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Freundschaft: Die Suche nach dem Kindheitsgefährten

Als Kind hatte unser Autor einen besten Freund, der wegziehen musste. 14 Jahre später macht er sich auf die Suche nach ihm – und findet ihn in den USA.

Wenn ich an Alex denke, denke ich an wilde Schlachten zwischen Pinien, die sich im Wind wiegen. Ich denke an Fechtkämpfe in unserem selbstgebauten Baumhaus, während sich über uns Wolkenberge auftürmen, die wütend darauf warten, ihre ersten Regentropfen auf uns niederzuschicken. Die unsere Eltern daheim krank vor Sorge machen, weil ihre Söhne beim drohenden Unwetter irgendwo dort draußen im Wald sind. Alex ist für mich Picknicken auf dem Boden, wir beide in die Kamera lachend und übergroße Sombreros tragend. Er ist für mich ein Iglu im Garten, in dem wir erschöpft liegen, als es fertig ist, und auf die winterliche Dunkelheit warten, vor der wir überhaupt keine Angst haben, weil Alex für mich da ist und ich für Alex.

Wenn ich an Alex denke, denke ich an das alte Bahnhofsgebäude, auf dessen Dach wir kletterten und den Ausblick über unser Dorf, der für uns damals Unendlichkeit bedeutete, obwohl er nur einen winzigen Bruchteil unserer Welt preisgab. Ich denke an die Augenklappen, die wir aus seiner einzigen guten Hose schnitten und die wir danach hoch oben, in den Baumwipfeln trugen, während wir uns ausgedachte Piraten-Kommandos zuriefen.

Alex ist für mich rückblickend ein Gefühl meiner Kindheit. Vor allem deshalb, weil er eines Tages weg war. Und ich ihn nicht so wie andere meiner Freunde aus Kindertagen größer werden sah und uns allen die Unschuld verloren ging und der Blick auf die Welt als einen Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, als einen riesigen Spielplatz. Denn als ich ungefähr zehn war, zog Alex mit seiner Mutter zurück nach Florida, wo sie aufgewachsen war.

 

Plötzlich war er weg

 

Heute würde man skypen, chatten, für den nächsten Besuch sparen. Damals war schon ein Umzug ins Nachbardorf das Schieben einer ganzen Welt zwischen eine Kinderfreundschaft. Zu Beginn schafften wir es noch, uns Briefe zu schreiben. In ungelenker Kinderschrift, mit Fotos unserer Hunde in den dicken Umschlägen. Dann irgendwann natürlich nicht mehr. Man ist so jung. Man entwickelt sich rasend schnell. Man hört irgendwann auf, als Pirat ausgedachte Takelagen entlangzuklettern und Fantasie-Pfeile auf berittene Cowboys zu schießen, obwohl man sich in einem bayrischen Wald, Anfang des 21. Jahrhunderts befindet. Und verliert dadurch das Gemeinsame, das eine jede Freundschaft als emotionalen Sprit braucht.

Was traurig klingt, ist es eigentlich gar nicht. Denn als Kind ist man noch nicht so ein Melancholiker wie später und trauert bei melancholischer Musik Vergangenem hinterher. Nein, man lebt weiter im Jetzt. Man findet neue Freunde, wird älter, trinkt irgendwann Alkohol, fängt an, sich für Mädchen zu interessieren. Packende Gefechte, die man noch vor wenigen Jahren führte, sind ebenso vergessen wie der Kämpfer, mit dem man Schulter an Schulter focht oder den man wahlweise versuchte, mit einem dünnen Ast zur Strecke zu bringen.

14 Jahre später stolpere ich über Fotos, die aus einer vergessenen Zeit kommen. Ich habe lange Haare, beiße in ein Stück Pizza, trage ein zu großes orangenes T-Shirt. Neben mir sitzt ein Junge, größer als ich, mit grauen Augen, die leuchten. Er hat seinen Arm um mich gelegt, neben uns liegt ein Bogen aus Holz. Wir sehen nicht nur vertraut aus, sondern waren es auch in diesem Moment. Ein faszinierender Gedanke, dass der gleiche Mensch, der im Jetzt das Foto in den Händen hält, vor Jahren einem heute Fremden, der irgendwo in den USA lebt, näher war als jedem anderen.

 

Plötzlich schauen mich graue Augen an

 

Einem Impuls folgend, sicherlich auch durch die Tatsache genährt, dass mir die kindlichen Welten und Weiten, die ich mir früher erschloss, heute manchmal fehlen, dass ich mich manchmal an die kindliche Fähigkeit erinnern muss, Banales magisch zu finden, gebe ich Alex’ vollen Namen, den ich nach all den Jahren noch weiß, bei Facebook in die Suchleiste ein. Ich klicke mich lange durch Profile Fremder, werde aber nicht fündig. Ich gebe nicht auf, google, suche, überlege. Irgendwann schauen mich graue Augen an. Ein schmales, hübsches Gesicht. Ich bin auf der Webseite seiner High School gelandet, auf die er schon lange nicht mehr geht. Ich finde dort eine E-Mail-Adresse der Schule. Kurzentschlossen schreibe ich.

Fünf Tage später hat mir eine Mr. Jennings zurückgeschrieben. Sie wisse nicht, wo Alex jetzt wohne, und habe nur die alte Nummer seiner Mutter Donna. Ich atme ein, schaue nach draußen, wo München ganz grau daliegt, so gar nicht leuchtend wie die Wälder, in denen ich mit Alex stundenlang umherstreifte. Ich zeige meiner kommenden Telefonrechnung in Gedanken den Mittelfinger und wähle die Nummer, die Mr. Jennings mir gegeben hat.

Eine Frauenstimme meldet sich. „Donna?“, frage ich. Zögernd fragt sie auf Englisch, wer denn dran sei. Ich erkläre es ihr und ihr entfährt ein eher bestürzt als erfreut klingendes „No way!“ Dann wechselt sie, ganz aufgeregt, ins Deutsche, mischt die Sprachen. Fragt drei Fragen auf einmal. Wir reden eine halbe Stunde, viel zu kurz, um wirklich zu erfahren, wie sie denn leben und zu erzählen, wie ich lebe. Lang genug aber natürlich, um Alex’ Nummer zu bekommen. Und so sitze ich, fast 15 Jahre nach unseren Kindheits-Abenteuern, in meiner Münchner Wohnung, bin aufgeregt und rufe einen Fremden an, der längst zum Amerikaner geworden sein muss.

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