Ghosting: Warum Schweigen für beide Seiten schwerer ist als gedacht
Die naheliegende Annahme: Wer nicht mehr antwortet, macht es sich leichter als die Person, die vergeblich auf eine Nachricht wartet. Zwei von drei Experimenten einer Studienreihe der Forscherinnen Sophia Li, Coral Zheng und Juliana Schroeder zeigen jedoch: Das stimmt so nicht ganz. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Personality and Social Psychology Bulletin veröffentlicht.
Was die Experimente zeigen
In der ersten Studie erinnerten sich 195 Erwachsene an eine Online-Unterhaltung mit einer nicht eng vertrauten Person. Sie nahmen entweder die Rolle derjenigen ein, die nicht mehr geantwortet hatte, oder derjenigen, die ohne Antwort blieb. Auf einer Skala von 1 („überhaupt nicht schlimm“) bis 5 („extrem schlimm“) bewerteten Personen, die nicht geantwortet hatten, ihr eigenes Verhalten im Schnitt mit 2,27. Die geghosteten Personen schätzten die Belastung der Gegenpartei hingegen nur auf 1,56 ein.
In der zweiten Studie versetzten sich 601 Erwachsene in einen hypothetischen Textverlauf mit einer flüchtigen Bekanntschaft. Wer die Antwort verweigerte, erwartete für sich selbst eine Belastung von 3,23, während die Wartenden dies auf lediglich 1,94 schätzten. Folgte stattdessen eine kurze Absage wie „Sorry, aber ich kann gerade nicht reden“, verringerte sich die Lücke deutlich auf 2,33 gegenüber 1,82.
Wo die Studie an Grenzen stößt
Das Live-Experiment – die realistischste der drei Anordnungen – konnte den Gesamteffekt nicht direkt reproduzieren. In anonymen Chats zwischen Fremden (175 ausgewertete Paare) zeigte sich das Muster nur in einer ungeplanten Teilanalyse bei Teilnehmenden, die das Verhalten explizit als Ghosting einstuften. Zudem waren die Interaktionen kurz, die Teilnehmenden einander fremd und ausschließlich aus den USA. Dynamiken bei festen Partner*innen oder engen Freund*innen erfasst die Studie daher nur eingeschränkt. Zudem bleibt der Begriff im Forschungsfeld komplex, wie auch Vergleiche zu Phänomenen wie Fizzling zeigen.
Was daraus folgt
Eine allgemeingültige Beziehungsregel lässt sich aus den Experimenten nicht ableiten. Die Ergebnisse verurteilen weder das Schweigen noch das Warten, sondern verdeutlichen primär, dass beide Seiten dieselbe Situation emotional unterschiedlich bewerten. Um Hürden und Missverständnisse vor einem Kontaktabbruch zu reduzieren, empfehlen die Autorinnen, nach Möglichkeit eine kurze, klare Nachricht zu senden.
Wo du Unterstützung findest
Wenn dich eine solche Situation oder ein abruptes Ende des Kontakts länger beschäftigt, kann der Austausch mit Freund*innen oder kostenfreien Beratungsangeboten entlasten:
- Deutschland: Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, kostenfrei).
- Österreich: Telefonseelsorge unter 142.
- Schweiz: Die Dargebotene Hand unter 143.
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