Selbstversuch: Tätowieren lassen
Selbstversuch: Tattoo
25.09.2012
Selbstversuch
Euphorie, Zweifel, Angst: Wie unsere Autorin sich stechen ließ
Mittwochmorgen bin ich mir sicher. Um 2 Uhr nachts ins Bett gefallen, sitze ich um 6 Uhr an meinem Schreibtisch, voller Euphorie. Ich lasse mich tätowieren. Ich mach es endlich! Wieso mir die Idee gerade an diesem Morgen kommt, weiß ich nicht. Irgendetwas muss in diesen vier Stunden Schlaf passiert sein. Immer wieder habe ich mir in den letzten Jahren die Frage gestellt, was ich mir denn tätowieren lassen würde, wenn ich es denn täte. Nun weiß ich es.
Ich bin alt genug, trotzdem habe ich, wenn ich an die Reaktion meiner Eltern denke, ein ungutes Gefühl. Und was sagen meine Brüder? Wir sind eine nicht tätowierte, nicht gepiercte Familie, ich falle aus dem Raster, wie so häufig. „Oh bitte nicht Toni, keine Zitate. Zitate malen sich doch immer diese Doofies aus den Dekosendungen auf die pinke Wand“, ist die erste Reaktion meines ältesten Bruders, als ich ihn über meinen Plan, mir unter anderem ein Zitat von Rilke stechen zu lassen, informiere. „Bist du bescheuert?“, fragt mich der andere Bruder wenig einfühlsam. „In spätestens 12 Monaten bereust du das.“ Mein befreundeter Medizinstudent bietet mir schon an, es in ein paar Jahren von ihm weglasern zu lassen. Ach wie schön ist dieser Rückhalt. Selbstverständlich komme ich deswegen ins Zweifeln. Es ist ja nicht so, dass mich das Urteil der wichtigsten Personen in meinem Leben kalt lässt.
Wieso will ich das?
Da sitze ich also und stelle mir die Frage: Wieso will ich das? Vielleicht ist diese Tätowierung so eine Art Rebellion gegen mich selbst. Vielleicht provoziere ich auch gerne und am Ende gefällt es mir, dass die Menschen um mich herum mit Unverständnis reagieren. Vielleicht teste ich auch einfach nur gerne aus, wie weit ich gehen kann und vielleicht war ich in letzter Zeit auch einfach von zu vielen tätowierten Menschen umgeben. Aber ich denke, es ist mehr als das.
Vielmehr habe ich das Bedürfnis, die Zeit und das Lebensgefühl, das ich derzeit habe, festzuhalten. Es ist eine sehr laute Zeit, in der viel passiert. „Mit Mitte 20 bildet sich doch erst der richtige Charakter eines Menschen“, sagt mir meine Freundin und genau in dieser Phase meines Lebens befinde ich mich gerade. Man wird allmählich zu dem Menschen, der man sein will und löst sich von Vergangenem. Jeder macht in dieser Zeit den Charakter prägende Erfahrungen, lernt neue Menschen kennen, die einen werden ein fester Bestandteil des eigenen Lebens, die anderen verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Es sind Jahre, in denen man extrem hoch fliegt und sehr tief fällt. Und ich denke, dass mich genau das Mittwochnacht nicht hat schlafen lassen.
Seite 2: Zuspruch? Irgendjemand? Bitte?
Ich bin alt genug, trotzdem habe ich, wenn ich an die Reaktion meiner Eltern denke, ein ungutes Gefühl. Und was sagen meine Brüder? Wir sind eine nicht tätowierte, nicht gepiercte Familie, ich falle aus dem Raster, wie so häufig. „Oh bitte nicht Toni, keine Zitate. Zitate malen sich doch immer diese Doofies aus den Dekosendungen auf die pinke Wand“, ist die erste Reaktion meines ältesten Bruders, als ich ihn über meinen Plan, mir unter anderem ein Zitat von Rilke stechen zu lassen, informiere. „Bist du bescheuert?“, fragt mich der andere Bruder wenig einfühlsam. „In spätestens 12 Monaten bereust du das.“ Mein befreundeter Medizinstudent bietet mir schon an, es in ein paar Jahren von ihm weglasern zu lassen. Ach wie schön ist dieser Rückhalt. Selbstverständlich komme ich deswegen ins Zweifeln. Es ist ja nicht so, dass mich das Urteil der wichtigsten Personen in meinem Leben kalt lässt.
Wieso will ich das?
Da sitze ich also und stelle mir die Frage: Wieso will ich das? Vielleicht ist diese Tätowierung so eine Art Rebellion gegen mich selbst. Vielleicht provoziere ich auch gerne und am Ende gefällt es mir, dass die Menschen um mich herum mit Unverständnis reagieren. Vielleicht teste ich auch einfach nur gerne aus, wie weit ich gehen kann und vielleicht war ich in letzter Zeit auch einfach von zu vielen tätowierten Menschen umgeben. Aber ich denke, es ist mehr als das.
Vielmehr habe ich das Bedürfnis, die Zeit und das Lebensgefühl, das ich derzeit habe, festzuhalten. Es ist eine sehr laute Zeit, in der viel passiert. „Mit Mitte 20 bildet sich doch erst der richtige Charakter eines Menschen“, sagt mir meine Freundin und genau in dieser Phase meines Lebens befinde ich mich gerade. Man wird allmählich zu dem Menschen, der man sein will und löst sich von Vergangenem. Jeder macht in dieser Zeit den Charakter prägende Erfahrungen, lernt neue Menschen kennen, die einen werden ein fester Bestandteil des eigenen Lebens, die anderen verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Es sind Jahre, in denen man extrem hoch fliegt und sehr tief fällt. Und ich denke, dass mich genau das Mittwochnacht nicht hat schlafen lassen.
Seite 2: Zuspruch? Irgendjemand? Bitte?











