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Von Scheunenfeten und Sexpartys: Vom Dorfmädchen zum Großstadthipster

In der Großstadt bin ich zu einem urbanen Klischee geworden. Wenn ich zurück in mein Heimatdorf fahre, verstehe ich, was wirklich zählt.

 

Hier geht es darum, dass du nett bist

Während in einem urbanen Städteumfeld direkt jeder davon ausgeht, dass du mitten in einer akademischen Laufbahn steckst, am Besten schon um die halbe Welt gereist bist und bereits mehrere künstlerische Sinnkrisen überwunden hast, geht es hier schlicht und einfach darum, dass du nett bist. Hier pitcht keiner Projekte, hier trinkt niemand Chai Latte. In unserem Dorf-Jugendzentrum gibt es Cola und Käsesandwich und es gibt nichts, was mich glücklicher machen kann. Auf der Feier hat mich keiner gefragt, warum ich mich die letzten Jahre eigentlich nie blicken gelassen habe. Obwohl es eine berechtigte Frage gewesen wäre. Alle finden es einfach okay, dass ich wieder da bin. Und vor allem will niemand von mir wissen, was ich in den letzten Jahren besonderes erreicht oder geschaffen habe.

Ich liebe das Leben in der Stadt. Ich liebe es, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Dass es meine Freunde eben nicht besonders unnormal finden, dass ich Sonntags um 16h auf eine Sexparty gehe. Ich liebe, dass ich unerkannt durch die Straßen ziehen kann, dass ich in einem halben Jahr potenziell wieder andere Menschen kenne als jetzt und dass aus jedem schlechten Tinder-Date immer noch ein guter Vice-Artikel werden kann.

Und ganz ehrlich: Ich will nirgendwo anders hin. Ich habe gerne am Sonntag Gruppensex mit einem schwulen Arzt, der sich das erste Mal mit einer Frau ausprobiert und mir anbietet, mir für morgen eine Krankschreibung mitzugeben. Denn ich feiere gerne zu viel. Ich schlafe gerne am Montag aus und überlege mir gerne erst nächste Woche, wie ich das mit meiner Rente irgendwann mal regele. Denn das ist vielleicht verantwortungslos – aber es ist genau, wie ich meine Zwanziger leben will.

Und was ich verstehe, wenn ich nach Hause fahre? Es ist eben genau so ok, das nicht zu wollen. Denn wenn ich durch das Dorf laufe, in dem ich jede Ecke einer Geschichte und jedes Gesicht einer Familie zuordnen kann, ist es doch ganz fabelhaft, ab und zu ein bisschen Beständigkeit zu haben. Und es tut so gut, zurück zuhause zu sein und diese Muttis zu treffen, die sich ganz ehrlich freuen, dass ich mich mal wieder sehen lasse. Es tut gut, zu wissen, dass es abseits der Hektik der Großstadt noch einen Ort gibt, an dem Menschen sind, die dich nicht ganz vergessen. Egal, wie lange du nicht da bist. Und denen es egal ist, ob dein Brot glutenfrei ist. Auch, wenn ich dort vielleicht nicht erzähle, was ich an Sonntagen eigentlich so mache.


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Bildquelle: privat

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