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Containern zwischen Straf- und Heldentat

In die Tonne eintreten

28.11.2012

Containern: Lebensmittel aus der Tonne - Sinnvoll und strafbar zugleich.

Von Hannah Schopf
Der Terminus „Schnapsidee“ kommt wohl nicht von ungefähr. Da sitzen wir, in der einzigen Bar weit und breit, die um diese Uhrzeit Dienstags noch auf hat. Draußen schläft die Stadt, wir trinken Sambuco mit dem kurdischen Barbesitzer an der Theke.

Wir könnten auch einfach nach Hause gehen. Doch für ein so profanes Verhalten sind wir schon zu weit in die Tiefen der Getränkekarte vorgestoßen und natürlich lässt die eingangs erwähnte Schnapsidee auch nicht lang auf sich warten. Lass mal Containern gehen. Oh ja, gute Idee. Und schon stolpern wir auf die im Dunkeln ausgestorben daliegende Straße. Zwei Straßenecken weiter ist der Lidl.

Containern: Gar nicht so leicht, wie man denkt


Dazu muss ich jetzt sagen, dass keine von uns Beiden Erfahrung auf diesem Gebiet hatte. Klar, „Containern gehen“, das ist so ein Begriff, der einem aus der einen oder anderen subversiven Ecke des Freundeskreises schon mal etwas anrüchig und deswegend verlockend entgegen geweht hat. Und so ungefähr kann man sich den Ablauf ja auch vorstellen: Man holt halt weggeworfene, aber eigentlich noch essbare Produkte aus der Mülltonne hinter dem Supermarkt. So leicht ist das aber gar nicht, vor allem in München - einer Stadt, in der die Häuser dicht an dicht stehen und die Hinterhöfe mit ihren hohen elektronisch zu öffnenden Gittertoren nicht unbedingt zum Flanieren einladen.

Als ich mich von dem zwei Meter hohen Eisentor runterbaumeln lasse, frage ich mich schon ernsthaft, was ich hier eigentlich mache. Beim Blick in die Mülltonne fällt es mir wieder ein. Die ganze Tonne ist voll mit Gemüse. Und zwar nicht mit Gammelgemüse, sondern mit frischen Salatköpfen, Radieschenbündeln und Spinatbergen. Man sieht zwar, dass derjenige, der das Grünzeug weggeschmissen hat, sich auch Mühe gegeben hat, es noch ein bisschen zu zerstören, aber eigentlich ist das Zeug top in Ordnung. Ich entscheide mich für einen Granatapfel. Für heute reicht uns das auch und stolz auf unsere Diebesbeute brechen wir den Raubzug ab.

Auch Müll ist Eigentum


A propos Diebesbeute. In Deutschland ist der Inhalt einer Mülltonne – anders als in Österreich und der Schweiz – juristisch betrachtet immer noch das Eigentum desjenigen, dem die Tonne gehört. Deshalb ist Containern gehen nach § 242 StGB auch Diebstahl und damit eine gegen fremdes Eigentum gerichtete Straftat. Betritt man noch dazu das Gelände eines Konzerns (was eigentlich so gut wie unvermeidlich ist), kommt nach § 123 noch Hausfriedensbruch dazu. Und wenn man dann noch zur Zange greift und ein Schloss knackt oder einen Container etwas gewaltsamer öffnet, greift zusätzlich § 303 StGB, der nicht nur tatsächliche Sachbeschädigung sondern auch schon versuchte Sachbeschädigung ahndet.

Insgesamt kann das dann schon ganz schön teuer werden. Je nach Schwere der Vergehen kann der Dumpster (ein Synonym für containernde Menschen) mit Geldstrafen, Sozialarbeit und sogar Gefängnisstrafen belangt werden.
Angesichts der Tatsache, dass die weggeschmissenen Lebensmittel absolut wertlos sind, sind diese harten Strafen schon ein wenig skurril. Nüchtern betrachtet gibt es eigentlich wenig Sinnvolleres, als das Essen, das sonst keiner haben will, einfach denen zu überlassen, die sich kein Frischeres oder Teureres leisten können oder wollen.

Denn die Lebensmittel, die im Container landen, sind keineswegs ungenießbar oder verfallen – schon kleine Druckstellen reichen aus, um Obst für den Normalverkauf zu disqualifizieren. Denn wer kauft sich schon einen angedätschten Apfel, auch wenn man die betreffende Stelle einfach wegschneiden könnte. Da landet heutzutage gleich der ganze Apfel im Müll. Das ist eine Praxis, die nur betrieben werden kann, weil wir im absoluten Überangebot leben. Und weil dieses Überangebot so omnipräsent ist, sind die Statistiken zum Thema Lebensmittelverschwendung in der ersten Welt tatsächlich ziemlich schockierend.


Lest auf Seite 2, was wir mit unseren Lebensmitteln abgesehen von Essen eigentlich sonst so machen...
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