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Glauben und Unglauben: mehr Atheismus, mehr Fundamentalismus?

Zweifel an Gott

02.06.2012

Die schwierige Lage der Religionen zwischen Atheisten und Fundamentalisten.

Als Papst Benedikt XVI. im September 2011 eine Rede im Bundestag halten wollte, planten etwa 100 Abgeordnete, die Rede zu boykottieren. Seit Monaten gelangen vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit – auch über ein Mordkomplott gegen den Papst. Immer weniger junge Leute gehen regelmäßig zum Gottesdienst und die Kirchen sind meist spärlich besucht. In weniger religiös geprägten Bundesländern wird Religionsunterricht von vielen Jugendlichen so früh wie möglich abgewählt.

Hat sich eine Anti-Religionshaltung breitgemacht? Brauchen wir einfach keine Religionen mehr? Sind wir gottlos und ungläubig geworden? Oder sind wir einfach nur weniger leichtgläubig als früher und hinterfragen die Dinge mehr?

Was Atheisten zweifeln lässt

Die meisten Atheisten wissen genau, warum sie nicht an Gott glauben. Viele fragen sich: „Warum lässt Gott all die Kriege und all die Not auf der Welt zu?“ Orhan, ein Moslem, der Mathematiker und Dozent ist, antwortet darauf mit einer Gegenfrage: „Wenn es keinen Krieg und keine Not gäbe, hätten wir dann einen Grund, an Gott zu glauben?“

Doch hieße das nicht, dass Gott die Menschheit mit Kriegen dazu zwingen will, an ihn zu glaube? Hieße das nicht, dass die Menschen als Individuen Gott egal sind? Hieße das nicht, dass Gott fehlbar ist? Verständlich, dass sich viele lieber zwei Mal überlegen, an so jemanden zu glauben.

Früher war das anders

Im Mittelalter musste man an Gott glauben, denn Religion spielte eine zentrale Rolle. Jeder richtete sich nach Werten wie Demut und Gottesfürchtigkeit, alle sahen sich als Schöpfung Gottes. Chantal, eine 16-jährige Gymnasiastin, die der Gemeinde einer Freikirche angehört, erklärt diese neue religionskritische Haltung so:

„Heute wird sehr viel mehr gegen Autoritätspersonen, also geben Eltern, Lehrer und auch gegen Gott protestiert. Früher war das nicht möglich, aber heute können diese Autoritätspersonen ihre Macht nicht mehr so missbrauchen wie früher. Niemand kann mehr gezwungen werden, in die Kirche zu gehen, und es herrscht Religionsfreiheit. Ich denke, es ist richtig, dass jeder sich frei entscheiden kann, an Gott zu glauben oder nicht.“

Experten ratlos

H. Schulz, der Pfarrer der "Jesus Christus Gemeinde" in Berlin-Kreuzberg meint, dass die Menschen zunächst keine Defizite bemerken würden, wenn sie keine Religion praktizieren. Für viele sei die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben keine religiöse Sehnsucht. Das klingt einleuchtend, erklärt aber nicht, warum sich die Menschen überhaupt erst von der Religion abwenden. Gibt es denn überhaupt eine Erklärung für das wachsende Desinteresse? 

Die Pfarrerin und Theologin Micah meint, unzählige Pfarrer würden nach einer Lösung des Problems suchen. Seit dem Mauerfall sei es in Deutschland eine große Diskussion, was man mit all den Konfessionslosen machen solle. Laut Micah gibt es keine richtige Erklärung dafür, dass immer weniger Menschen das Bedürfnis haben, Gott nahe zu sein.

Doch dieses Desinteresse an Religion existiert nicht nur beim Christentum. Der Moslem Orhan bestätigt, dass auch der Islam betroffen ist. Er beklagt, dass viele Muslime sich zwar zum Islam bekennen, die Religion allerdings nicht wirklich praktizieren würden. Der Glaube spiele einfach keine große Rolle in ihrem Leben.

Seite 2: Glaube gegen Unglaube
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