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Wenn die Liebe plötzlich wegzieht

Plötzlich, mitten im Juli, verliebt sich unser Autor. Der Sommer ging – und mit ihm die Affäre. Die Geschichte eines Abschieds.

Draußen schauen schneebedeckte Zweige traurig ins Zuginnere, drinnen schmeckt der Kaffee nach Abschied. Vor dem Fenster Wiesen, die ich sonst schön finden würde, wie sie so glitzernd und schneebedeckt vorbeiziehen und mir Lust auf Winterabende mit Glühwein und Lagerfeuer machen. Heute finde ich sie einsam. Ihnen fehlt das Leben. Das Lebendigsein der Gräser, die tot und erfroren darunter liegen und das der Menschen, von deren Lachen und Familienwanderungen jede Spur fehlt.

Im Zug sitzen Familien. Eine Mutter liest ihrer Tochter eine Geschichte vor. Mit großen Augen schaut das Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, ins Nichts, ist ganz versunken im Erzählten. So müsste es viel öfter sein, denke ich, auch später, wenn Rechnungen und Steuererklärungen Pfützenspringen und Schneeballschlachten verdrängen. Den Moment müsste man leben, vor uns das Ungewisse, nach uns die Sintflut. Dass ich leider nicht mehr fünf bin, habe ich eine Stunde vorher gemerkt. Und so sitze ich einsam in einem halbleeren Zug, finde glitzernden Schnee traurig und starre in meinen langsam kalt werdenden Kaffee aus dem Bordbistro.

 

Es begann auf einer Party

 

Diese Geschichte beginnt ein halbes Jahr vorher. Es ist Sommer, München leuchtet. Man sitzt draußen, die Nächte sind kurz und den wenigen Schlaf kompensiert man mit Momenten an der Isar, mit Biertrinken im Englischen Garten. Eine Party eines Freundes. Es wird getrunken, die Prüfungen existieren in diesem Monat nicht. Der niedrige Kontostand? Wird hingenommen. Ich bin glücklich. Weil ich tun kann, was ich will. Und weil es Sommer ist und ich, auch wenn es dunkel wird, noch draußen sein und die langsam abkühlende Luft einatmen kann.

Ich stehe auf dem Balkon und rede mit Kommilitonen von Fred, Leons Mitbewohner. Über uns färbt der Himmel sich langsam dunkel und vom Straßencafé irgendwo unter uns wehen Gesprächsfetzen hoch. Die Tür geht auf und zwei Mädchen betreten den Balkon zum Rauchen. Man kommt ins Gespräch –  natürlich kommt man das. Auf diesen Partys sitzt man immer irgendwann mit Leuten zusammen, deren Namen man schon längst wieder vergessen hat. Und das macht nichts, denn man hat eine gute Zeit zusammen, lacht viel und das einzig Beständige ist ein neues Bier in der Hand.

Madita heißt sie, die hinreißende Braunhaarige der beiden. Astrid-Lindgren-Romantik in der Neuzeit, denke ich und finde den Namen bezaubernd. Ich könnte jetzt schreiben, dass wir uns von Anfang an verliebten. Das wäre aber gelogen. Denn tatsächlich reden wir einfach, lachen, werden betrunkener, liegen uns später in den Armen, weil wir gegen Leon und seine Freundin im Bierpong gewonnen haben. Das ist alles. Und dennoch: Als ich am nächsten Tag auf Freds Sofa aufwache und der Preis der langen Sommernächte meinen Körper in die Mangel nimmt, denke ich an sie. An ihre kleinen Grübchen, an ihr viel zu lautes Lachen und an das Piercing ganz oben im linken Ohr. Natürlich finde ich sie auf Facebook. Ich bin viel zu verkatert, um nachzudenken –  und schreibe ihr. Am späteren Abend, wir schauen in der WG einen Film, vibriert mein Handy. Sie. Madita.

 

Plötzlich ist sie weg

 

Der Rest des Sommers ist schnell erzählt. Madita und ich im Open-Air-Kino, böse Blicke erntend, weil wir einen Lachanfall haben. Madita und ich nachts betrunken auf einer Parkbank, drüber streitend, welchen Weg wir nach Hause nehmen. Madita und ich in der Badewanne, Musik hörend. Madita, wie sie auf mir liegt wie eine Katze, während ich lese. Ich, wie ich Madita beobachte, als sie beim Lesen fast unmerklich ihre Lippen bewegt. Madita und ich im Club. Sie lachend, weil ich so bescheuert tanze, ich verzaubert, weil sie beim Lachen ihren Kopf in den Nacken wirft.

Natürlich kommt der Herbst. Er kommt immer. Und mit dem Regen, der das Laub auf den Straßen durchtränkt und den Sommergeruch von der Straße wäscht, kommt Hamburg. Denn Maditas Praktikum endet, sie geht zurück zum Studium ans andere Ende Deutschlands. Im Sommer haben wir immer über die Paare gelacht, bei denen einer für den anderen alles aufgibt. Denn es war irgendwie klar, dass im Oktober, wenn die Uni wieder losgeht, alles zu Ende ist. Wir kennen uns kaum, haben unsere Leben in unserer Stadt. Und das ist auch gut so. Dachte ich jedenfalls bis zu Tag des Abschieds. Irgendwann Anfang Oktober, Bahnhof München. Die Herbstsonne scheint schräg auf den Bahnsteig und lässt die Bierflaschen leuchten, die jemand neben dem Mülleimer für die Pfandsammler abgestellt hat.

