Selbstversuch: Einen Tag lang ehrlich sein.
Ein (meist) ehrliches Experiment
18.10.2012
Unsere Redakteurin hat versucht, einen Tag lang die Wahrheit zu sagen. Oder zu tun. Oder wenigstens nicht das Gegenteil.
Ich muss ehrlich sein: Das alles war nicht ganz durchdacht. Es lag wahrscheinlich am Schlafmangel. Vielleicht auch ein bisschen am Herbst. Jedenfalls hatte ich kürzlich diese Idee. „Ich würde gerne etwas versuchen“, erklärte ich vor versammelter Redaktion und machte eine effektvolle Pause. „Ich würde gerne einen Tag lang komplett ehrlich sein!“ Auch meine Kollegen machten daraufhin eine effektvolle Pause. Aber noch ließ ich mich nicht entmutigen.
Im Gegenteil! Ich verbrachte die nächsten Tage damit, immer neue Szenarien zu entwickeln, in denen ich die Welt als Wonder Woman der Wahrheit von lästigen gesellschaftlichen Konventionen wie Höflichkeit befreien könnte. „Ich will jetzt in mein Zimmer und in Ruhe trashige Serien gucken“, würde ich erbarmungslos den emotionalen Monolog meines Mitbewohners unterbrechen. Und würde ein Dozent fragen, ob es noch Verständnisprobleme beim Thema Strukturalismus gäbe, würde ich mich melden und ihn aufklären: „Ja, immer - das wissen Sie doch genau, Sie verstehen das doch ganz offensichtlich selbst nicht alles. Und trotzdem haben Sie schon drei Minuten überzogen. Wir haben keine Lust mehr und wollen jetzt sofort gehen“.
Mein Problem mit der harten Wahrheit
Natürlich lief das dann aber alles ganz anders. Der erste Fehler war wahrscheinlich wieder der Schlafmangel. Vielleicht auch ein bisschen der Herbst. Jedenfalls saß ich bereits zehn Minuten in meiner Vorlesung, als mich der Mundgeruch meines Nachbarn plötzlich daran erinnerte, dass ich heute eigentlich im Auftrag der Ehrlichkeit unterwegs sein wollte. Doch kaum hatte ich daran gedacht, fühlte ich mich merkwürdig beobachtet. Also radierte ich zur Tarnung erst einmal weitere zehn Minuten auf meinem Tisch herum. Nachdem der beruhigende Effekt eingesetzt und ich meine Gedanken wieder auf die lästigen Konventionen fokussiert hatte, gegen die ich ja protestieren wollte, drehte ich mich entschlossen nach links.
„Du, kann ich dir mal was sagen?“, fragte ich meinen Nachbarn, ohne zwischen den Worten Luft zu holen. „Ja?“, antwortete er in einem leicht misstrauischen Tonfall. „Du hast… also das klingt jetzt blöd, aber ich habe da gerade so eine Mission und… haha, jetzt denkst du sicher ich bin verrückt… nein, also… pass auf, ähm, es ist so, ich wollte… ein Kaugummi?!“ Er sah mich an und schüttelte langsam den Kopf. Den Rest der Vorlesung verbrachte ich wieder mit Radieren.
Im Gegenteil! Ich verbrachte die nächsten Tage damit, immer neue Szenarien zu entwickeln, in denen ich die Welt als Wonder Woman der Wahrheit von lästigen gesellschaftlichen Konventionen wie Höflichkeit befreien könnte. „Ich will jetzt in mein Zimmer und in Ruhe trashige Serien gucken“, würde ich erbarmungslos den emotionalen Monolog meines Mitbewohners unterbrechen. Und würde ein Dozent fragen, ob es noch Verständnisprobleme beim Thema Strukturalismus gäbe, würde ich mich melden und ihn aufklären: „Ja, immer - das wissen Sie doch genau, Sie verstehen das doch ganz offensichtlich selbst nicht alles. Und trotzdem haben Sie schon drei Minuten überzogen. Wir haben keine Lust mehr und wollen jetzt sofort gehen“.
Mein Problem mit der harten Wahrheit
Natürlich lief das dann aber alles ganz anders. Der erste Fehler war wahrscheinlich wieder der Schlafmangel. Vielleicht auch ein bisschen der Herbst. Jedenfalls saß ich bereits zehn Minuten in meiner Vorlesung, als mich der Mundgeruch meines Nachbarn plötzlich daran erinnerte, dass ich heute eigentlich im Auftrag der Ehrlichkeit unterwegs sein wollte. Doch kaum hatte ich daran gedacht, fühlte ich mich merkwürdig beobachtet. Also radierte ich zur Tarnung erst einmal weitere zehn Minuten auf meinem Tisch herum. Nachdem der beruhigende Effekt eingesetzt und ich meine Gedanken wieder auf die lästigen Konventionen fokussiert hatte, gegen die ich ja protestieren wollte, drehte ich mich entschlossen nach links.
„Du, kann ich dir mal was sagen?“, fragte ich meinen Nachbarn, ohne zwischen den Worten Luft zu holen. „Ja?“, antwortete er in einem leicht misstrauischen Tonfall. „Du hast… also das klingt jetzt blöd, aber ich habe da gerade so eine Mission und… haha, jetzt denkst du sicher ich bin verrückt… nein, also… pass auf, ähm, es ist so, ich wollte… ein Kaugummi?!“ Er sah mich an und schüttelte langsam den Kopf. Den Rest der Vorlesung verbrachte ich wieder mit Radieren.
Mein Problem mit der leichten Wahrheit
Na gut, sagte ich mir dann aber etwas später, wer mehrere Jahrzehnte seines Lebens dazu erzogen wird, möglichst höflich zu sein, der braucht natürlich auch ein bisschen Zeit, um diesen Schwerpunkt wieder zu verlagern. Ich durfte nicht so schnell aufgeben! Was ich aber durfte, war die Spielregeln ein wenig zu meinem Vorteil ändern. Also entschloss ich mich, ab sofort nur noch ehrlich zu sein, wenn meine Ehrlichkeit tatsächlich gefragt war. Zwar wurde schon von diversen Philosophen betont, dass das womöglich nicht der Sinn der Sache sei, aber nur für die würde ich ja jetzt nicht gleich sozialen Selbstmord begehen.
Wie Ehrlichkeit ohne Worte funktioniert, lest ihr auf Seite 2…








