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Deine Mudda ist ein Pflegefall

„Gegen manche Sachen ist einfach kein Kraut gewachsen“: Wie es ist, der Gebrechlichkeit der eigenen Eltern hilflos gegenüber zu stehen.

Als die Aussetzer der Feinmotorik meiner Mutter begannen, steckte ich gerade im tiefsten Prüfungsstress und konnte nicht glauben, dass sie plötzlich alltägliche Aufgaben auf meine Geschwister und mich abwälzte. Natürlich war es kein Problem, abgelöste Knöpfe selbst wieder anzunähen oder beim Gemüseschnippeln in der Küche zu helfen. Aber jetzt? Und dann dieser allgegenwärtige und dennoch kryptische Begriff: Multiple Sklerose. Die Medien berichteten über diese Krankheit wie über andere Modeerscheinungen à la Laktoseintoleranz oder Crocs. Konnte doch also nichts Wildes sein. Dieses angebliche Krankheitsbild der Schübe tat ich als Vorwand meiner Mutter ab, uns systematisch mehr in die Pflicht zu nehmen und ärgerte mich über die Ignoranz meinem Prüfungsplan gegenüber.

 

Zack – alles anders!

 

Schnell wurde jedoch klar, dass niemand mehr Rücksicht auf irgendeinen Plan nehmen konnte. Erst die Ärzte, später die Ergo- und Physiotherapeuten, erklärten uns, dass die Symptome bei unserer Mutter sehr spät auftraten, eine weitere Verschlechterung also eher unwahrscheinlich sei. Na dann! Ab und zu die Finger nicht mehr bis in die Spitzen kontrollieren zu können – welche Einschränkungen im Alltag wird das schon mit sich bringen?

Leider lagen die Ärzte mit ihren Diagnosen nicht ganz richtig und trotz Medikamenteneinstellung nahmen die Schübe die unterschiedlichsten Formen an. Mal wurde aus dem Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen ein Tremor verschiedener Muskelgruppen oder die Sehkraft ließ schlagartig nach. Anfangs wurde dies mit sarkastischen „Dann sehe ich wenigstens nicht, wie unaufgeräumt es hier ist“-Bemerkungen abgetan. Beim dritten temporären Erblinden wurde die Situation aber doch lästig. Meine Mutter war plötzlich nicht mehr fahrtauglich. 25 Jahre lang hatte sie meine Geschwister und mich aus unserem Heimatdorf in die nächsten größeren Orte zu Trainings, diversen Proben oder Schulveranstaltungen gefahren. Nun saß sie irgendwie fest auf dieser 700 Seelen-Insel und konnte dieser nur noch zu Fuß oder mit dem Rad entkommen. Die motorisierten Zeiten waren vorbei.

 

Den Alltag vorkauen

 

Da ihr nach dem Auszug ihrer drei ältesten Kinder noch ein fahrbefugter Spross geblieben war, arrangierte man sich auch relativ gelassen mit dieser Situation. Doch irgendwann brach die Situation über meinem Vater ein: 7 Tage die Woche versuchte er, die Tage so zu strukturieren, dass meine Mutter den Alltag weitgehend eigenständig meistern konnte. Bevor er sich morgens auf den Arbeitsweg begab, ging er all ihre geplanten Tätigkeiten für den Tag sowie die damit verbundenen Handgriffe durch und legte weitgehend alles zurecht, bereitete Dinge vor und räumte alles an strategisch günstige Plätze. Sechs Jahre am Stück hielt er sich in dieser Position aufrecht, ehe er meine Geschwister und mich direkt um Hilfe bat. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich bereits vier Jahre 600 Kilometer von Zuhause entfernt und auch meine Geschwister hatten Wohnorte jenseits der Pendlerdistanz gewählt.

 

Kranker Egoismus

 

Nachdem zunächst das schlechte Gewissen und anschließend die Angst vor der Veränderung des eigenen Alltags überwunden sind, nahm die Scham Überhand. Wie kann ich meine eigenen Tagesabläufe nur über die meiner Eltern stellen, nachdem sie es 18 Jahre lang genau andersrum gemacht hatten? Von nun an legte ich jeden Freitag und jeden Sonntagabend die 600km zurück, um meinen Vater wenigstens am Wochenende entlasten zu können. Mental war meine Mutter unverändert: Sarkastisch, kämpferisch und aufopfernd. Die körperlichen Einschränkungen sind zwar deutlich, hatten sie bislang aber nicht kleinkriegen können. Manchmal sagt sie, dass sie es sich andersrum wünschen würden, sodass sie nicht merkt, wie sie anderen zur Last fällt. Mit den darauffolgenden „Egoistin“-Kommentaren muss sie dann einfach umgehen können.

