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Eine Reportage über die Flüchtlinge in Ceuta

Tiger im Wald

20.09.2012

In der spanischen Exklave Ceuta kämpft eine Gruppe von irregulären Migranten seit Jahren um ihre Zukunft.

"Unsere Generation fühlt sich unbeachtet, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, kennen wir gut. Dabei sind wir besser ausgebildet, kritischer, weltoffener und besser organisiert als jede Generation vor uns und es wird Zeit, dass wir dem auch Ausdruck verleihen. Mit paroli wollen wir zeigen, was uns wichtig ist. Wir wollen zeigen, was uns begeistert und anspornt, wofür es sich lohnt einzustehen. Das sind wir, das ist paroli." So beschreiben sich unsere Partner von paroli. Das Wiener Online-Magazin, gespickt mit jungen, kreativen und meinungsstarken Journalisten, ist uns derart ans Herz gewachsen, dass wir nun einmal in der Woche unseren ZEITjÜNGERN einen Text aus Österreichs sympathischster Schreibstube präsentieren. Paroli findet Ihr auch auf Facebook.

Von Hanna Silbermayr, paroli-magazin.at

Wien. Der kühle Wind fegt die letzten Reste des Spätsommertages über den Bahnsteig. In großen gelben Lettern steht der Name des Zugendbahnhofes auf der Anzeige – Roma Termini. Manvir* umarmt flüchtig seine Freunde, steigt ein, winkt. Dann fährt der Zug ab, verlässt das nächtliche Wien.


Ein Jahr zuvor. Es ist still am Monte del Renegado, nur die Grillen zirpen. „In der Wüste sind zwei meiner Freunde gestorben“, sagt Sonu. Der 25-Jährige vergräbt sein Gesicht in den Händen und atmet tief durch. Als er wieder aufschaut, hat er Tränen in den Augen. Verlegen wischt er sie weg. Er schüttelt den Kopf. Nein, wenn er gewusst hätte, wie diese Reise verlaufen würde, wenn man ihm gesagt hätte, dass man ihn ausrauben, schlagen, einsperren und demütigen würde, hätte er sie nie angetreten. Sonu ist einer von 54 Indern, die 2006 als irreguläre Migranten nach Ceuta kamen, gestrandet in der spanischen Exklave am afrikanischen Kontinent, nördlich von Marokko. Nur die 21 Kilometer breite Straße von Gibraltar trennt sie von ihrem Traum, dem spanischen Festland, von Europa. 

Odyssee durch die Saharische Wüste 

Ihr Zuhause ist ein Camp im Wald. Es lässt ein Gefühl von Sommer und Ferienlager aufkommen, doch für die indischen Migranten ist all das kein Spiel, es ist harte Realität. Zwei Jahre verbrachten sie im "Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes", einer Art Auffanglager. Es ist eigentlich darauf ausgelegt, für Menschen, die die Grenze illegal überschreiten, eine erste Anlaufstelle mit sozialer Grundversorgung zu sein. Das Zentrum in Ceuta fasst 512 Personen, zeitweise sind jedoch mehr Menschen darin untergebracht. Viele Migranten leben seit Jahren dort. Senegalesen, Nigerianer, Pakistaner, Inder. Im April 2008 machten Gerüchte die Runde, dass die Inder abgeschoben werden sollten. Jetzt. Nach zwei Jahren. Die Gruppe fasst einen Beschluss, sie will nicht kampflos aufgeben. Die Inder fliehen in die Wälder des nahegelegenen Berges, auf den Monte del Renegado.

Zwei Jahre dauerte die Odysee. Alles begann in Indien, mit einer leeren Versprechung. „Ein Mann sprach mich damals an der Universität an“, erklärt Sonu. Er würde in der Europäischen Union leben und arbeiten können, alles legal, sagte man ihm. Umgerechnet 8000 Euro sollte er dafür auf den Tisch legen. Der Großteil der indischen Migranten, die in Ceuta im Wald leben, kommt aus der nördlichen Provinz Punjab, einer Gegend, die von Landwirtschaft dominiert ist. Um die Reisen der Söhne zu finanzieren, verkauften ihre Familien Ländereien oder verschuldeten sich bei Freunden und Banken. Die jungen Männer sollten diese Chance wahrnehmen können. Sie bestiegen den Flieger in Neu Delhi. Reiseziel Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens. „Wir wurden von Männern abgeholt, die uns in ein Haus brachten. Dort mussten wir ihnen unsere Pässe geben, für das Visum.“ Sonu schaut auf den Boden und schüttelt den Kopf. „Die Pässe haben wir nicht mehr zurückbekommen.“

Seite 2: Die Hoffnung auf Arbeit und eine Verletzung zur Unzeit …
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