In der Eckkneipe: Harter Korn für den harten Kern

Schon der Eintritt in die Kneipe erweist sich als Probe. Die Tür ist noch nicht ins Schloss gefallen, da baut sich vor dem Eintretenden bereits eine massive Wand aus Zigarettenrauch auf. So arg viskos, die Atemwege unmittelbar an den Rand des Kollaps treibend und schier undurchdringbar, dass bereits auf der Schwelle sensiblere Gemüter zur Umkehr bewegt werden dürften. All jene jedoch, die dieser Widrigkeit trotzen und ihren Weg durch die Wand finden, werden mit einem äußerst erkundenswerten Mikrokosmos belohnt.

Die erste Entdeckung folgt auf den Fuß. Es sind gar nicht so viele Seelen wie angenommen, die hier sitzen und verbrannten Marlboro-Tabak in den Raum pusten. Die Zigaretten-pro-Kopf-Ratio ist schlichtweg atemberaubend hoch. Entgegen der überfüllten Szenebar im Szeneviertel der Stadt, pflastert sich hier der Weg zum Tresen ganz ohne Touristenleichen fast von ganz allein. Und einmal an die obskuren, einer Krypta nicht unähnlichen Lichtverhältnisse gewöhnt, offenbart sich dem Blick nicht nur jener Tresen, sondern auch das restliche liebenswerte Inventar der Kneipe: Massive Tische, flankiert von Barhockern. Auf den Tischen nahezu wagenradgroße Pall-Mall-Aschenbecher aus dickem Glas. Einstmals schillernd-weiße, heute gelblich-vergilbte Vorhänge an den milchig-trüben Fenstern. Liebevoll, aber ohne jeden Sinn für Ästhetik mit Flaggen, Schildern, Wimpeln und Bildern – diese zeigen mit Vorliebe den Wirt Arm in Arm mit Gästen oder Prominenz vergangener Jahrzehnte – dekorierte Wände. Und letztlich, der Wirt höchstpersönlich.

Instanzen am und hinterm Tresen

Während in besagter Szenebar handlahme Studenten zum Hungerlohn in Ikeagläsern Früchte und Kräuter zu verwässerten Cocktails zerdrücken, steht in der Eckkneipe ein Mann vom Fach hinterm Tresen. Ein verschwiegener Namenloser, untrennbar mit dem Zapfhahn verwachsen. Aus seinem Gesicht lässt sich nur erahnen, was er einem Grünschnabel auf den Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt“ erwidern würde: „Wirt sein ist alles!“. Die Schmach, schlechte Cocktails mixen oder gar eine Gurke (eine G-U-R-K-E!) zur Zutat eines Longdrinks verschandeln zu müssen, lässt dieser Mann gar nicht erst über sich ergehen. Cocktails werden nicht angeboten. Bier oder Schnaps, Molle mit Korn. Herrengedeck. Wahlweise auch Futschi.

Nebst dem stets wachsamen Wirt befindet sich eine weitere, scheinbar unverzichtbare Instanz jeder Eckkneipe auf der anderen Seite des Tresens. Dort Platz genommen, trifft man in diesem Fall auf Harry. Eher schüttern graues Haar, Schnauzer, Jeansjacke, den Blick gedankenverloren geradeaus, in scheinbar telepathischer Konversation mit dem Wirt, den er wahrscheinlich besser kennt und öfter sieht als seine eigene Frau. Ein Original. Aus der Telepathie entrissen, ist Harry sofort ebenso geschwätzig wie Kumpel. „Ick komme jeden Abend her. Warum och nich, ist doch total jemütlich. Is‘ nunmal meine Stammkneipe, Junge!“

Stammkneipe. Da steckt was drin. Wo eine Generation junger urbaner Szenemenschen getreu ihres Credos „Anything goes!“ wie Getriebene kopflos von Bar zu Club zu Bar rennt, da ziehen genügsamere Geister stets zur gleichen Heimstatt. Für all die Harrys der Republik ist die Eckkneipe, die Stammkneipe, ein zweites Wohnzimmer. Da ist es gemütlich, da kennt man sich aus – und dem bleibt man treu. Ein bisschen Identität eben.

