„Nein“ im Bett: Warum es manchmal schwerfällt und was helfen kann

700 Studentinnen, im Schnitt etwa 19 Jahre alt, haben für eine Studie der University of Tennessee Fragen zu Familie, Körperbild und Sexualität beantwortet. PsyPost berichtete am 4. Oktober über die Ergebnisse: Wer in der Herkunftsfamilie vermehrt sexualisierende Botschaften erlebt hat, berichtete später häufiger von Schwierigkeiten, unerwünschten Sex abzulehnen. Die Studie beschreibt dabei einen statistischen Zusammenhang, keine direkte Ursache.

Was die Studie gefunden hat

Die Psychologin Dawn M. Szymanski und die Doktorandin Greta Hacker haben die Studie in der Fachzeitschrift Psychology of Women Quarterly veröffentlicht. Befragt wurden 700 Studentinnen, überwiegend weiß und heterosexuell. Eine Teilgruppe von 533 Frauen, die im letzten Monat sexuell aktiv war, beantwortete zusätzlich Fragen zum Thema Orgasmus. Die Rekrutierung erfolgte über einen Psychologie-Forschungspool der University of Tennessee in Knoxville (USA) gegen Studienpunkte.

Gemessen wurde, wie häufig die Frauen beim Aufwachsen in ihrer Familie sexualisierende Botschaften erlebt hatten – etwa Kommentare über ihr eigenes Aussehen oder über die Körper anderer Frauen. Das korrelierte mit einer stärkeren Selbstobjektivierung, also der Neigung, den eigenen Körper vorrangig aus einer Außenperspektive zu bewerten. Daraus ergab sich laut Studie ein indirekter Pfad zu größeren Schwierigkeiten, unerwünschten Sex abzulehnen und eigene Wünsche zu äußern. Auch direkt hingen die familiären Botschaften mit der Hürde zusammen, Nein zu sagen. Laut PsyPost waren diese Zusammenhänge bezüglich Ablehnung und Orgasmus jedoch schwächer als der mäßige Zusammenhang zwischen Familienbotschaften und Selbstobjektivierung.

Indirekt zeigte sich zudem eine Verbindung zu selteneren Orgasmen und geringerer Orgasmuszufriedenheit. Das Gesamtmodell erklärte 21 Prozent der Varianz bei den Orgasmuswerten. Überraschend für die Autorinnen: Körperbezogene Angst beim Sex sagte den Orgasmus nicht mehr signifikant voraus, sobald Kommunikation und die Fähigkeit zur Ablehnung im Modell berücksichtigt wurden.

Was die Studie nicht sagt

Die Daten basieren auf Selbstauskünften, auch über Jahre zurückliegende Erfahrungen im Elternhaus, was Erinnerungsverfälschungen beinhalten kann. Es handelt sich um Querschnittsdaten, die keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zulassen. Durch die spezifische Stichprobe lassen sich die Ergebnisse nur eingeschränkt verallgemeinern; für Entwicklungen über die Zeit sind Längsschnittstudien erforderlich. Zudem lässt sich aus Gruppendurchschnitten nichts über Einzelfälle ableiten, und familiäre Prägungen stellen nur einen von vielen Einflussfaktoren dar.

Die Studie hat zudem keine konkreten Verhaltensmaßnahmen getestet. Die folgenden Abschnitte übersetzen die Thematik in den Alltag.

Was bei Zustimmung gilt

Laut AOK-Gesundheitsmagazin bedeutet Konsens die freiwillige Zustimmung zu sexuellen Handlungen. Diese Zustimmung ist jederzeit widerrufbar und wird verbal oder durch eindeutiges Verhalten ausgedrückt. Ein Nein muss dabei nicht zwingend ausgesprochen werden – es kann auch nonverbal erfolgen. Ein fehlendes Nein stellt kein automatisches Ja dar. Das Konzept „Ja heißt Ja“ fordert eine aktive Zustimmung aller Beteiligten.

In Deutschland gilt im Strafrecht seit der Reform 2016 der Grundsatz „Nein heißt Nein“. Nach § 177 StGB ist eine sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen einer Person strafbar. Dieser Wille kann laut Deutschem Bundestag verbal oder durch Verhalten wie Weinen oder Abwehr vermittelt werden. Eine Ausweitung hin zu „Nur Ja heißt Ja“ wird politisch debattiert: Der Bundesrat hat eine entsprechende Überprüfung im Juli 2026 gefordert; ein beschlossenes Gesetz gibt es hierzu noch nicht (taz).

Formulierungen, die helfen können

Das AOK-Magazin nennt als Beispiele Fragen wie „Möchtest du eine Pause machen?“ oder „Bist du dir sicher?“. Für eigene Wünsche eignen sich Formulierungen wie „Ich habe Lust auf … Du auch?“. Konsens wird als fortlaufender Prozess mit regelmäßigen Check-ins verstanden. Um Nein zu sagen, ohne lange Rechtfertigungen zu liefern, können Aussagen wie „Das fühlt sich für mich gerade nicht gut an, können wir kurz stoppen?“ oder „Ich möchte heute lieber nur kuscheln“ dienen.

Wo du Unterstützung findest

Wenn dir sexuelle Situationen unangenehm sind oder waren, gibt es professionelle Anlaufstellen:

  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Rund um die Uhr erreichbar unter 08000 116 016 (Familienportal).
  • Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: Anonym und kostenfrei unter 0800 22 55 530 (Mo, Mi, Fr: 9–14 Uhr; Di, Do: 15–20 Uhr; laut Bundesfamilienministerium).
  • Telefonseelsorge: Rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.

Alle Angebote gelten bundesweit in Deutschland.

Foto von Vitaly Gariev: https://www.pexels.com/de-de/foto/paar-im-bett-fuhrt-ein-ernstes-gesprach-36766906/