Ganz ehrlich? Lasst die Ehrlichkeit in der Beziehung mal bleiben!

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Von Nina Deleiter

Wir sitzen in unserer Lieblingskneipe mit unserem Lieblingsbier. Das Heartbeat, der Name ist Programm, unsere Gespräche drehen sich um die Liebe. Ich philosophiere über meine letzte Beziehung, rauche nervös eine Zigarette nach der anderen. Ich rede selten darüber. Meine Freundin nimmt einen großen Schluck aus ihrem zweiten Bier, vorbereitend auf die noch viel größere Frage, die sie mir gleich stellen wird: „Kannst du sagen, was das Wichtigste in einer Beziehung für dich ist?“ Bedeutungsvoll schaut sie mich an, ich überlege nur kurz, antworte eher aus einem Bauchgefühl heraus: „Für mich ist es Ehrlichkeit.“

Viele Paare würden mir an diesem Punkt wahrscheinlich zustimmen. In einer Umfrage mit 10.000 Teilnehmern der Partnervermittlung Elitepartner, ist nach mehrmaligem Fremdgehen Unehrlichkeit mit 71% bereits der zweithäufigste Grund für das Scheitern von Beziehungen. Nicht besonders verwunderlich also, dass man sich mit absoluter Transparenz nun genau davor zu retten versucht. Ehrlichkeit ist zu einer Eigenschaft geworden, die die Qualität unserer Liebesbeziehungen zu definieren scheint. Ganz selbstverständlich wird sie von dem Menschen eingefordert, mit dem wir eine Partnerschaft eingehen. Wir stellen ihm lieber eine Frage zu viel als eine zu wenig. Warum hast du mit deiner letzten Freundin schon nach vier Monaten Schluss gemacht? Warum wurdest du eigentlich gekündigt damals? Mit wie vielen Menschen hast du schon geschlafen?

 

Warum wollen wir uns geliebte Personen immer erklärbar machen?

 

Aber Hand aufs Herz: Wollen wir die Antworten denn wirklich wissen? Geht es uns außerdem etwas an? Alle Facetten und Komplexe des Gegenübers zu kennen, bedeutet natürlich, sich gegen jede mögliche Gefahr schützen zu können, da wir nicht mehr überrascht werden können. Wenn wir alle Macken und Geheimnisse miteinander teilen, verhindern wir quasi schon mal präventiv potentielle Reibungspunkte. Aber schade: Wir nehmen uns gleichzeitig auch den Reiz des Unbekannten. Genau an diesen Reiz knüpft der Schriftsteller Max Frisch an. In seinem Text „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, beschreibt er den Mensch als erregendes Rätsel, „das auszuhalten wir müde geworden sind“. Wir versuchen uns geliebte Personen erklärbar zu machen und genau darin liegt für Frisch das Problem. Dass der Mensch voller Geheimnisse ist und dadurch „unfassbar“ wird, bildet für ihn die Ausgangsbasis, aus der alles Lebendige und Schöne entsteht, das wir in Beziehungen erfahren.

„Was ist für dich denn das Wichtigste in einer Partnerschaft?“, frage ich nun und werfe meiner Freundin ihren bedeutungsschweren Blick zurück. Sie erkennt das dritte Bier darin, lacht und entgegnet dann: „Ne, also prinzipiell geh’ ich mit der Ehrlichkeit schon mit. Aber nicht in jeder Situation und wenn, dann soll er es bitte taktvoll verpacken!“ In Deutschland werden innerhalb von Beziehungen laut einer Erhebung der Single-Börse Parship selten alle Wahrheiten ausgesprochen. Über 80% würden ihrem Partner nicht sagen, dass sie gerne mal mit jemand anderem schlafen würden und mehr als die Hälfte verschweigen es, wenn sie die Freunde des Partners anziehend finden. Manchmal verheimlichen wir Dinge oder lügen gar, um den anderen nicht zu verletzen. Friedrich Nietzsche sagt, dass es Erfindung, Vorstellung und Gedächtnis bedürfe, wenn wir lügen. Und dass wir in Alltagssituationen eher dazu neigen würden die Wahrheit zu sagen, weil der Weg des Zwangs und der Autorität sicherer sei als der der List.

Eine Lüge multipliziere sich schnell. Um sie authentisch rüberzubringen, müsse man zwanzig andere erfinden. Rasch entwickelt sich so ein ganzes Konstrukt an Unwahrheiten und die Lüge verwandelt sich in eine große Last. Genauso gut kann das aber auch bei Ehrlichkeit passieren.

 

Der Schlüssel ist die Balance

 

Will man wirklich wissen, wenn der Freund die beste Freundin attraktiv findet? Wenn er sich theoretisch vorstellen könnte mit ihr zu schlafen? Wahrheit muss den richtigen Ton treffen und dem Partner in angemessener Menge verabreicht werden, denn sobald wir sie teilen, müssen plötzlich auch beide Parteien mit ihr leben. Und in manchen Situationen will man das ganz einfach nicht. Der Schlüssel zu dem immer aufgeregt vor Liebe schlagendem Herzen, liegt darin, genau hier die Balance zu finden. Zu wissen, wann wir dem anderen Zugang zu unserer Gedankenwelt gewähren sollten, wann es besser ist, zu schweigen und wann wir Gefühl oder gar Geheimnis mit unserem Partner teilen müssen. Denn absolute Transparenz macht die Liebe nicht stärker, sie nimmt ihr im schlimmsten Fall den Zauber. Ich zünde mir eine letzte Zigarette an, nicht mehr aus Nervosität, sondern Zufriedenheit.