Dein Match schreibt dir vielleicht gar nicht selbst
Kennst du das Gefühl: Ein Dating-Chat läuft ungewöhnlich glatt, fast zu druckreif für eine Textnachricht um Mitternacht? Womöglich tippst du gar nicht mit deinem Match, sondern mit einem Sprachmodell.
Ein neues Wort für ein altes Misstrauen
„Chatfishing“ beschreibt das Phänomen, dass immer mehr Menschen KI-Tools wie ChatGPT oder Claude nutzen, um ihre Nachrichten auf Dating-Apps zu formulieren oder den Chat komplett zu automatisieren. Laut einer Erhebung der Match Group und des Kinsey Institute nutzen inzwischen rund ein Viertel der US-Singles – konkret 26 Prozent, ein Plus von 333 Prozent gegenüber dem Vorjahr – KI beim Dating.
Wie zuverlässig sich KI-Text überhaupt erkennen lässt, ist dabei ein generelles Problem: In Tests zur Unterscheidung von KI- und Menschentexten liegt die menschliche Trefferquote oft nur bei rund 57 Prozent – kaum besser als ein Münzwurf. Speziell für Dating-Chats gilt automatisierte Erkennungssoftware ohnehin als unzuverlässig. Das Thema ist längst kein Randphänomen einzelner Tech-Fans mehr, sondern Alltag in Millionen Chatverläufen – meist unbemerkt vom Gegenüber.
Warum das anders ist als bekannte KI-Dating-Themen
Anders als bei gefälschten Profilbildern oder Companion-Chatbots geht es beim Chatfishing nicht um ein Werkzeug nebenbei, sondern um die Persönlichkeit selbst, die im Chat vermittelt wird. Hinge-Chefin Jackie Jantos brachte die Sorge der Plattformen auf den Punkt: Es sei wichtig, dass Menschen in diesem Kontext auch wirklich Menschen blieben. Wie absurd die Praxis kippen kann, zeigt ein Fall aus San Diego: Eine Userin berichtete, ein Telefonat mit ihrem Match habe sich angehört, als lese ihr Gegenüber ein Skript vor, das vorab per Chatbot aus ihrem eigenen Profil generiert worden war.
Was Dating-Apps dagegen tun – und was nicht
Mehrere Plattformen erklären öffentlich, an Erkennungsmechanismen für KI-generierte Nachrichten zu arbeiten – bislang allerdings mit mäßigem Erfolg. Ein grundsätzliches Verbot von Schreibhilfen ist kaum durchsetzbar und wirft heikle Abgrenzungsfragen auf: Wo endet die simple Rechtschreibkorrektur, und wo beginnt eine fremdformulierte Identität? Diese Unschärfe dürfte die Dating-Kultur noch länger begleiten, wie auch unser Artikel „Schreibt da gerade ChatGPT mit dir?“ zeigt.
Was das für deine Dating-Praxis heißt
Die Kernfrage hinter Chatfishing lautet nicht nur „Mensch oder Bot?“, sondern: Wessen Humor, Sprache und Empathie lerne ich hier eigentlich kennen? Wenn sich ein Telefonat oder erstes Treffen unerwartet zäh anfühlt, obwohl der Chat vorher mühelos lief, liegt das nicht zwingend an dir. Es bedeutet oft schlicht, dass du bisher mit einer kuratierten Textfassung der Person interagiert hast.
Der pragmatische Ausweg: Den Chat kurz halten und schneller auf einen kurzen Video-Call oder ein Treffen vor Ort setzen. Spontanität und echter Humor lassen sich live nicht outsourcen. Und wer sich selbst beim Prompten von Flirtnachrichten ertappt, sollte kurz innehalten: Passiert der Griff zur KI aus Zeitdruck oder aus Unsicherheit, wie wir es in „KI beim Dating: Hilfreich ja, Ersatz fürs Herz nein“ thematisieren? Verstehbar ist beides – es verschiebt aber unweigerlich die Erwartungshaltung, noch bevor man sich zum ersten Mal tatsächlich gegenübersteht.
Foto von Gustavo Fring: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-smartphone-buro-surfen-4149074/
