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Von Scheunenfeten und Sexpartys: Vom Dorfmädchen zum Großstadthipster

In der Großstadt bin ich zu einem urbanen Klischee geworden. Wenn ich zurück in mein Heimatdorf fahre, verstehe ich, was wirklich zählt.

“You doing good, girl?”, fragt mich der Typ neben mir, während er mir ins Gesicht grinst und mir Luft zu fächert. Ich kann nicht klagen: Ich bin angetrunken, ich lebe in meinen Zwanzigern in einer tendenziell aufregenden Weltmetropole und zwischen meinen Beinen hängt die Zunge eines Typen, dessen Gesicht ich noch nie im Hellen gesehen habe. “I’m good”, sage ich lässig zu dem Mann mit dem Fächer und halte ihm mein Gesicht hin. Wenn ich an ihm runter gucke, hängt auch zwischen seinen Beinen ein Mann. Und dahinter noch einer. Es ist nicht der erste schwule Dreier, den ich mir heute ganz selbstverständlich ansehe. Es ist Sonntag, ungefähr 16 Uhr und ich bin in einem hippen Viertel, zwischen hippen Leuten, auf einer hippen Sexparty.

Heute morgen habe ich ausgeschlafen, gefrühstückt und mir mit meiner Mitbewohnerin einen Liter Sekt-Mate in der S-Bahn geteilt. Ehrlich gesagt schlafe ich ziemlich häufig aus. Und um noch ehrlicher zu sein, habe ich nicht nur auf dieser, sondern auf fast jeder Party, auf der ich mich so rumtreibe, schon mit mindestens einer Person geschlafen. Ich lebe in einem überteuerten WG-Zimmer, ich werde einmal unter Altersarmut leiden, weil ich zu faul für einen 9 to 5 Job bin und ich habe die Fingerknöchel tätowiert. Während ich mich für all dies nur in Teilzeit schäme, ist mir zumindest meine Berufsbezeichnung zunehmend peinlich. Wer sich als freischaffender Künstler offenbart, hat wohl kaum eine andere Möglichkeit, als sich einzugestehen, das perfekte Hipster-Klischee eines urbanen Großstädters zu sein.

Die Stadt war nicht immer mein Zuhause

Wenn ich alle Jubeljahre nach Hause, in die 3.000 Einwohner Gemeinde fahre, in der ich aufgewachsen bin, fällt mir immer wieder auf, dass die meisten Menschen, mit denen ich zur Schule gegangen bin, auf dem Dorf geblieben sind. Die Verwirrung, die das bei mir stiftet, ist vermutlich Teil meiner längst errungenen Großstadtarroganz. Jene Arroganz, die einen angepisst sein lässt, wenn Leute sich links auf eine Rolltreppe stellen. Oder man mal sechs Minuten auf die S-Bahn warten muss. Dabei habe ich siebzehn Jahre meines Lebens an einem Ort gelebt, an dem der Bus nur stündlich fuhr. Bis 19 Uhr, am Wochenende gar nicht. Und was ist überhaupt ein Bahnhof?

“Ach, das ist ja nett, hallo”, grüßen mich die Muttis, die ich bei Edeka an der Kasse treffe, wenn ich im Ort bin, um meine eigene Mutter zu besuchen. Den meisten kann ich eine Familie zuordnen, die Namen vergesse ich manchmal. Manche sagen mir, dass ich ja wieder spannend aussähe, so mit meiner Frisur. Wie es mir ginge, dass ich ja in Israel gewesen sei, dass das sicher aufregend gewesen war.

Ich komme aus einem Dorf, in dem das größte Gesprächsthema der letzten Jahre der Streit um den Kauf eines einzelnen Parkplatzes war. Das ist kein erfundenes Beispiel, um aufzuzeigen, wie wenig dort passiert, das ist wirklich die Wahrheit. Ich komme aus einem Dorf, in dem man sich das Grundstück neben seinem Haus halt einfach kauft, damit dort kein Neubau entstehen wird. Und vor allem aus einem Dorf, in dem das alles niemanden wundert.

Von einer Bilderbuchjugend zur Anonymität

Meine Jugend auf dem Land war großartig. Ehrlich gesagt bin ich sogar davon überzeugt, dass meine Dorfjugend besser war, als irgendeine, die ich in der Stadt hätte haben können. Wir haben all die Dinge getan, die Stadtteenager nur von Filmen und von Tumblr-Blogs kennen. An meine Jugend erinnern mich lauwarme Sommerabende am See, Nacktbaden mit der halben Schulklasse, Lagerfeuer und wildes Knutschen. Völlig normal, mit drei betrunkenen Kids auf dem gepimpten Mofa des älteren Nachbarsjungen über die Feldwege von A nach B zu fahren. An den Sommer in der Stadt habe ich mich ehrlich gesagt noch immer nicht ganz gewöhnen können.

Um jemanden aus dem Dorf zu verabschieden, traue ich mich Ende letzten Jahres auf eine Party. “Was gibt’s Neues bei Dir?”, fragt mich jemand, mit dem ich zwar nie besonders eng befreundet war, der meine Familie aber besser kennt, als alle Freunde von mir, mit denen ich in den letzten Jahren mein Leben geteilt habe. Wenn junge Männer, mit denen ich seit Jahren nicht geredet habe, und die mich kennen, seit ich in den Kindergarten ging, den Spitznamen meines Vaters und den Geburtstag meines Bruders wissen, gibt mir das ein verwirrendes Heimatgefühl, welches ich in der Anonymität der Großstadt längst vergessen hatte.

“Ach, nichts besonderes”, antworte ich und merke noch beim Sprechen, dass ich lüge. Eigentlich passiert bei mir ziemlich viel, ich wüsste nur nicht, wo ich anfangen soll. Denn während hier die Aufregung um das alljährliche Fußballhallenturnier zum Glück irgendwann den Parkplatzstreit in den Hintergrund gerückt hat, habe ich hunderte Leute kennengelernt und mich so weit weg von hier bewegt, dass eine Erklärung sich fremd anfühlen würde.

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