Der Zug fährt ein und plötzlich wissen wir nicht mehr, was wir sagen sollen. Wir, denen den ganzen Sommer nie das Material an Wörtern ausgegangen war. Sie sieht mich an, ich habe keine Ahnung, was sie denkt und wünsche mir irgendwie, dass sie weint. Sie tut es nicht, küsst mich, nur kurz, als würde der Zug jeden Moment abfahren. Dabei haben wir noch über fünf Minuten Zeit. Dann steigt sie ein, winkt mir, wie man seinen Gasteltern winkt und nicht dem Typen, mit dem man den Sommer verbracht hat. Und ist weg.

Die Uni geht los und wir leben leben weiter. Und doch vermisse ich sie. Natürlich tue ich das. Sie und ihre verrückten Seiten. Sie, wie sie unter der Dusche mit völlig falschem Text Charts-Musik mitsingt. Sie, wie sie kurz vor dem Orgasmus den Mund öffnet. Sie, wie sie sich weigert, sich ihr Bier von mir mit einem Feuerzeug öffnen zu lassen und dann das Feuerzeug kaputt macht. Sie, wie sie fasziniert in den Himmel guckt, wo sich ein Regenbogen gebildet hat.

 

Auf nach Hamburg

 

Dezember. Es schneit dicke Flocken vom Himmel und ich merke, wie Madita mir entgleitet. Und ich ihr. Wie wir beide es nicht können, am Telefon auszudrücken, wie sehr man den anderen vermisst. Ich bin traurig, meine Jungs merken es und wissen nicht, was sie machen sollen. Das kennen sie nicht von mir. Ich schaue ganze Nächte lang Breaking Bad, trinke alleine Bier. Eine Woche vor Weihnachten legen mir Leon und Adri ein Ticket nach Hamburg hin. „Du musst das jetzt machen“, sagt Leon. Im Zug stelle ich mir vor, wie ich sie wiedersehe. Wie sie lacht und sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischt. Ich bin zu aufgeregt, um zu lesen. Also lasse ich es und gucke stundenlang aus dem Fenster.

Als ich an der Tür ihrer WG klingle, macht ein großer, breiter Typ auf. Marc, ihr Mitbewohner. Sie hat mir von ihm erzählt. „Ist Madita da?“, frage ich, ohne mich vorzustellen. „Nee“, sagt er, „die ist glaube ich mit ihrem Freund was essen.“ Ich gucke Marc an und Marc mich. „Soll ich ihr was ausrichten?“, fragt er. „Nee, ich komme dann später einfach nochmal wieder“, sage ich, drehe mich um und gehe. Ich fahre zum Bahnhof, kaufe mir ein viel zu teures Ticket und trinke ein Bier in einem kleinen Bistro.

 

War das Liebe?

 

Während ich im Zug sitze, die kahlen Bäume anstarre, und sie mich, wird mir klar, dass ich Madita geliebt habe. Natürlich, ich kannte sie nicht lang. Aber es war ganz anders als die Strohfeuer, wie ich sie sonst kannte. Ich schaute sie an, ganz offen und wahrhaftig, ohne einen Rest Selbstschutz. Das machte ich nicht einmal bei allen Freunden. Ich denke daran, dass es diese Geschichte schon so oft gegeben hat und merke, wie sie dennoch alle Gefühle übertrifft, die ich mit ihr vorher in Verbindung gebracht hatte. Ich mache meine Musik lauter, draußen trottet ein Fuchs zwischen schneebedeckten Heuballen hindurch. Ich will eigentlich nur den Song wechseln und zur Hymne der unerfüllt Liebenden zurückkehren, der Justin-Vernon-Coverversion von „I Can’t Make You Love Me“, als ich ihren Namen suche. Meine Finger, die noch vor weniger als zwei Stunden die Klingel ihres Zuhauses berührten, tippen: „Ich werde Dich vermissen.“ Ich drücke auf Senden.

Es ist Sommer, München leuchtet. Ich denke zwar noch an Madita, aber es kommt mir vor, als wäre der vergangene Sommer Jahre her. Ich bin glücklich. Mädchenlos zwar, aber glücklich. Über meine Freunde, mein Leben. Es ist spät, 3 Uhr nachts, ich stehe mit den Jungs draußen beim Rauchen und Adri redet betrunken mit zwei Mädchen über den Irrsinn, dass unser Planet gerade, in diesem Moment, mit über 100 km/h durchs All rast, als mein Handy vibriert. Madita. Ich denke an unseren Sommer, an ihren Piercing im Ohr, ihr Lachen. Und meine Liebe in diesen wenigen Wochen. Ich trinke mein Bier aus, atme einen Zug verrauchte Sommerluft und öffne ihre Nachricht.

 

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Bildquelle: Everton Vila unter cc0 Lizenz

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