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Mixtape: Wonach Enttäuschung schmeckt. Und wie sie sich anhört.

Mixtape: Enttäuschung

28.11.2012

Was muss man erwarten, um nicht enttäuscht zu werden?

In ihrer Kolumne „Mixtape“ schreibt unsere Autorin Natalie Wübbolt jeden Dienstag über komplizierte Gefühle und komplexe Ideen. Von Vergänglichkeit und Neid bis Ekstase. Dazu gibt es immer eine kleine Sammlung großer Lieder, die all das sagen sollen, was sie vergessen hat.

Man soll nicht viel erwarten, sagen alle. Wenig auch nicht. Aber viel auf gar keinen Fall. Ich finde das schwierig. Was zugegebenermaßen nicht verwunderlich ist, denn man muss dafür gut kopfrechnen können. Man muss allgemein sehr gut in Mathe sein, wenn man immer zwei Viertel erwarten will. Oder man darf zumindest nicht so schlecht sein wie ich. Mir passiert es nämlich ständig, dass ich ein Plus vor etwas setze, vor das ein Minus gehört hätte. Dabei kommen dann verwegene Erwartungen heraus, das könnt ihr euch nicht vorstellen…

Damals, als mein Mathelehrer plötzlich von mir wissen wollte, was eine Asymptote ist und ich spontan auf einen toten Asymp spekulierte, hätte es eigentlich schon auffliegen sollen. Aber er muss das wohl irgendwie tiefsinnig gefunden haben, denn ich wurde vorerst nicht mehr aufgerufen. Später dann, für die Abiturprüfung, habe ich Ganove meine Spickzettel so sorgfältig in Tintentattoos von Blumen und Sonnen encodiert, dass ich sie selbst nicht mehr entziffern konnte. Womit ich natürlich nicht gerechnet hatte! Doch mein Kunstwerk evozierte wohl das Bild eines harmlosen Hippies, sodass man mich in Anbetracht der entsprechend antizipierten Abituralternativen (Drogen, Groupie, Sekte) mit befriedigend bestehen lassen musste. Die traurige Wahrheit ist allerdings: Ich kann bis heute nicht rechnen! Vor allem nicht mit Erwartungen. Dabei erwarten das alle.

Mein Vater und Jens-Sebastian

Wer nämlich nicht richtig erwarten kann, wird enttäuscht. Und Enttäuschung ist der feuchte Boden jedes gammligen Gefühlsfasses. Nein, mal ganz unmetaphorisch jetzt, wurdet ihr schon einmal enttäuscht? Aha! Und von wem? Falsch! Es war nicht Jens-Sebastian. Und nein, es war auch nicht euer Vater. Es waren eure eigenen, mies kalkulierten Erwartungen, die euch enttäuscht haben. Besser macht das die Sache natürlich nicht. Eher schimmeliger, so mit weißem Pelz oder schwarzen Punkten. Aber genau da wollte ich ja hin: Zu diesem Gefühl, das man Enttäuschung nennt - das sich anfühlt, als hätte man etwas Schimmeliges aus einem gammligen Fass gegessen, und zwar nur, weil man davon ausgegangen war, jeder Fisch aus dem Bosporus sei kulinarisch wertvoll. Ich wollte zu diesem Magenkrampf, der einen immer wieder daran erinnert, wie sehr man sich geirrt hat.

Ich wurde, wie gesagt, schon oft enttäuscht von meinen Erwartungen. Meist rechne ich nämlich mit gut dreieinhalb Vierteln - wie zum Beispiel auch bei Jens-Sebastian. Der war dann aber letztlich nur ein Viertel, das war nicht so prickelnd. Als er mich irgendwann fragte, was denn los sei, verfluchte ich innerlich meine Matheskills, schoss drei imaginäre Asymps vom Himmel und sagte ehrlich: „Tut mir Leid, Jens-Sebastian. Das hat wirklich nichts mit dir zu tun“. Bei meinem Vater war das alles etwas komplizierter. Da waren die Erwartungen von Anfang an so hoch, da habe ich mich ausnahmsweise nicht verrechnet, sondern unsere Gesellschaft, die Arschlochbande, hat mir falsche Zahlen untergejubelt. Also konnten mein Vater und ich eigentlich beide gar nichts dafür, dass er mich enttäuscht hat. Aber auch das macht die Sache natürlich nicht besser.

Lest auf Seite zwei, was Konfuzius und ein Wüstenfuchs mit Enttäuschung zu tun haben und hört die passenden Songs im Mixtape...
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