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Krumme Gurken in der EU sind wieder legal.

Bahn frei für krumme Gurken

02.07.2009

Wie krumm eine Gurke sein durfte, regelte bisher die EU. Doch diese Verordnung wurde der EU verdammt krumm genommen.

20 Jahre lang regelte die EU-Verordnung 1677 welchen Krümmungsgrad und welche Farb- und Formfehler Gurken haben durften und welche nicht. Nur Gurken, die eine maximale Krümmung von 10 mm auf 10 cm Länge aufwiesen, durften sich mit der Bezeichnung “1.Klasse” schmücken. Dies war für zwei Jahrzehnte das offiziell gültige Schönheitsideal innerhalb der Länder der Europäischen Union. Doch Verordnung 1677 wurde jetzt aufgehoben. Aber nicht nur Gurken haben sich nach zwei Jahrzehnten ihre Freiheit erkämpft. Zucchini, Lauch, Möhren, Spargel, Auberginen, Artischocken, Avocados, Bohnen, Erbsen, Pilze, Knoblauch, Zwiebeln, Sellerie, Spinat, Chicorée, Aprikosen, Kirschen, Pflaumen, Melonen, Walnüsse, ganze Haselnüsse und verschiedene Kohlsorten genießen nun alle die Freiheit krumm und hässlich sein zu dürfen. Die Gurke war also die Speerspitze einer Obst- und Gemüserevolution! Doch noch ist der vegetarische Freiheitskampf nicht zu Ende. Die EU hat zwar für die oben aufgezählten Obst- und Gemüsesorten ihre Vorschriften aufgehoben, doch anderes Obst und Gemüse bleibt weiterhin reguliert. Birnen, Äpfel, Zitronen und Zitrusfrüchte, Kiwis, Erdbeeren, Pfirsiche, Nektarinen, Weintrauben, Salatköpfe, Paprika und Tomaten liegen noch immer in Ketten!

Eigentlich könnte man die Aufhebung der „Gurkennorm“ als harmlose und ziemlich unbedeutende Kuriosität abhaken. Doch, so lustig und unwahrscheinlich es zunächst auch klingt, man sollte die politische Bedeutung der Aufhebung dieser Verordnung nicht unterschätzen. Ja, ich spreche von der politischen Bedeutung der Gurkennorm. Denn dieses an und für sich relativ unbedeutende Stück europäischer Verwaltungstätigkeit musste zwanzig Jahre lang als Sündenbock für alles, was mit der EU nicht stimmt, herhalten. In Sonntagsreden, Bierzelten und auf Parteitagen schimpften Politiker in oftmals hitzigen Reden gegen Brüssel und die Gurkennorm war immer das erstgenannte Beispiel für übertriebene europäische Bürokratie und Kleinligkeit. Die Gurkenverordnung bewies doch, dass die EU den Menschen wirklich alles vorschreiben wollte. Es war das Paradebeispiel europäischer „Bevormundung“. So wurden aus der Gurkennorm ganze Freiheitsdebatten geschmiedet. Einige EU Parlamentarier haben sich lange Zeit mit viel Eifer und Herzblut für einen richtigen Kreuzzug gegen die Gurkennorm engagiert.
Kurzum: die Gurkennorm wurde der EU verdammt krumm genommen.
 
Die EU hat zwanzig Jahre lang darauf hingewiesen, dass sie diese Vorschrift nicht aus bürokratischer Pingeligkeit heraus erlassen haben, sondern nur den Wünschen der Händler entsprochen hat. Denn genormtes Obst- und Gemüse lässt sich einfach besser verpacken. Das ist das ganze Geheimnis hinter der Gurkennorm.
 
Ob man die Gurkennorm für sinnvoll hält oder nicht (eigentlich ist es bei diesem Thema auch absolut legitim gar keine Meinung zu haben), war das lächerlichste nicht, dass normiert wurde, wie viel Millimeter Krümmung einer Gurke haben darf, sondern die Bedeutung und Beachtung, die einer solch unwichtigen Verordnung beigemessen wurde. Also, an meinem Leben änderte weder das Bestehen der Gurkennorm etwas, noch ihre Aufhebung und Millionenen Menschen in der EU wird es ganz genau so gehen.
 
Mit der Gurkennorm verschwindet jetzt das Symbol für die „Dummheit“ der EU und vielleicht kann man sich ab jetzt wichtigeren Fragen widmen.
 
Bild: Flickr, Jana Pflug