 

Sozialpraktikum in den heimischen vier Wänden

 

Sie trägt eine Thrombosestrumpfhose, die am Bund durch einen Reißverschluss geschlossen wird. Ernsthaft: An alle Sanitätshäuser: Macht ihr euch Gedanken darüber, welche Leute auf eure Produkte angewiesen sind? Meistens sind dies ältere oder eben kranke Menschen, die mit der Feinmotorik schon seit längerer Zeit nicht mehr per Du sind. Diesen Reißverschluss nun also mit dem kleinsten Zipper der Weltgeschichte auszustatten, halte ich für nicht wirklich gelungen.

Schnell wurde ich zum Profi in der Handhabung der Verschlusstechnik sowie in dem Unterdrücken eines Schmunzelns, wenn mein Name hinter der verschlossenen Badezimmertür erklang. Ein wenig fühlte ich mich an mein Sozialpraktikum im Kindergarten erinnert. Ob nun aber tatsächlich Belustigung oder Verzweiflung Auslöser meines Lachens waren, kann ich nicht wirklich sagen.

 

Mamas Bucket List

 

Wie unwitzig die Gesamtsituation für alle Beteiligten jedoch ist, machen ganz andere Momente deutlich: Das Schreiben ist für meine Mutter mittlerweile zu einer großen Anstrengung geworden und endet oft mit Krämpfen in der Hand. Wie früher steht mein Vater Samstag morgens Punkt Ladenöffnung vor dem Supermarkt und kauft ein, was meine Mutter ihm aufgeschrieben hat. Beziehungsweise schreiben nun meine Geschwister und ich das auf die Liste, was meine Mutter uns diktiert. Wozu mein Vater noch eine Liste benötigt, ist mir nicht ganz klar, da sich die Basisprodukte seit 30 Jahren kaum geändert haben. Daher war ich zunächst auch recht unaufmerksam, als meine Mutter mir in Reihenfolge des Ladenaufbaus aufzählt, was sie benötigte. Beim nochmaligem Lesen fielen mir Dinge auf, die ich noch nie im Kühlschrank meines Elternhauses gesehen hatte: Scotch Whiskey, Kaviar, Quinoa… Fragend blicke ich meine Mutter an. Schulterzuckend erwidert sie: „Wer weiß wie lange ich solche Dinge noch probieren und wahrnehmen kann.“ In diesem Moment wurde mir klar, dass ich keinen regulären Einkaufszettel, sondern eine Bucket List schreibe.

 

Gegen die Natur

 

Zuhause reden wir nicht über den Tod. Warum auch? Meine Mutter wird nicht sterben. Zumindest noch nicht und voraussichtlich nicht an dieser Krankheit – ihre derzeitige Verfassung spricht auf jeden Fall dafür. Aber sie wird weiter abbauen. Gefühlt bin ich Teil eines Benjamin Button-Phänomens: Meine Mutter wird wieder zum unselbstständigen Kind. Dass dies mit zunehmendem Alter sich nicht mehr bessern wird, ist absehbar und logisch. Anders als vor zwanzig Jahren ist es nun also an mir, meinen Alltag so zu gestalten, dass meine Mutter den ihrigen gemeistert bekommt. Das ist ätzend und gefühlt auch gegen die Natur, aber andererseits das Mindeste, was man in dieser Situation tun sollte.

 

Unverwundbare Superhelden?

 

Bei der Arbeit sitze ich einem Kollegen gegenüber, der sich ebenfalls um seine pflegebedürftige Mutter kümmert. Für ihn jedoch ein 24/7-Job. Wir scherzen und lachen viel, weil Sarkasmus in solchen Situationen der sinnvollste Schutz zu sein scheint. Doch eigentlich wissen wir beide, dass es Angst vor den kommenden Jahren ist, die uns so reagieren lässt. In seltenen Momenten bin ich fast ein wenig dankbar für die Krankheit. Sie führt unmittelbar vor Augen, dass unsere Eltern doch nicht diese unverwundbaren Superhelden sind, für die wir sie halten und das nichts, was sie jemals für uns getan haben, selbstverständlich war. Die Krankheit sorgt dafür, dass ich mich intensiver mit meiner Mutter auseinandersetze, als es seit meiner Pubertät jemals der Fall war. Ganz sicher wird das Sterben meiner Mutter irgendwann keine Erleichterung für meine Familie und mich darstellen. Aber die jetzige Situation scheint mir meine gute Schule, um später damit fertig werden zu können.

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