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Was passt, wird nicht passend gemacht

Hassobjekt: Wetternörgler

10.11.2012
Hassobjekt

Der gemeine Deutsche nörgelt gerne, besonders über das Wetter!

Der erste Schnee fällt und es geht wieder los: das Gejammer über das Wetter und allgemein den Herbst und den Winter! Und in Zeiten der sozialen Netzwerke bekomme ich es gleich doppelt ab: im wirklichen Leben und im Netz: „Oh no, it's really snowing“, „Mir ist so kaaaalt, scheiß Winter“, „Ich will wieder Frühling, maaan!“ Sehr geistreich. Darunter dann so hirnrissige Kommentare wie ein trauriges Smiley oder: „Jaaaaa, voll blöd!“ Das Thermometer zeigt knapp über 3 Grad, doch man könnte meinen, wir befinden uns am Südpol.

Der gemeine Deutsche, denn ich finde, es handelt sich hierbei mal wieder um ein typisch deutsches Phänomen, nörgelt aber nicht nur in den kalten Monaten. Weit gefehlt, er findet immer etwas zum Nörgeln und beschweren, denn er will es so!

Ein kleiner Auszug aus dem Nörgelrepertoire gefällig?

Im Sommer ist es zu heiß! Nachts kann man nicht schlafen, „außerdem gibt es ja wieder so viele Mücken dieses Jahr!“ Dann regnet es zu wenig, „die armen Äcker und die armen Bauern, alles geht ein!“ Dann kommt der Herbst. Hier regnet es jetzt aber wieder zu viel, außerdem weiß man ja auch nie was man anziehen soll. Kommt die Sonne raus, dann ist man auf einmal zu warm angezogen, tut sie es nicht, friert man. Im Winter ist es zu kalt! Die Heizkosten explodieren und dann das Dilemma mit dem Schnee: Schneit es, nörgelt man, weil man morgens das Auto freiräumen muss. Die Straßen sind auch permanent glatt und man braucht viel zu lange zur Arbeit. Schneit es aber hingegen nicht, dann passt das auch nicht, denn „ein Winter ohne Schnee, das ist ja gar kein richtiger Winter!“ Und dann wird es auch noch um fünf Uhr dunkel, ein Grauen! Im Frühling, wenn man meinen könnte, der Nörgler ist nun endlich einmal zufrieden mit dem Wetter, dann fliegen wieder diese lästigen Pollen. Irgendetwas ist also immer!

Wieso immer alles so negativ sehen?

Brauchen es manche Menschen einfach rund um die Uhr bemitleidet zu werden oder wieso reden sie sich permanent ein, so arm dran zu sein? Als ob man keine anderen Probleme hätte. Es gibt Dinge, auf die hat der Mensch einfach keinen Einfluss, so auch das Wetter! Wieso soll ich also morgens aufstehen, aus dem Fenster schauen und mir gleich wieder einreden, dass dieser Tag mit diesem Wetter einfach kein guter werden kann. Wieso blicke ich nicht einfach nach draußen und denke mir: Okay, so und so ist es heute, also passe ich mich dem an! So komme ich stressfreier durch den Tag und wirke auch auf meine Mitmenschen nicht ganz so unerträglich.

Frühling und Sommer? Schön und gut..


Wo andere dieser Tage schon wieder am Durchdrehen sind, da blühe ich förmlich auf, denn mir kann es nicht kalt genug und zu viel Schnee sein. Wenn es jeden Tag warm wäre und die Sonne schiene, ich würde die Krätze kriegen.

Okay, der Frühling ist wunderbar. Die Tage werden länger, die Bäume wieder grün, die Vöglein zwitschern, es geht einem einfach gut, auch wenn es einem eigentlich schlecht geht. Irgendetwas liegt in der Luft, ein Mix aus Hoffnung, einem Gefühl des Neubeginns und einer unvergleichlichen Leichtigkeit. Und dann kommt der Sommer: Abends im Biergarten sitzen, Sommerkleider tragen, schwimmen gehen, mit dem Fahrrad durch die Nacht fahren und den warmen Wind auf der nackten Haut spüren. Es ist schön im Gras zu liegen, mit den Füßen in einem See, dazu Musik. Die Möglichkeiten sind im Sommer grenzenlos.

Ein Herz für den Herbst und den Winter!

Und dann kommt er, mein geliebter Herbst. Die Blätter färben sich blutrot und sonnengelb, man holt den warmen Wintermantel aus dem Schrank, zieht die warme Mütze auf. Bei wunderschönen Sonntagsspaziergängen durch Parks, am besten nach einer durchzechten Nacht, sammelt man wie ein kleines Kind Kastanien, kuschelt sich abends in eine warme Decke, zündet Kerzen an, trinkt Wein, wundervoll! Es liegt so eine gewisse Melancholie in der Luft und das Gefühl: Etwas geht zu Ende, aber wo etwas zu Ende geht, da beginnt bald etwas Neues. Ja und dann kommt noch der Winter, wo die Zeit für einen Moment stehen zu bleiben scheint. Der Schnee legt sich wie ein Mantel über die Stadt, der Mensch kommt zu Ruhe, feiert Weihnachten mit seinen Liebsten, besinnt sich mal wieder auf das Wesentliche.

Wie kann man also über solch eine tolle Vielfältigkeit permanent nörgeln? Die Jahreszeiten sind für mich gleichzeitig so etwas wie eine Metapher für das Leben. Mal scheint die Sonne, mal ziehen Wolken auf, mal ist das Leben so süß wie eine laue Sommernacht, mal so frostig wie die zugefrorene Autoscheibe. Doch würde man die laue Sommernacht noch genauso schätzen, gäbe es sie 365 Tage im Jahr?    Foto: Antonia Schöberl