahr, immer unkreativ

Über Jahrzehnte, teils Jahrhunderte, wurden unseren Vorfahren und uns diese verbalen Fäuste jetzt ins Gesicht gedonnert – langsam reicht es. Manche mögen sich vielleicht damit abgefunden haben und auf einen Ratschlag á la „Der Verstand sucht, das Herz findet“ nur noch apathisch nicken, aber nicht ich! Ich werde den Kampf gegen die Sprichwörter nicht aufgeben. DENN WER KÄMPFT KANN VERLIEREN, ABER WER NICHT KÄMPFT HAT SCHON VERLOREN!!!

Gut, ich gebe zu, der wahre Kern von Sprichwörtern lässt sich nicht immer leugnen. So zum Beispiel auch bei „Probleme sind Gelegenheiten, zu zeigen, was man kann“. Doch ein wahrer Kern wäre ebenfalls in „Probleme sind Gelegenheiten, zu zeigen, was man nicht kann“. Anstatt also wahllos irgendwelche Kern-Wahrheiten von sich zu geben, von denen man die Kehrseite vielleicht selbst schon erlebt hat, sollte man der Person mit den Problemen lieber mal ein Eis kaufen. Oder sich wenigstens ein paar kreativere Worte ausdenken.

Wie zum Beispiel Oscar Wilde. Der soll kurz vor seinem Tod nämlich gesagt haben:  „Entweder geht diese Tapete – oder ich“. Eine Kernwahrheit, die sicher motivierender und befreiender war, als jedes „Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume“ dieser Welt. Der Unterschied zwischen Sprichwörtern und wirklich hilfreichen Sprüchen ist gleichermaßen simpel und tragisch: Die einen sind so allgemein, dass ihre Aussage eigentlich niemanden interessiert – die anderen so treffend, dass man sie nur einmal im Leben nutzen kann.

Bildquelle: db Photography | Demi Brooke unter CC BY 2.0