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Ich wünschte, ich könnte über meine Depression reden wie über eine Grippe

Rund vier Millionen Deutsche leiden an Depressionen. Darüber reden wollen die wenigsten.

Von Maxi Jung

Donnerstagnachmittag. Mein Masterstudiengang hat vor drei Wochen angefangen, ein paar Gesichter kenne ich mittlerweile ganz gut. Auch, wenn ich eine ganze Woche lang gefehlt habe. Ich treffe meine Kommilitonin Katharina* in der U-Bahn auf dem Weg zur Uni. Sie ist ein paar Jahre älter als ich, hat große braune Augen, eine hipsteresque Brille und sagt oft Dinge, die darauf schließen lassen, dass ihr Mund schneller als ihr Kopf ist. Ich mag sie.

Ich: „Erzähl mal, was letzte Woche im Seminar so besprochen wurde.“
Katharina: „Ach stimmt, du warst ja die ganze Woche weg! Was war los?“
Ich: „Krank gewesen, Grippe gehabt, ich kam einfach nicht aus’m Bett.“

Ich habe diese Konversation schon mit fast allen Personen in meinem Bekanntenkreis geführt, nachdem ich Partys absagte, Verabredungen zum Kaffee, Kinoabende. Wo ich war? Krank war ich, natürlich, was sonst. Mein Immunsystem ist einfach scheiße. Nein, jetzt geht es mir wieder gut, danke der Nachfrage.

Eigentlich lag ich nur im Bett, unfähig, mich zu bewegen

Die echte, ungelogene Antwort wäre: Ich hatte so wenig Energie, dass ich es den ganzen Tag lang nicht geschafft habe, aufzustehen. Ich habe vielleicht sechs, sieben Stunden geschlafen – in der gesamten Woche. Habe kaum etwas gegessen, nicht auf Nachrichten oder Mails reagiert, sondern lag einfach nur da, absolut unfähig, irgendetwas zu tun.

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Menschen, die noch nie eine depressive Phase hatten, können sich in der Regel nur schwer vorstellen, wie sich so etwas anfühlt. Übel nehmen kann ich das eigentlich niemandem – sobald sich der schwarze Schleier gelichtet hat, kann ich mich selbst ja kaum daran erinnern, wie furchtbar schlecht es mir vor ein paar Tagen noch ging. Für mich fühlt sich eine depressive Phase so an, als wären an meinem gesamten Körper Gewichte befestigt, die mir das Funktionieren fast unmöglich machen. Selbst das Denken fällt mir dann schwer, das Sprechen sowieso. Das Leben außerhalb dieser depressiven Phase erscheint mir wie ein ferner Traum: Ich weiß, dass ich irgendwann mal glücklich war, aber in diesem Moment kann ich mich daran partout nicht erinnern.

Sport und Urlaub gegen eine Depression – das ist blanker Hohn

Kürzlich wurde eine aufsehenerregende Umfrage veröffentlicht. Die Deutschen, so hieß es darin, wüssten zu wenig über die Volkskrankheit Depression. Zwar erkennen mittlerweile viele an, dass eine mögliche Ursache von Depressionen eine Stoffwechselstörung im Gehirn sein kann, allerdings ist die Annahme, dass belastende Lebensereignisse oder Probleme am Arbeitsplatz der Auslöser einer Depression sind, immer noch weit verbreitet. Noch viel beunruhigender sind die Therapievorschläge, die die Befragten angaben: Sport müssten wir Erkrankten machen, viel frische Luft genießen, am besten in den Urlaub fahren.

Für Depressive ist diese „Reiß dich doch zusammen“-Mentalität blanker Hohn. Sie impliziert, dass man nicht die nötige Willensstärke hat, sich aus dieser Situation herauszumanövrieren und negiert all die harte Arbeit, die man investiert, damit es einem bald wieder besser geht.

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