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Adonis 2.0: Fitness-Wahn der Generation Selbstoptimierung

Von Fitness-Kult, Selbstoptimierung und ausgerollten Trainingsmatten.

Von Maxim Westermann

Es gab mal eine Zeit, drüben im Park, da hatten die Leute Spielgeräte unter ihren Armen. Eine Frisbee oder einen Ball, zum Beispiel. Und dann haben sie sich mit ihresgleichen getroffen und miteinander gespielt. Alle möglichen Spiele, im Sand mit Netz, auf Tartan mit Tor und Korb oder auf der schlichten grünen Wiese mit Werfen und Fangen. Oft stundenlang, einfach so. Hauptsache, es hat Spaß gemacht.

Bald steht niemand mehr im Tor. Lieber hängen alle daran und machen Klimmzüge. Spieler A schreit Spieler B nicht mehr an, weil dieser keinen vernünftigen Pass über drei Meter spielen kann. Oder die Frisbee wirft wie ein Viertklässler mit Muskelschwund. Geschrien wird, um den anderen mit Nachdruck zu noch fünf weiteren Liegestützen zu motivieren, obwohl dessen Muskeln bereits brennend zu kapitulieren scheinen. “Komm schon, Aufgeben ist keine Option!”. Unter den Armen keine Bälle mehr, nur noch Smartphones samt Trainingsmatten. Und die rollen die Leute auf dem verwaisten Tartan aus und dann spielen sie mit sich selbst und jeder ist fitter als sein Nebenmann.

 

Fitness-Kult statt Spielkultur

 

Zugegeben, ein arg überspitzes Szenario. Wer jedoch aufmerksam durch die Welt läuft, der dürfte sich längst an den Fitness-Kult in Form von Fitness-Bewegungen aller Couleur gewöhnt haben. An das schon etwas angestaubte Studio. An die von den Milchschnitten-Gesichtern der Klitschkos beworbene 24/7-Discount-Muckibude ebenso, wie an hinter Fensterwänden joggende Armadas von Frauen im Women-only-Club. Und da auch im kommerziellen Wettbewerb des Fitness-Marktes nie Stillstand herrschen darf, kamen dann irgendwann Crossfit-Boxen hinzu.

Inzwischen ist Fitness auch dort sichtbar und vor jedermanns Nase mehrheitstauglich, wo sonst eher miteinander gespielt wird. Draußen, im Park, auf dem Sportplatz. Liegestütze, Klimmzüge, Hampelmänner, Kniebeuge, Sprints. Hornalte Übungen im neuen Gewand, ganz ohne Schnick-Schnack, nur mit dem eigenen Körpergewicht. Und natürlich mit kommerziellem Unterbau. Das sind die mit den Trainingsmatten unterm Arm. Freeletics, gleichermaßen Name des Unternehmens sowie dessen Fitness-Programms, sorgt dafür, dass eine stetig wachsende Anzahl sogenannter Freier Athleten von einer Smartphone-App diktierte Workouts nachturnt. In möglichst kurzer Zeit. Warum spielen die nicht viel lieber miteinander?

 

Weil es das Ich nicht optimiert

 

Freeletics ist dabei nicht der einzige Vertreter dieser ortsungebundenen Variante des Trainierens und per se nicht besser oder schlechter als andere Formen von Fitness-Training. Aber irgendwie der konsequenteste Auswuchs einer absurden Entwicklung. Wo diese Entwicklung angekommen ist, lässt sich gut nachvollziehen, speist man das Social Web mit den Suchbegriffen “Fitness” oder eben “Freeletics”. An Follower-Zahlen und Gefällt-mir-Angaben kann gemeinhin recht gut abgelesen werden, wie es um einen vermeidlichen Trend bestellt ist.

Hier und da wird zwar ein allgemein gesunder Lebensstil betont, den ein so fitter Körper mit sich bringt. Oder die Protagonisten stellen fest, ihre körperliche Fitness beeinflusse auch andere Lebensbereiche recht positiv. Leistungsfähigkeit, schön und gut, ein Nebenprodukt. Bleibt man ehrlich, steht im Zentrum der Bewegung jedoch einzig und allein das oberflächlich sichtbare Ergebnis . Die Projektionsfläche des Egos. Fit sein heißt vor allem eines: fit aussehen.

Höchst muskulöse Brust und Arme für die Männer, pralle Hintern für die Frauen, Sixpacks für alle. Große Muskelpakete allerdings sind out, Definition ist in. Einige wenige brauchen so einen Athletenkörper, um Medaillen und Pokale zu gewinnen. Der große Rest, um den Wettbewerb um das optimale Ich zu gewinnen. Fitness anno 2015 kommt daher wie eine große Geschichte der Selbstoptimierung. Neben den Abbildern moderner Adonisse und  Aphroditen mit Knackarsch auf Facebook und Co. – vom Fitness-Besessenen aus dem Freundeskreis bis hin zum aufstrebenden Berufsstand des Fitness-Models – passend in Worte gefasst durch markiges Pathos. Unter anderem durch jenes der Freeletics-Macher.

