Seitenwechsel: Integrierte Parallelgesellschaft

In seiner Kolumne Seitenwechsel betrachtet unser Autor Paul aus einer politischen und kulturellen Perspektive die aktuelle Welt des Sports. Er blickt dabei weit über die Faszination des reinen Wettkampfes hinaus: Vom kommerzialisierten Profisport, über ehrenamtliche Vereinsarbeit, bis hin zum Fußballstammtisch in der Kneipe zieht er Rückschlüsse auf gesamtgesellschaftliche Phänomene, geprägt von seinen eigenen Erfahrungen.

„Das ist hier wie in einer anderen Welt.“ „Wie eine Art Kurzurlaub.“, staunten wir, während wir am Geländer des Ascheplatzes standen. Besagter Kurzurlaub war das Pokal-Viertelfinale zwischen der Reinhardts Elf und dem SV Anadolu Spor Koblenz.

Während gewöhnlich bei einem Fußballspiel in der Kreisliga nur ein paar wenige Zuschauer erscheinen, wollte sich diese Paarung wohl kein Fußballinteressierter des Umkreises entgehen lassen. Also fanden sich vor wenigen Tagen mehrere hundert Leute rund um den Platz der Reinhardts Elf ein. Das besondere war aber nicht unbedingt die Wichtigkeit des Spiels, sondern das Aufeinandertreffen dieser beiden besonderen Vereine. Auf der einen Seite eine Mannschaft rund um die Sinti-Familie Reinhardt, auf der anderen Seite ein Verein von und für hauptsächlich türkische Mitbürger. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Spiele gegen diese Teams meistens kein Vergnügen sind. Zum einen, weil viele der Spieler richtig gute Kicker sind, zum anderen aber, da von Spielern und Zuschauern immer eine gehörige Portion Aggressivität, Beleidigung und Provokation beigefügt werden.

Sinti-Familie und türkische Migranten

Das Los des Kreispokals sorgte nun dafür, dass ausgerechnet diese beiden Teams gegeneinander antreten mussten. Ein besonderes Spektakel, da besagte Mannschaften in unterschiedlichen Ligen spielen, eine Begegnung daher normalerweise nur selten stattfindet, Ausnahme dieses Kreispokal Viertelfinale. Und das Spiel sollte in der Tat kein gewöhnliches sein. Doch nicht (nur) das fußballerische Geschehen war spannend zu verfolgen, sondern alles darum herum: Am Spielfeldrand wurden Wasserpfeifen aufgebaut, ganze Großfamilien fanden sich mit Kind und Kegel ein und zu Beginn des Spiels zündeten die zuschauenden Mitglieder des Reinhardt-Clans Pyrotechnik, dazu der Schlachtruf „Hoch lebe Eisen, hoch lebe Stahl!“. Über allem schwebten, sowohl auf dem Platz als auch bei den Zuschauern Aggressionspotential und eine gewisse Gewaltbereitschaft.

Ich fühle mich tatsächlich so als wäre ich in einer Parallelwelt, als hätte ich eine lange Reise angetreten und wäre nicht nur zu Fuß in den benachbarten Stadtteil spaziert. Eigenartig, denke ich, dass so nah vor meiner Haustür ein scheinbar so anderes Leben gelebt wird, als ich es kenne. Die Reinhart Familie ist zwar in der ganzen Stadt bekannt, hauptsächlich allerdings aus den Medien – entweder durch ihre erfolgreichen Musiker oder aufgrund von Clan-Rivalitäten und Straftaten.

Was man beiden Mannschaften heute anmerkt ist ein enormer Einsatz und eine extreme Verbundenheit zu ihrem Team und den Unterstützen an der Seitenlinie. Es geht den meisten hier nicht nur um den Sieg ihres Vereins, es geht in jedem Zweikampf, in jeder Diskussion um ihre Gemeinschaft und um die Familie. Während sich die 22 Spieler mit voller Passion und Energie in jeden Zweikampf und in jede Rudelbildung werfen, denke ich darüber nach, was die beiden Mannschaften von anderen Vereinen unterscheidet – beispielsweise dem Verein in dem ich spiele.

Dieser wurde bereits vor über hundert Jahren gegründet, hat seitdem durchgehend Jugendmannschaften und mindestens zwei Seniorenteams. Seit jeher stehen eine intakte Vereinsstruktur und die Gemeinnützigkeit im Vordergrund. Willkommen, ist jeder, egal wie alt, wie gut, welche Familienherkunft und welche Nationalität. Bei den beiden besagten Vereinen ist das anders. Die Reinhardts Elf besteht lediglich aus der gerade spielenden Mannschaft, der SV Anadolu Spor geht auch nur mit zwei Seniorenmannschaften an den Start. Beide weisen keine lange Tradition auf und betreiben keine Jugendarbeit.

Fußballvereine als Integrationskraft

Der Fußball dient häufig als Beispiel für gelungene Integration. Mit Sicherheit tragen auch die Reinhardts Elf und der SV Anadolu Spor dazu bei, dass sich Personen aus gesellschaftlichen Randgruppen in Deutschland wohlfühlen und einen Zugang zum Sport finden. Auf der anderen Seite wird durch solche Vereine aber auch das Potential verschenkt für ein echtes Zusammenfinden verschiedenster Mitmenschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen zu sorgen. Aus meiner Perspektive, aus der Mitte der Gesellschaft, lässt sich dieser Vorwurf natürlich einfach formulieren, aber für ein integratives Zusammenleben, wäre es bestimmt von Vorteil, dass sich die verschiedensten Gesellschaftsschichten, Nationalitäten und Familien auch innerhalb der Vereine mischen und eben nicht nur in ihrem Umfeld bleiben. Doch die Tendenz geht eher in die andere Richtung. Vor allem in größeren Städten hat fast jede Community ihre eigene Fußballmannschaft: FC Sarajevo Dortmund, FC Syrien Koblenz der der FC Hellas München sind nur einige wenige Beispiele von insgesamt über 4% Deutscher Vereine mit Migrationsbezug.

Dass diese Vereine am offiziellen Spielbetrieb des DfB teilnehmen, ist ein erster Schritt der Integration und soll auch keinem der dort Engagierten streitig gemacht werden. Doch, dass sich Communities und Clan-Strukturen auch immer wieder durch Abschottung in Parallelwelten begeben, wird durch eigene Fußballmannschaften mit Sicherheit nicht durchbrochen. Vielmehr sorgt es für gestärkte Identifikation, Zusammenhalt und Solidarität innerhalb der Parallelgesellschaft.

Beim Spiel der Reinhardts Elf gegen den SV Anadolu Spor Koblenz sorgte genau das für eine spannende und energiegeladene Auseinandersetzung. Am Ende stand eine Rote Karte, ein knapper 1:0 Sieg für Anadolu und die Erfahrung, dass meine Heimatstadt doch heterogener und multikultureller ist, als ich in meinem Alltag oftmals spüre.

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Bildquelle: sporlab auf unspash.com