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Raus aus der Komfortzone: 5 Tage – 5 unliebsame Aufgaben

Die Komfortzone ist fluffig, flauschig und frei von harten Kanten. Trotzdem sollten wir öfter mal aus ihr ausbrechen. Ein Selbstversuch.

Als eher introvertierter und zurückhaltender Mensch fällt es mir oft schwer, mein gemütlich eingerichtetes Schneckenhaus und meinen Garten der Erkenntnis, dass Nichts-Wagen meistens entspannter ist, zu verlassen. Zwar kann ich nicht behaupten, große und folgenschwere Entscheidungen stets auf einer Armlänge Abstand zu halten, aber dennoch bin ich ein eher risikounfreudiger Mensch, der lieber im gewohnten Terrain bleibt. Höchste Zeit, diese elendige und Harmonie vorgaukelnde Comfort Zone mal wieder zu verlassen und fünf Tage lang etwas zu tun, was ich mich für gewöhnlich nie trauen würde.

 

Tag 1: Kein Smartphone

 

Ich brauche drei Anläufe, um meinen Selbstversuch zu starten. Morgens informiere ich eine Freundin nochmal über mein soeben beendetes Liebesleben und mittags lunze ich noch mal bei WhatsAppWeb rein. Im dritten Anlauf läuft es dann. Und das gar nicht so schlecht.
Der Tag ohne Handy ist wahnsinnig befreiend. Ich kann mich besser auf meine Arbeit konzentrieren und meinen Fokus auf das Wesentliche lenken. Problematisch wird es nach Feierabend. Meine Mitbewohnerin ist nicht zu Hause und für den Abend habe ich keine weiteren Pläne. Ohne mein Handy kann ich mich jetzt auch schlecht spontan verabreden. Also setze ich mich mit einem Buch in den Park und gucke in die Gegend. Herrlich, wie viel mehr man von seiner Umgebung mitbekommt. Nach einiger Zeit mache ich mich auf den Weg nach Hause.
Und dann der Oberhammer. Ich schlendere gemütlich durch die Straßen und mit einem Mal spricht mich ein Mann an, der mir scheinbar hinterhergelaufen ist. Erst finde ich das ein wenig creepy, dann aber stellt sich heraus, dass er echt freundlich ist. Klassischer Neuseeländer halt. Er erzählt, dass er mich genau deshalb angesprochen hat, weil ich so entspannt durch die Gegend gelatscht bin. Vermutlich wäre das nie passiert, wenn ich beim Laufen in mein Handy gestarrt hätte. Zurück in der WG ist der Drang riesig, doch mal die Nachrichten zu checken, aber ich bleibe hart. Als ich am nächsten Tag aufwache, ist es eigentlich auch sehr erholsam, morgens mal keine muffeligen WhatsApp Nachrichten oder pessimistischen News zu lesen. Ich starte ausgeglichen in den Tag und spiele mit dem Gedanken, öfter mal mein Handy zu Hause zu lassen. Kurz bevor ich es wieder benutzen kann, werde ich allerdings hibbelig. Der erste Nachrichtencheck ist dann doch etwas erlösend.

 

Tag 2: Nicht lügen

 

Morgens gehe ich mit dem Vorsatz aus dem Haus, heute nicht zu lügen.Soweit habe ich auch keine Schwierigkeiten damit, dies in die Tat umzusetzen. Dann allerdings fragt mich eine ehemalige Mitbewoherin bei WhatsApp, wie es mir geht und ich weiß, dass ich auf diese Standardfrage jetzt mal unstandardmäßig antworten und die Wahrheit sagen muss. Ich bin traurig an dem Tag und schreibe ihr das auch. Als sie nach dem Grund dafür fragt, erkläre ich ihr ihn, was ich unter anderen Umständen vermutlich nicht getan hätte, weil wir uns eigentlich noch gar nicht so gut kennen. Sie reagiert super lieb und spricht mir Mut zu und ich frage mich, warum ich diese Frage nicht öfter ehrlich beantworte, anstatt wie immer nur „gut“ zu sagen. Der restliche Tag verläuft ohne weitere große Herausforderungen, bis abends meine Mitbewohnerin zu mir ins Zimmer kommt und mir aus heiterem Himmel offenbart, dass sie sich jetzt spontan doch noch einen deutlich älteren Untermieter für ihr Zimmer gesucht hat und dieser früh morgens die Wohnung besichtigt. Ich bin ein wenig verärgert, aber auch so überrascht, dass ich meinen Unmut nur indirekt ausdrücken kann. Schließlich denke ich darüber nach, was nicht lügen eigentlich bedeutet. Heißt es auch Schweigen? Oder muss man um jeden Preis seine Meinung sagen? Grübelnd und grummelig schlafe ich ein.

