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Mit Abschluss, aber ohne Arbeit: Kosovos verlorene Jugend

Tausende junger Kosovaren verlassen jedes Semester die Universitäten – und haben dennoch keine Perspektive. Wie gehen sie damit um?

Von Vjosa Çerkini

Zwischen Albanien, Serbien, Mazedonien und Montenegro liegt der Kosovo. Rund 1,8 Millionen Einwohner, zwei Drittel davon unter 30, 70 Prozent von ihnen haben keine Arbeit. In Scharen zieht es sie weg aus dieser kleinen, vom Krieg geschüttelten Republik, eine Zukunftsperspektive haben nur wenige. Immer mehr wollen deshalb nach Europa, als Arbeiter und Studenten, viele kommen auch als Asylsuchende. Bleiben dürfen Letztere meistens nicht. Sie sind die vielbeschriebenen Wirtschaftsflüchtlinge ohne Aussicht auf Anerkennung. Trotzdem geben einige engagierte junge Kosovaren die Hoffnung nicht auf, dass ihr Land schon bald einer besseren Zukunft entgegenblicken könnte.

Kosovo ist eines der wenigen europäischen Länder, in denen die Mehrheit der Bevölkerung aus Jugendlichen besteht – zwei Drittel der Kosovaren sind unter 30. Aber fast jeder Dritte von denen, die an einer Universität – egal ob öffentlich oder privat – studiert haben, kann keine Arbeit finden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 35 Prozent, unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sogar noch deutlich höher: hier sind es 70 Prozent. Selbst mit einem hervorragendem Abschluss gleicht die Jobsuche einem Glücksspiel. Tausende gebildeter Kosovaren verlassen jedes Semester die Hochschulen – und rutschen in die Erwerbslosigkeit. Einer von ihnen ist der 23jährige Besnik Veliu. Er hat Journalismus an der Universität Pristina studiert und versucht schon seit ein paar Jahren, einen Arbeitsplatz zu finden. Ob das so bald klappen wird, steht in den Sternen.

 

Ein Durchschnittseinkommen von 3.000 Euro

 

“Ich kann sagen, dass ich mich mehr als zwanzig Mal für einen Arbeitsplatz beworben habe, und meistens haben sie mich nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen”, sagt Veliu. “Ich habe versucht, auch in anderen Sektoren Arbeit zu finden, aber es hat nie geklappt.” Außerdem ist das nicht das einzige Problem, das die Leute dort betrifft. “Kosovos privater Arbeitsmarkt ist miserabel. Die Arbeiter werden als Sklaven angesehen und nie regelmäßig bezahlt. Da spreche ich aus eigener Erfahrung”, sagt er. Das Durchschnittseinkommen lag 2014 nach Angaben der kosovarischen Regierung bei 3.084 Euro. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 36.828 Euro. Kosovo ist das ärmste Land auf dem Balkan.

 

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt? Katastrophal.

 

Das bereitet natürlich auch denjenigen Sorgen, die sich dem Ende ihres Studiums nähern. Yllka Leci ist Studentin an der Universität Pristina, Fachrichtung Rechtswissenschaft. Sie hält Kosovo für eine Republik mit wenig Möglichkeiten: “In einem Land, in dem es so einen großen Anteil von arbeitslosen Jugendlichen gibt, muss ich unbedingt alles geben, um meine Ziele zu erreichen. Will man seinem Traum folgen, bedeutet das, dass man sich auf viele Schwierigkeiten vorbereiteten muss, die einem auf dieser Reise begegnen werden.”

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt entlädt sich landesweit in einer angespannten Unzufriedenheit. “Die aktuelle Lage in Kosovo löst in uns gemischte Gefühle aus, aber Zufriedenheit ist keines davon. Kurz zusammengefasst: es ist deprimierend“, sagt Yllka. Der Konkurrenzkampf um die wenigen Arbeitsplätze und die schlechte Bezahlung machen der Bevölkerung Angst. Yllka aber versucht, nicht nur das Negative zu sehen. „Eine Alternative ist immerhin der Weg ins Ausland”, allerdings gebe es im eigenen Land auch genug zu tun. „Was sich dringend verbessern muss, ist das marode Gesundheitswesen“ – 2007 lag das Monatsgehalt eines kosovarischen Facharztes bei 250 Euro – „und das niedrige Bildungsniveau. Nur so hat Kosovo eine Zukunft.“

 

Die Autorin wurde in Pristina, Kosovo geboren und floh 1998 mit ihrer Familie wegen des Krieges nach Deutschland. 1999 ist sie in den Kosovo zurückgekehrt und studiert seit 2011 an der Universität in Pristina Journalismus.

 

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Bildquelle: Igor Cancarevic unter CC0 Lizenz

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