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Mixtape: Die neue Kolumne auf ZEITjUNG.de

Mixtape: Vergänglichkeit

20.11.2012

Vergänglich sein ist manchmal deprimierend. Mixtapes hören nicht.

In ihrer Kolumne „Mixtape“ schreibt unsere Autorin Natalie Wübbolt jeden Dienstag über komplizierte Gefühle und komplexe Ideen. Von Vergänglichkeit und Neid bis Ekstase. Dazu gibt es immer eine kleine Sammlung großer Lieder, die all das sagen sollen, was sie vergessen hat.

Vorgestern, vielleicht auch vor zwei Wochen, stolperte ich über eine Erkenntnis. Es tat ein bisschen weh. Und hatte mit einem Lied zu tun. Das Lied, komplett überbewertet nebenbei und deshalb hier auch ohne Namen, kam aus einem Zimmer. Das Zimmer lag an einem Flur. Und in dem Flur stand ich, kurzzeitig erstarrt. Wegen der Erkenntnis, dass vor zwölf Monaten, vielleicht auch vor vierzehn, genau dasselbe Lied aus genau demselben Zimmer kam, aber eine vollkommen andere Bedeutung für mich hatte.

Ich kann verstehen, wenn ihr jetzt mit dem Gedanken spielt nicht weiter zu lesen, weil ihr das für eine Schnapserkenntnis haltet. Ich habe mich anfangs genau so gefühlt. Schnapserkenntnis, dachte ich, kratzte mich kurz an der Nase und ging weiter den weißen Flur entlang. Ging die hellgraue Treppe hinunter, über die dunkelgraue Straße, in den schwarzen Park – spazierte gedankenlos durch‘s Dunkel, als sich plötzlich etwas hinter mir bewegte. Es war die Schnapserkenntnis! Diesmal umringt von drei unheimlichen Fragen: „Ist tatsächlich schon wieder so viel Zeit vergangen?“, „Wohin sind eigentlich all meine Gedanken von früher verschwunden?“ und „Auf was kann ich mich überhaupt noch verlassen?“.

Die bevorstehende Vergangenheit

Die ganze Situation war etwas dramatisch. Jetzt im Nachhinein sehe ich das natürlich entspannter. Ich habe inzwischen auch gegoogelt, was genau das für ein Gefühl war, von dem ich da verfolgt wurde: 2 000 000 Ergebnisse, in 0,15 Sekunden. „Vergänglichkeit“, hüstelt Wikipedia. Substantiv, feminin, räuspert sich der Duden. Natürlich, schlucke ich schließlich, Vergänglichkeit! Vergänglichkeit ist irgendwie unangenehm. Kommt, sieht und siegt schneller als alle römischen Radsportler und gedopten Kaiser dieser Erde. Operiert möglichst im Untergrund. Nur sehr selten, so wie vorgestern, vielleicht auch wie vor zwei Wochen, legt sich die Vergänglichkeit so unumgänglich in unseren Flur, dass wir einfach über sie stolpern müssen. Fast immer tut das dann ein bisschen weh.

Und oft hat es mit einem Lied zu tun. Wie zum Beispiel auch, wenn man high durch wummernde Stroboskoplicht-Gewitter tanzt und plötzlich denkt: Kacke, bald ist morgen. Das ist womöglich die schlimmste Art der Erkenntnis von Vergänglichkeit – wenn man sie erkennt, noch bevor sie überhaupt irgendetwas vergehen lassen konnte. Mit dem Tod ist das ja zum Beispiel auch so, blöderweise. Obwohl der gute Moment noch ist, obwohl man weiß, dass es noch mindestens tausend dieser Momente geben wird und obwohl man weiß, dass es eigentlich noch viel bessere Momente geben könnte, ist da manchmal diese irrationale Angst vor der bevorstehenden Vergangenheit.

Alles fließt

Aber auch die geht zum Glück vorüber! Was zeigt: Keine Vergänglichkeit wäre auch irgendwie unangenehm. Zumindest in diesem Leben. Würde nicht, wie Heraklit das so schmissig zusammenfasste, alles fließen, wäre mein größtes Idol zum Beispiel noch immer Alf und meine erfolgreichstes Erlebnis der Gewinn des goldenen Gogos. Na gut, man soll ja sowieso lieber bescheiden sein, damit könnte ich mich also unter Umständen arrangieren. Aber wäre ich wirklich gezwungen, für immer alles zu denken, was ich je gedacht habe, erschiene mir das (und weiterhin: ich) schon über die Maßen schwachsinnig. Außerdem stimmen mich, pragmatisch gedacht, noch folgende Dinge pro Vergänglichkeit: Bundestagswahlen, Halbwertszeiten radioaktiver Elemente, Gänsehaut (die schlechte).

Und weiterhin pragmatisch gedacht, fasse ich es jetzt mal so zusammen: Weil vor zwölf Monaten, vielleicht auch vor vierzehn, ein Lied aus einem Zimmer eine vollkommen andere Bedeutung für mich hatte als heute, habe ich den Spaß am Mixtapen wieder entdeckt. Das funktioniert nämlich inzwischen so virtuell und gesetzlos, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, es könne unvergänglich sein. Da wird einem endlich nichts mehr vorgemacht mit selbstgemalten CD-Covern und so frenetischem Firlefanz. Da gibt es zwölf gute Lieder und man drückt auf play, repeat, oder delete. So oft man möchte. Ohne sentimental zu werden und deshalb einen Text über Vergänglichkeit schreiben zu müssen.
 
Das alles gilt natürlich nicht für Cat Power, die sich ja sehr gut macht so sentimental. Man kann da förmlich die Bars riechen, in denen sie gelebt hat und in denen heute ihre traurigen Fans abhängen. Auch Moby hat den "Natural Blues" der Vergänglichkeit ganz gut drauf und Keane sagen es oh so simpel wie immer: "Alle verändern sich – und auch ich fühle mich anders". Tja… Trotzdem bin ich mir in einer Sache mindestens so sicher, wie die Jungs von Cake: Ich würde auf gar keinen Fall gehen, bevor der Film vorbei ist. Oder das Mixtape.




Bildquelle: sporkist (flickr.com) unter CC BY 2.0