 

Geschichte und Sechs-Euro-Mojito

Mittlerweile steht die Bestellung auf dem Tresen. Eine zarte Pilstulpe, darin 0,3 Liter feinstes Schultheiss, zum Fuße hin von einem Pilsdeckchen geschmückt, sodass weder ein Tropfen der majestätisch anmutenden Schaumkrone, noch des perlenden Kondeswassers den Tresen benetzt. Jetzt ist es wahrlich gemütlich hier!

Und überhaupt, dieser Tresen. Was für Geschichten er wohl zu erzählen hätte, würde man ihm eine Stimme verleihen? Ganze Lebensgeschichten wohl. Von Existenzen wie Harry und seinen Vorgängern, erfolgreich und gescheitert, von Arbeitern und Trunkenbolden. Und vor allem alte Geschichten. Oft hat die Kneipe an der Ecke ein halbes Jahrhundert oder länger schon Bestand. In Berlin, um die vorletzte Jahrhundertwende Europas Stadt mit der höchsten Kneipendichte, reicht die Tradition mancher Kneipe um über 300 Jahre zurück.

Harry könnte sicher die eine oder andere Anekdote beitragen, hat sich aber nach dem Tresen-Intermezzo samt drei weiteren gemeinsamen Pilstulpen nun bei seinen frisch eingetroffenen Kollegen am Stammtisch eingerichtet. Für diesen Abend ist er ein Freund. Derbes Gelächter erfüllt nun den Raum, treffend untermalt vom Klang des inzwischen ebenso in Betrieb genommenen Spielomaten in der Ecke vorm Klo.

Höchste Zeit, die Promilleleiter weiter zu erklimmen und das Getränk zu wechseln. Zu verlockend sind außerdem die Preise hier, selten wurde das Portemonnaie beim Saufen so geschont. Zudem ist nach dem ersten Futschi für Einsfünfzig schnell klar: wer noch nie einen guten Weinbrand mit Cola genossen hat, ist einen schlechten Sechs-Euro-Mojito nicht wert. Auch der Korn lässt sich nicht lumpen, statt sanft vollmundigem Abgang geht er voll auf die Zwölf.

Alles nimmt seinen Lauf

Ein gelungener Abend. Der zweite Futschi hinterlässt noch einmal das wohlige Gefühl einer Wohnzimmeratmosphäre. „Warum och nich, ist doch total jemütlich.“ Der dritte hingegen schon ein wenig Melancholie. Wohl in der Ahnung, dass dieses Biotop uriger Einrichtung und Gestalten vom Aussterben bedroht ist. Wie viele ehemalige Eckkneipen sind wohl heute zu belanglosen Latte-Cafés, Boutiquen für Mittvierzigermütter samt Nachwuchs oder austauchbaren Spätkäufen umgebaut? Die schleichende Gentrifizierung einer Stadt verändert auch das Konglomerat an Stätten des Trinkens und Zusammenkommens. Und eine Stadt voll von Besserverdienenden, Touristen, Hippen und Kreativen ist letztlich eine Stadt ohne Eckkneipen. In Berlin und Hamburg und München und anderswo. Davon geht die Welt nicht unter, verabschiedet sich aber ein weiteres Stück Originalität aus dem Stadtbild. So lautet zumindest das weinbrandvernebelte Resümee, nachts um halb zwei.

Ob Harry das genauso sähe?

Wer weiß. Das Brummen und Lachen am Stammtisch ist erloschen, die Stammtischgesellschaft verlustiert sich lautstark am Dartspiel. Der Namenlose zapft weiterhin Biere, serviert zunehmend Korn am Fließband. Zwar lichtet sich das Feld, doch der harte Kern bleibt.

Noch einmal durch die Marlborowand, nach draußen auf die Straße. Wie der wegweisende Nordstern schimmert das komplett veraltete Premiere-Sportsbar-Schild rötlich gelb von der Hauswand. Mehr Retro geht kaum. Dem Rotschimmer folgend und die Straße runter Richtung S-Bahn torkelnd, eine letzte Eingebung für den Abend: Ein paar Kilometer weiter hat die Partyszene heute Nacht auf ihre heillos überschätzte Existenz angestoßen, hier an der Ecke scheidet eine heillos unterschätzte Existenz langsam dahin. Eine Rückkehr in die Eckkneipe wird sich dennoch lohnen. Harry ist dann bestimmt auch wieder da.

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Bildquelle: Martin unter CC BY-ND 2.0

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