Wofür Kriminelle, Geheimdienste und Militärs Claude wirklich benutzt haben
Stell dir vor, ein KI-Chatbot, den du für Hausaufgaben oder E-Mails nutzt, wird gleichzeitig von einer bewaffneten Gruppierung genutzt, um an Waffenbau-Software zu kommen. Genau das beschreibt Anthropic, das Unternehmen hinter dem Modell Claude, in seinem eigenen Bedrohungsbericht vom September 2026 und macht damit öffentlich, was Sicherheitsforscher:innen sonst eher hinter verschlossenen Türen diskutieren.
Ein Bericht, der auch das eigene Produkt bloßstellt
Ungewöhnlich an dem Report ist schon der Absender: Anthropic legt selbst offen, wie sein KI-Modell missbraucht wurde – nicht als PR-Coup, sondern als Teil dessen, was das Unternehmen als Verantwortung eines KI-Anbieters versteht. Herausgekommen ist eine Liste an Fällen, die von Cyberspionage bis zu Waffenentwicklung reicht – und zeigt, dass die Frage, ob KI eines Tages die Kontrolle übernehmen könnte, längst nicht mehr nur ein Gedankenspiel ist.
Spionage, Cyberangriffe und ein Fall aus dem Jemen
Laut dem Bericht nutzte eine mutmaßlich russische Spionage-Gruppe (intern als GTG-20006 geführt) Claude, um mehr als 20 Organisationen anzugreifen, vor allem Ministerien, Botschaften und Rüstungsfirmen in der Ukraine und in Europa. Besonders brisant, bestätigt unter anderem von Bloomberg und der Times of Israel: Eine mutmaßlich mit den Huthi verbundene Gruppierung im von den Huthis kontrollierten Jemen nutzte Claude laut Anthropic, um sich bei der Entwicklung von Lenkraketen-Software unterstützen zu lassen, anstelle menschlicher Software-Ingenieur:innen. Zusätzlich identifizierte das Unternehmen einen russischen Freelancer mit Verbindungen ins akademische Umfeld, der Claude nutzte, um Code für einen Kamikaze-Drohnenschwarm zu testen.
Auch die eigene Konkurrenz bleibt nicht verschont
Neben Sicherheitsfällen dokumentiert der Bericht, wie mehrere chinesische KI-Anbieter, darunter Alibaba, Moonshot AI, DeepSeek, Z.ai, Xiaomi und MiniMax, laut Anthropic in großem Stil versuchten, die Fähigkeiten von Claude unautorisiert zu kopieren („Distillation“). So soll Moonshot AI beispielsweise Kundenanfragen heimlich an Claude weitergeleitet haben, statt sie mit dem eigenen Modell zu beantworten – ein Vorgehen, das zeigt, wie eng technologische Konkurrenz und Sicherheitsfragen inzwischen zusammenhängen.
Was das für dich als Nutzer:in bedeutet
Für dich im Alltag ändert der Bericht erst einmal nichts, du merkst weder etwas von der Spionage-Gruppe noch von der Drohnen-Software. Er zeigt aber, wie zweigleisig KI-Sicherheit inzwischen gedacht werden muss: Die gleichen Werkzeuge, die dir beim Lernen oder Programmieren helfen – Sorgen, ob deine eigenen Claude-Chats überhaupt privat sind, eingeschlossen –, werden im Hintergrund längst auch von Akteuren mit ganz anderen Absichten getestet, von Kriminellen über Spionage-Gruppen bis zu staatsnahen Akteuren. Wichtig bei allen genannten Zahlen: Sie stammen aus Anthropics eigener Einschätzung der Lage und wurden bislang nicht unabhängig durch Dritte überprüft, was den Bericht nicht weniger relevant, aber einordnungsbedürftig macht.
Foto von Tima Miroshnichenko: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-sitzung-sitzen-technologie-5380640/