 

Tag 3: Fremde Person ansprechen

 

Eine fremde Person anzusprechen ist für mich immer eine Herausforderung. Am Morgen denke ich, dass ich noch reichlich Zeit habe und schiebe die Challenge vor mir her. Abends merke ich dann, dass ich keine Zeit mehr habe. Ich ärgere mich unglaublich über mich selbst, aber dennoch schaffe ich es nicht, jemanden anzuquatschen. Der ursprüngliche Plan war, jemandem in der Bahn ein ernstgemeintes Kompliment zu machen. Allerdings finde ich niemanden. Auch traue ich mich nicht, jemanden etwas Triviales zu fragen. Jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, pocht mein Herz wie wild und ich breche in letzter Sekunde ab. Was für eine Enttäuschung. Schließlich will ich ein Paket bei der Post abgeben, habe aber mein Handy zu Hause gelassen und die Straße vergessen. Also frage ich einen jungen Mann auf einem Postfahrrad, ob er mir den Weg zur Poststelle beschreiben kann. Merkwürdigerweise weiß er auch nicht genau, wo die ist, nuschelt etwas wirr und unverständlich und deutet dann sehr ungenau in eine Richtung. Ich bedanke mich, gehe aber trotzdem in die entgegengesetzte Richtung und frage mich: Galt das jetzt als Ansprechen? Oder habe ich mich in der Grauzone der Komfortzone bewegt? Ich weiß es nicht genau. Mein Paket gebe ich an dem Tag auch nicht mehr ab.

 

Tag 4: Einen anderen Stil tragen

 

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und überlege. Die Klamotten sind ja alle mein Stil. Wie ziehe ich mich denn wie nicht-ich an? Ich entscheide mich für einen schicken Blazer, den ich sonst nur bei Bewerbungsgesprächen trage, einen Rock, ein bauchfreies T-Shirt und High Heels. Als ich schon im Flur anfange, mit den hohen Schuhen über den Teppich zu schlittern, nehme ich dann doch lieber meine Sandalen. Safety first. Noch ein wenig Lippenstift aufgetragen und – für meine Verhältnisse – aufgedonnert wie nie verlasse ich das Haus. Irgendwie fühle ich mich in meinem Outfit direkt anders und denke, dass alle wissen, dass ich mich heute ‚verkleidet‘ habe. Angst aufzufallen, habe ich aber nicht. Immerhin bin ich gerade in München. In der Bahn sitze ich einem adretten Businessmann gegenüber und an der nächsten Station gesellt sich witzigerweise noch ein Anzugträger zu mir und dem anderen Herren, obwohl es in unserer Ecke relativ eng ist. Wahrscheinlich hat er sich unbewusst bewusst zu den Leuten gesetzt, die seinem Dresscode entsprechen. Ich fühle mich Munich High Society-mäßig. Den Tag über bekomme ich Komplimente für mein Outfit, was richtig aufzufallen scheint. Heißt das im Umkehrschluss, dass ich sonst wie ein Höhlenmensch rumlaufe? Man munkelt. Abends gehe ich mit einer Freundin in einem studentischen Viertel essen und fühle mich angesichts des unausgesprochenen legeren Dresscodes ziemlich aufgestylet. Nach wenigen Minuten weicht dieses Gefühl, als ich feststelle, dass ich mich neben eine Gruppe junger Geschäftsmännern gesetzt habe. Gag des Tages.

 

Tag 5: Etwas alleine unternehmen

 

Als Freundin der Symbolträchtigkeit entschließe ich mich, dem letzten Sommertag in diesem Jahr und meiner Selbstversuchswoche mit einem eiskalten Bad Adé zu winken. Noch in der Arbeit schlüpfe ich in meinen Bikini und fahre dann in den Englischen Garten. Als ich dort ankomme, ist der Himmel ziemlich wolkenverhangen. Die Luft ist mild, aber der frische Wind lässt mir Zweifel daran, ob das so eine gute Idee war. So richtig traue ich mich nicht, ins Wasser zu gehen. Immerhin sind gerade abnormal viele Leute im Park. Die meisten haben sogar lange Hosen an. Nachdem ich knöcheltief ins Wasser gestarkst bin, beschließe ich, noch zu warten. Kurze Zeit später ziehe ich wie von der Tarantel gestochen meine Klamotten aus und gehe ins Wasser. Jetzt oder nie. Es ist so eiskalt, dass es mir für einen Moment die Luft weg bleibt. Langsam hocke ich mich hin und zittere wie wild. Meine Arme schlackern unkontrolliert in der Strömung. Das alles muss wahnsinnig merkwürdig aussehen. Kurze Zeit später hopse ich aus dem Wasser und sehe, wie eine Touristenfamilie auf dem Gehweg stehen geblieben ist, um mich Verrückte zu beobachten. Schnell wieder weggeguckt ziehe ich mich an und lege mich auf die Decke. Reichlich durchblutet gucke ich in den Himmel und freue mich, etwas gewagt zu haben.

 

Der Vorhang der Selbstversuchwoche fällt und es klatscht zwar keiner, aber ich bin glücklich. Zwar hat sich mein Leben nicht großartig verändert, aber dennoch tat es gut, mal etwas Unalltägliches zu tun und aus dem Kreis der Routine auszubrechen. Selbst wenn es scheinbar nur kleine Herausforderungen waren, haben sie den Tagen ein bisschen mehr Würze und Unüblichkeit verliehen. Während ich für meine Begriffe einige Aufgaben gut gemeistert habe, hätte ich andere Challenges besser erledigen können. Aber egal, wie erfolgreich wir bei solchen Challenges sind: Wir sollten nie aufhören, an uns zu arbeiten und uns stattdessen von Zeit zu Zeit mal aus unserer Komfortzone bewegen. Auch wenn es nur mit dem kleinen Zeh ist.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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