Fürs Erste Krebs: Episode #13

Sebastian Schramm Krebs Kolumne

 

„Kommt, Jungs, das geht auch noch“, schreit uns Christian an. „Mann oder Maus?“ Er wartet nicht mal auf eine Antwort. Die Drinks sind längst bestellt. Er drückt mir und Eric den Wodka-Energy in die Hand und geht vor auf die Tanzfläche. Aus den Boxen dröhnt die Stimme von Peter Fox, alles wäre so schön und neu. Den Text kennen wir auswendig. Als wir unser Abitur machten, lief der Song hoch und runter. Er passte: das Leben vor uns, alles ein einziges Abenteuer, wir waren euphorisiert und hatten die teuren Pläne. Jetzt sind wir Mitte 30. Nicht alles ist so gekommen, wie wir es wollten. Aber wir sind noch da, haben Familie, ordentliche Jobs, ein gutes Leben.

Ich proste Marc und Paul zu. Sie strahlen. Manchmal sagen Blicke alles. Einmal im Jahr, wir versuchen es immer im Sommer, treffen wir uns in Stralsund, unserer Heimat. Vielleicht ist es der Versuch, die Zeit zurückzudrehen. Vielleicht aber auch einfach die Lust, schon nach dem Aufwachen wieder eine neue Geschichte zu können. Ich schließe die Augen und tanze. Bilder schießen durch meinen Kopf: Wie oft wir früher hier feierten, manchmal waren wir fast alleine. Es störte uns selten. Wir hatten ja uns. Wir waren die Party.

 

Zehnjähriges

 

Paul reißt mich aus den Gedanken. Ob wir Baden gehen wollen, fragt er mich. Er erklärt sich nicht oder schiebt ein Lachen hinterher, als würde er nur herumalbern. Es ist sein Ernst. Ohne zu überlegen stimme ich zu. „Klar“, sage ich, „warum eigentlich nicht?“ Wir leeren die Drinks und gehen aus dem Club. Die Sonne scheint uns ins Gesicht, die Luft riecht nach Sommer. Sechs Uhr ist es schon. So lange waren wir ewig nicht mehr weg.

Eigentlich dachte ich, wir gingen zum Strand, zu Fuß sind es nicht einmal 15 Minuten. Aber mit Baden gehen meinte Paul: ins Hafenbecken springen. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Und ich will auch gar nicht. Wir ziehen uns aus, nehmen ein paar Meter Anlauf und springen ins Wasser. Nach dem Auftauchen können wir nur eins: lachen.

Wieder mit Boden unter den Füßen, lassen wir uns von der Sonne trocknen. Wir verabreden uns für den Nachmittag auf einen Kaffee. Der Abend muss ausgewertet werden. Ich gehe zu Fuß nach Hause, bis zur Hälfte des Weges begleitet mich Marc. „Basti, wie lange ist das eigentlich mit dem Krebs her? War jetzt nicht Zehnjähriges?“ Ich grinse ihn an. „Ja, das war im April.“

Der Krebs hinterlässt eine chaotische Gefühlswelt. Oft kann ich sie nicht kontrollieren. Schon eine Melodie reicht, ein Wort oder ein Geruch: Und schon interessiert sich der Kopf  nicht länger für Rationalität, er denkt in Extremen. Aus dem Nichts verdrängt die Krankheit jedweden Optimismus in mir, selbst die Realität – und ich stelle mir vor, dass alles schlecht ausgeht. Wie mich meine Familie und meine Freunde mit nicht einmal 30 Jahren zu Grabe tragen müssen. Es ist keine Spielerei oder nur eine Vorstellung, die ich sofort wieder wegschieben kann. Es fühlt sich echt an.

Und dann, manchmal schon nach Stunden in der Dunkelheit, schwenkt der Kopf um. Als wäre nichts gewesen. Ich bin betrunken vor Glück, mit einem Mal immun gegen jeden Anflug des Negativen. Alles ist eine Wolke. Der Krebs nicht mehr als eine vorübergehende Pause, die mich das Leben erst verstehen ließ. Die mir aufgezeigt hat, was wichtig ist und was nicht. Die mich alles viel mehr genießen lässt. Ich baue eine Zukunft, in der ich glücklich bin und alles gut ist. In der ich alt werde und noch viele wunderbare Tage vor mir liegen. Auch das kann der Krebs.

 

Hier findest du alle „Fürs Erste Krebs“-Episoden von Sebastian Schramm.

Die Diagnose Krebs ist immer schlimm. Aber gerade jungen Menschen wird oft der Boden unter den Füßen weggerrissen, wenn ihnen die Krankheit in ihre Lebensplanung hineinpfuscht. Deshalb gibt es seit 2014 die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Ihr Ziel ist es, die Therapiemöglichkeiten und die Versorgungssituation zu verbessern und Erkrankten mit Gesprächen und Austausch zur Seite zu stehen. Die Facebook-Seite der Stiftung findet ihr hier.


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Bildquelle: Josefine Rosse

 

Meine Mama sagt immer, das Leben sei wie eine Zugfahrt. Allerdings ohne festen Fahrplan. Menschen steigen dazu und wieder aus, manchmal macht der Zug Halt. Nach dem Geschichts- und Germanistikstudium in Rostock zurzeit irgendwo zwischen den Bahnhöfen unterwegs: Journalismus-Master an der Fachhochschule Kiel, nebenbei Volontär bei der Schweriner Volkszeitung. Auf ZEITjUNG mit dem Versuch, der widerlichen Krankheit Krebs ein Gesicht und eine Art von Sinn zu geben.