“Verbessere dich jeden Tag!”. “Lass den Durchschnitt hinter dir!”. “Gewinner geben niemals auf! Wer aufgibt, gewinnt nie!”. Das fängt den Zeitgeist ganz gut ein. In unserer Ich-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts geht es bevorzugt darum, besser zu sein als das Ich von gestern, dabei möglichst aber ebenso besser als die Ichs der anderen. Ein Optimum aus sich heraus zu holen, um nicht abgehängt und so zum Verlierer zu werden. Im Studium, im Job. Oder ganz banal: im Gutaussehen. In diesem Kontext wirkt der Leitspruch von McFit herzerfrischend ehrlich.

 

Spielen ist nicht effizient

 

Dieses Gutaussehen kommt nicht von allein und eher schleppend, wenn man sich zu sehr im Gebrauch eines der exemplarisch bereits aufgeführten Spielgeräte verliert. Miteinander zu spielen, willkürlich auf der grünen Wiese oder gar im Verein, ist für gewöhnlich ein zeitintensives Unterfangen. Nicht effizient genug, will man wirklich jener Gewinner sein und den Durchschnitt hinter sich lassen. Und da es uns im Streben nach dem besseren Ich in allen Disziplinen vor allem an Zeit mangelt, wird Effizienz zur unbeugsamen Maxime.

Auf die Spitze getrieben durch Konzepte wie Freeletics, die quasi den Selbstoptimierungsprozess an sich optimieren. Trainiert wird stets hochintensiv, in immer kürzerer Zeit, 15 bis 45 Minuten, bis zur totalen Erschöpfung. Ackern, drücken, ziehen, beugen, keuchen, kurze Pause, Luft holen. Wer daran ehrlich Spaß empfindet, hat entweder eine Platine im Nacken oder will tatsächlich nichts auf der Welt sehnlicher, als fit sein und gut aussehen. Und gleich nochmal. Je schneller, desto erfolgreicher, desto fitter. Auch das ist Teil der Absurdität: Man kreist um sich selbst, das aber zunehmend in der bestmöglichen Aufwand-Nutzen-Relation.

Dazu braucht es, angestoßen durch Freeletics und ähnliche Alternativen wie dem Nike Training Club, mittlerweile nur noch ein Smartphone. Und die jeweilige App. Diese vermittelt dann die von meist gesichtslosen Fremden erstellten Trainingspläne. Gegen Aufpreis erhält man einen persönlichen virtuellen Coach, der durch die Workouts führt. Mit anderen Menschen zu tun zu haben, ist im Prinzip überflüssig geworden.

Zwar tun sich die Freien Athleten zum gegenseitigen Ansporn gerne in Gruppen zusammen. Auch im etablierten Studio trifft der Fitnessfreak zwangsläufig auf Gleichgesinnte, braucht ab und zu gar mal Rückendeckung, um nicht von den zu stemmenden Hantelscheiben erschlagen zu werden. Doch im Grunde genommen beschäftigt sich jeder nur mit seinem Ich. Und was daraus werden soll. Man spürt zwar Schmerz und Muskeln wachsen, jedoch nicht die Distanz zu den Mitmenschen. Für den Fitness-Kult im 21. Jahrhundert scheint das auszureichen, dank mobiler App nun immer und überall.

 

Na und?

 

Gut möglich, dass der Eindruck täuscht. Vielleicht spielen die Leute immer noch genau so oft und ausgiebig miteinander Ball und Frisbee und was nicht alles, wie zu Zeiten vor Fitness-Kult und Freeletics. Vielleicht sind es sogar ein und dieselben, die auf dem Sportplatz zuerst unermüdlich Liegestützsprünge absolvieren und dann drum herum laufen, um hinterher an Ort und Stelle miteinander zu knödeln. Wie stark die Kultur des Miteinander-Spielens noch ausgeprägt ist, kann womöglich besser abgeschätzt als auf irgendeinen genauen Wert festgelegt werden.

Vielleicht aber liegen irgendwann wirklich nur noch ausgerollte Trainingsmatten auf den Sportplätzen. Und die, die sonst miteinander gespielt haben, legen behutsam das Smartphone vor sich hin und feilen dann schier unermüdlich an ihrem Körper. Sie holen das Optimale aus sich heraus, werden schneller, fitter und stärker. Und trotz ungeahnter Kräfte bewegen sie nichts außer sich selbst und halten die Transformation vom Normalo zum Adonis 2.0 in Videos fest, die sie im Social Web teilen und so wiederum andere motivieren, es ihnen gleich zu tun. Und erst, wenn es nichts mehr zu optimieren gibt und alle völlig überfittet und Adonis sind, dann verabredet man sich wieder zum Spielen. Einfach so. Hauptsache, es macht Spaß.

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