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Politikwissenschaftlerin Maja Nenadovic über Angst, Krieg und Egoismus

"Ich war zehn und plötzlich sind die Bomben gefallen"

16.10.2012

Überall Kriege, aber weshalb? Wer trägt die Verantwortung? Maja Nenadovic gibt Antworten.

Maja Nenadovic verbrachte ihre Kindheit in Kroatien. Doch die war 1991 schlagartig vorbei, als es zum Unabhängigkeitskrieg zwischen Serbien und Kroatien kam. Heute ist Maja Politikwissenschaftlerin und spricht über den Krieg – mit den wenigen Menschen, die überhaupt etwas darüber wissen wollen.

Als Kind hast du miterlebt, wie in deinem Heimatland Krieg ausgebrochen ist. Wie hast du dich in dem Moment gefühlt?


Ich war zehn und plötzlich sind die Bomben gefallen. Von da an hatte ich immer Angst und habe aufgehört zu spielen. Man kann nur spielen, wenn man keine Sorgen hat. Aber ich hatte immer Sorgen, war immer ernst und konnte einfach nicht verstehen, wieso auf einmal Krieg war. Es ist wie über Nacht passiert. Am einen Tag habe ich noch den Sommer genossen, am nächsten Tag war Krieg und ich wusste nicht, warum.

Hast du dich nicht mit der Zeit daran gewöhnt?

Daran kann man sich nicht gewöhnen. Es war nicht so, dass der Krieg irgendwann für mich normal wurde und zum Alltag dazugehörte. Nur an die Sorgen und die Angst habe ich mich gewöhnt und daran, nicht mehr zu spielen. Deshalb bin viel zu schnell erwachsen geworden. 

Wegen des Krieges musstest du nach Ungarn fliehen. Wir war es, dort mit Kindern zur Schule zu gehen, die keinen Krieg erlebt haben?

Ich habe mich 50 Jahre älter gefühlt als die anderen Kinder. Wir waren überhaupt nicht auf derselben Wellenlänge. Für die war ich wie jemand, der vom Mars kommt, und genauso habe ich die anderen wahrgenommen. Mit ihnen konnte ich nie über den Krieg sprechen, weil sie mich nicht verstanden hätten.

Aber heute sprichst du mit vielen Menschen darüber. Wie fühlst du dich dabei?

Wenn ich mit Menschen über meine Erlebnisse spreche, berichte ich aus meinem eigenen Leben. Dann bin ich bin halb Lehrer, halb Zeuge. Aber ein Teil von mir wünscht sich, dass ein anderer Zeuge dabei ist, der das für mich übernimmt. Das erste Mal als ich von meinen Erfahrungen erzählt habe, habe ich zu weinen angefangen, ohne es zu bemerken. Je öfter ich vom Krieg erzähle, desto mehr wird es zur Routine, aber genau das will ich nicht. Ich will nicht, dass all meine Erlebnisse zu Märchen werden, die ich immer wieder vortrage. Deshalb lasse ich die Zuhörer Fragen stellen, wodurch ich immer wieder überrascht werde. So ist jede Diskussion anders.

Glaubst du, die Menschen verstehen dich, wenn du über Krieg sprichst?

Diese Frage stelle ich mir nicht. Die Menschen, mit denen ich spreche, sind alle anders und haben alle verschieden Hintergründe. Daher glaube ich nicht, dass ich sie alle erreichen kann und dass mich alle verstehen. Es ist schwierig für jemanden, der im Frieden aufgewachsen ist, sich den Krieg vorzustellen. Aber wenn ich aus einer Gruppe von 20 Leuten auch nur einen erreiche, bin ich zufrieden.

Seite 2: "Glaubst du, es gibt trotz allem eine Möglichkeit, Kriege zu verhindern?"
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